Bewegung für die neuen und alle anderen Rissener

Der Rissener SV ließ sich zum bundesweiten „Tag der Integration“ etwas einfallen: Das Sportfest „Tag der Nationen“ verdeutlichte die Vielfalt des Vereins, der sich für Geflüchtete öffnen will

Rebecca und Katharina hatten eine süße Idee. Das klingt jetzt respektlos; die beiden sind 18 Jahre alt und gehen in die 12. Klasse des Gymnasiums Rissen. Sie machen sich seit längerem Gedanken, wie man die rund 800 Geflüchteten aus der Wohnanlage Sieversstücken in den Rissener Alltag integrieren kann. Gemeinsam mit ihren Freundinnen und Freunden vom Verein „Colourful Rissen“ kamen Rebecca und Katherina auf die Idee einer Stadtrallye. Zu Fuß, und mit dem Rad. Um das Zuhause besser kennenzulernen.

Die Idee war deswegen mindestens so süß wie gut, weil die Teilnehmer, eine „gute Mischung aus Rissenern und Geflüchteten“, wie Rebecca sagt, Zwischenstopps beim Bäcker und beim Eisladen einlegen mussten. Dort wurden sie mit dem hamburgischsten konfrontiert, was diese Stadt zu bieten hat: dem Franzbrötchen.

Markiert mit einem  bunten Bändchen ums Handgelenk, war die Aufgabe der Neu-Hamburger, das zuckersüß-zimtige Plundergebäck im möglichst freien Gespräch zu erstehen. Später, im Eiscafé ging es um die Sorte. Lesen, verstehen, aussuchen, bestellen – ganz schön viel Deutsch, wenn man aus Eritrea kommt. Shahib, 18 Jahre alt, kann sich an seine bestellte Variante nicht mehr erinnern, er glaubt aber, es war Vanille. „Die Rallye war super!“, sagt er jedenfalls mit Nachdruck.

Jana Rademacher freut sich über solche Geschichten. Sie arbeitet in der Geschäftsstelle des Rissener SV und ist an diesem herrlichen Spätsommersamstag das „Mädchen für alles“ beim großen Vereinsfest, wie sie selbst lachend sagt. Ständig zupft ihr jemand am Ärmel, ewig klingelt das Handy, und wer sie zufällig nicht kennen sollte, kann sie über die Initialen auf der grünen Trainingsjacke (zumindest annähernd) identifizieren: J.R. 

2500 Mitglieder hat der RSV in Hamburgs grünem Westen; allein 24 Nationen hat Rademacher in der Fußballabteilung gezählt – von Argentinien und Mexiko über Kanada und die Türkei bis Dänemark und Österreich. „Dass wir so bunt sind, hätten wir gar nicht gedacht“, sagt sie.

Seit April 2017 ist der Rissener SV Stützpunktverein des Hamburger Sportbunds (HSB) im Programm Integration durch Sport. Zum jährlichen „Tag der Integration“ des HSB hatte der RSV auch deswegen diesen Einfall – aus dem traditionell veranstalteten „Tag der offenen Tür“ ist ein „Sportfest der Nationen“ geworden. „Wir wollen uns allein wegen der Nähe zum Pavillondorf Sieversstücken öffnen, unsere Angebote präsentieren und mehr Geflüchtete zu uns holen“, sagt Jana Rademacher, „darüber hinaus wollen wir die Vielfalt des Vereins dokumentieren und zeigen, woher unsere Mitglieder kommen.“ Die Zusammenarbeit mit „Colourful Rissen“ ist dabei ein Beleg für die Vernetzung des RSV im Stadtteil.

Die Vielfalt des Vereins verdeutlicht die kleine Flaggenparade. Am Fangzaun des Fußballfeldes hängen die Fahnen der Länder in einer ausgedruckten Papiervariante, aus denen die Vereinsmitglieder kommen. Viele der etwa 1000 Besucher bleiben stehen und lesen. Dass in den einzelnen Abteilungen manchmal das Verständnis für andere Kulturen noch fehle, verschweigt Jana Rademacher nicht, aber sie sagt: „Gemeinsamer Sport kann der interkulturellen Öffnung helfen.“

Die Offenheit, auf andere zuzugehen, ist jedenfalls bei vielen vorhanden. Nur ergibt sich nicht immer sofort die Möglichkeit. Patrick Geercken aus der Judo-Abteilung des RSV ist 21 Jahre alt und Hamburger Meister. Mit großen Augen und offenen Mündern schauen die Kinder seinen Sprüngen und Stürzen bei der Aufführung in Judo und Selbstverteidigung zu: Judoka sind kräftig, beweglich und durchtrainiert gleichermaßen, das sieht immer gut aus. Später, schweißgebadet, sagt er: „Wir haben schon drüber gesprochen, wie wir für Geflüchtete attraktiver werden können. Einige haben schon mal reingeschnuppert, sind aber nicht geblieben. Wir tun das Beste, damit sie bald einen Platz bei uns finden.“ Mehr mit Flyern für das Vereinsangebot  werben, in die Unterkünfte gehen und Judo vorführen, das könnte helfen, findet auch Patrick Geercken. Im Tischtennis beispielsweise klappt es gut, dort sind schon einige Flüchtlingskinder angekommen. Ihre Mitgliedschaft werde durch das Programm „Kids in die Clubs“ der Hamburger Sportjugend übernommen, sagt Jana Rademacher. Dass Integrations-Aufgaben inklusive Werbung zusätzlich zum „ganz normalen Wahnsinn“ der täglichen Arbeit in der Verwaltung eines mittelgroßen Sportvereins bewältigt werden müssen, wissen sie natürlich in der Geschäftsstelle des RSV.

Am Ende eines langen Tages auf dem großzügigen, brandneuen Vereinsgelände am Marschweg 85 sind alle zufrieden – und gut gesättigt von (vielen) deutschen und (einigen) internationalen Speisen. Natürlich wird viel Fußball gespielt, aber auch Judo ausprobiert oder Beachvolleyball. Die serbische Tanzgruppe „Skud mladost“ erweist sich als besonderer Farbtupfer.

Auch 2018 soll aus dem früheren „Tag der offenen Tür“ wieder ein „Tag der Nationen“ beim Rissener SV werden, so viel verrät Jana Rademacher, denkt langsam ans Abbauen und freut sich auf das Feierabendbier im Kreise der Mitstreiter. 

Text: Frank Heike
Foto: Frank Molter


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