Beim Mädchenfußball in Heide ist die Welt zu Hause

Die Fußball-Mädchen des Heider SV kommen aus der ganzen Welt. Von den Spielerinnen der vier Mädchenteams des Vereins an der schleswig-holsteinischen Westküste haben die Hälfte einen Migrationshintergrund. Durch eine intensive Kooperation mit einer Grundschule und dem im Sommer stattfindenden Tag des Mädchenfußballs finden viele neue Mädchen den Weg in den Verein.

D-Mädchenteam vom Heider SV

Foto: Nicola Gredel
D-Mädchenteam vom Heider SV Foto: Nicola Gredel

Interview mit Friedel Seehausen, Integrationsbeauftragter des Heider SV

 

Wie sind Sie zu Ihrem Amt als Integrationsbeauftragter gekommen?

Durch meine langjährige Tätigkeit als Schulleiter der St. Georg Grundschule in Heide hatte ich schon seit vielen Jahren mit dem Thema Integration zu tun. An der Schule haben wir niedrigschwelligen Deutschunterricht für Mütter mit Migrationshintergrund angeboten. Beim Heider SV, dem ich in der Abteilung Fußball schon seit vielen Jahrzehnten angehöre, lag es dann nahe, den Posten als Integrationsbeauftragter zu übernehmen.

Wie viele Mädchen mit Migrationshintergrund spielen in den Teams des Heider SV Fußball?

Aufgrund der vielfältigen internationalen Umbrüche ist inzwischen auch in Heide die Welt zu Hause. Wir haben beim Heider SV vier Mädchengruppen mit insgesamt 51 Mädchen im Alter von 9 bis 17 Jahren. Sogar 25 Spielerinnen haben ausländische Wurzeln in Syrien, der Türkei, Afghanistan, Togo und weiteren Ländern. An Punktspielen nehmen regelmäßig drei Teams teil, die Mannschaft der E-Mädchen befindet sich noch im Aufbau und spielt nur sporadisch Freundschaftsspiele.

Hat sich die Mitgliederzahl durch den Tag des Mädchenfußballs und die damit verbundene öffentliche Aufmerksamkeit erhöht?

Für alle interessierten Mädchen führen wir im Stadion in Heide den Tag des Mädchenfußballs als offenen Familiensportnachmittag im Rahmen des Sommerferienprogramms der Stadt Heide durch. Durch diese Veranstaltung und die damit verbundenen vielen Gespräche, die Artikel auf unserer Website sowie in der örtlichen Presse, bekommen wir soviel Aufmerksamkeit, dass wir insbesondere bei den 9- bis 12jährigen Mädchen neue Mitglieder gewinnen.

Wir versuchen durch verschiedene Strategien, Mädchen aus Heide und der Umgebung für den Fußballsport zu motivieren. Seit vier Jahren betreuen wir  an der St.-Georg Grundschule wöchentlich eine kostenlose Fußball-AG für Mädchen im Alter von 6 bis 10 Jahren. In Verbindung mit diesem Sportangebot führen wir auch auf Schul- und Kreisebene regelmäßig Mädchenfußballturniere durch.

Wie sind die Eltern der Mädchen mit Migrationshintergrund in den Verein eingebunden? 

Die Einbindung der Eltern erfolgt auf verschiedenen Ebenen. Alle neuen Mädchen werden von den TrainerInnen zu Hause besucht. So lernen wir die familiäre Lebenssituation der Kinder besser kennen, stellen gute Kommunikationsverbindungen her und können bei den oft verunsicherten Eltern erstes Vertrauen aufbauen und ihre Fragen direkt beantworten. Natürlich werden die Eltern zu unseren Spielen eingeladen. Aber die Resonanz ist nur bei Heimveranstaltungen gut, weil viele keine Mitfahrgelegenheiten zu den Auswärtsbegegnungen haben. Das ist schade, doch hier haben wir noch keine tragfähigen Lösungen gefunden.

Darüber hinaus begleite ich viele Migrantenfamilien, deren Kinder bei uns Fußball spielen, als  Kümmerer bei der Bewältigung  von Alltagsproblemen, wie z. B. bei einer kostengünstigen Ausstattung mit Sportsachen oder anderen Gebrauchsgegenständen, bei Bildung-und-Teilhabe-Angelegenheiten, bei Gesprächen mit Ärzten, Behörden, Kitas und Schulen sowie bei der Vermittlung von Praktikums-, Ausbildungs- und Arbeitsplätzen. Solche Hilfen schaffen zusätzliches Vertrauen und konstruktive Beziehungen zwischen den beteiligten Familien und unserem Sportverein.

In unserem Verein haben inzwischen neun Männer und zwei Frauen mit Migrationshintergrund ehrenamtlich Aufgaben als Mannschaftsbetreuer, Trainer oder Schiedsrichter übernommen, allerdings bisher vorrangig bei den Jungenmannschaften.

Gibt es eine Zusammenarbeit mit dem Integrationslotsen des Kreissportverbandes (KSV) Dithmarschen?

 Mit dem Integrationslotsen Aarean Abdulrahman habe ich im März ein Gespräch über das Thema Integration und unsere weitere Zusammenarbeit geführt. Wir treffen uns auch auf Veranstaltungen wie dem Runden Tisch Integration Nord oder dem Interkulturellen Fest im Kreishaus. Zu der auch von Aarean Abdulrahman vorbereiteten Veranstaltung zum Thema „Interkulturelle Öffnung der Vereine“ im September in der KSV-Geschäftsstelle in Heide haben wir uns bereits angemeldet.

 Welche Bedeutung hat die Zusammenarbeit mit der Organisation „Because I am a Girl“ beim Tag des Mädchenfußballs? 

Die Organisation „Because I am a Girl“, die sich für die Rechte von Mädchen einsetzt, war mit einem  Informationsstand beim Tag des Mädchenfußballs 2018 vertreten. Die Zusammenarbeit  ist ein gutes Beispiel dafür, dass ein Fußballverein nicht nur sportspezifische Interessen bedienen, sondern auch den Blick für wichtige gesellschaftliche Problemstellungen wie die Gleichberechtigung der Geschlechter schärfen sollte. Wir werden zu dieser Organisation weiter Kontakt halten, und zwar unter dem Motto „Starke Mädchen braucht unser Land“.

Welche Maßnahmen plant der Verein, um noch mehr Mädchen zu integrieren?

Wir wären sehr zufrieden, wenn wir einerseits die angesprochenen Maßnahmen weiter durchführen könnten. Andererseits wäre natürlich auch ein Ausbau dieser Maßnahmen wünschenswert. Hier stoßen wir jedoch zurzeit an unsere personellen und finanziellen Grenzen. Der materielle und soziale Unterstützungsbedarf bei den Migrantenfamilien ist unendlich groß, aber die finanziellen und personellen Möglichkeiten unseres Klubs sind vergleichsweise recht bescheiden.

Der Verwaltungsaufwand für das Einholen von Fördermitteln der öffentlichen Hand, der Wohlfahrtsverbände und der Wirtschaft ist für ehrenamtlich Tätige im Sportverein erheblich und kaum noch zu bewältigen. Für unsere Integrationsbemühungen brauchen wir mehr unbürokratische Unterstützung der gesellschaftlichen Institutionen.

 

Herr Seehausen, wir bedanken uns für das Gespräch.

 

 

 


  • D-Mädchenteam vom Heider SV

Foto: Nicola Gredel
    D-Mädchenteam vom Heider SV Foto: Nicola Gredel
  • Mädchenteam mit Trainerinnen Georgette Rickertsen und  Göntje Seehausen (rechts oben)

Foto: Nicola Gredel
    Mädchenteam mit Trainerinnen Georgette Rickertsen und Göntje Seehausen (rechts oben) Foto: Nicola Gredel

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