Chemnitzer Polizeisportverein - "Wir sind offen für alle"

Der Chemnitzer Polizeisportverein (CPSV) hat sich nicht nur dem Breiten-, Kinder- und Jugendsport verschrieben, sondern engagiert sich auch seit vielen Jahren für Integration. Trotzdem landete er im Sommer in den Schlagzeilen: Der Verein „Heimattreue Niederdorf“ hatte eine Hüpfburg für ein CPSV-Fußballfest gesponsert. Das Problem? Mitglieder des erzgebirgischen Vereins stehen unter Beobachtung des Verfassungsschutzes.

Foto: Annegret Müller (Landessportbund Sachsen)
Foto: Annegret Müller (Landessportbund Sachsen)

14 Kinder wuseln, sprinten oder trotten über das sonnige Spielfeld. Sie sind zwischen sechs und zwölf Jahre alt, tragen blonde Zöpfe, dunkle Locken oder einen hellbraunen Bürstenschnitt, heißen Florian, Mohammed oder Jimmy. An diesem Ferien-Vormittag ist aber nur eins interessant: Wer trägt ein weißes, wer ein gelbes Leibchen? Und welche Mannschaft schießt die meisten Tore?

Kein ungewöhnliches Bild beim CPSV – denn Toleranz, Teilhabe und Integration stehen nicht nur in der Satzung des Vereins, sondern werden auch gelebt. Für Geschäftsführerin Ina Manig eine Selbstverständlichkeit. Aus ihrem Büro in der CPSV-Geschäftsstelle hat sie den Fußballplatz fest im Blick und erklärt: „Wir sind offen für alle. Und der Bedarf ist da. An unserer Sporthalle steht groß unser Vereinsname, Interessierte fragen also direkt bei uns an. Wir stellen dann gerne den Kontakt zu einer unserer Sektionen her.“

Männer und Frauen, Kinder und Jugendliche, Migranten, Geflüchtete, Seniorinnen: Mehr als 1.200 Mitglieder sind beim CPSV in insgesamt 20 Sportarten aktiv. Mit der Polizei hat der Verein übrigens wenig zu tun. Lediglich am Anfang seiner fast 100-jährigen Geschichte war der CPSV, gegründet von einem Polizeimajor, vor allem Gesetzeshütern zugänglich. Doch schon nach kurzer Zeit öffnete sich der Verein für alle – und so ist es geblieben. Etwa zehn Prozent der Vereinsmitglieder haben heute einen Migrationshintergrund, schätzt Manig. „Wir haben aber keine Sportgruppen nur mit Migranten“, erklärt sie, „sondern wir wollen, dass diese in bestehende Sportgruppen integriert werden“. Das funktioniere bisher weitgehend gut: „Probleme gibt es immer mal, die gibt es aber auch bei Einheimischen.“

Neben den regulären Sportangeboten richtet der CPSV auch weitere Veranstaltungen aus: Das Ferienangebot der Abteilung Fußball, dem Ina Manig heute beim Training zuschauen kann. Eine interkulturelle Wanderung, bei dem die teilnehmenden Kinder spielerisch Sitten und Gebräuche anderer Länder kennenlernen. Oder auch Projekttage unter dem Motto „Sport in Deutschland“: Vormittags büffeln Teilnehmende von Deutschkursen aus der Region in der Schule die theoretischen Strukturen des deutschen Sportsystems, nachmittags erleben sie beim CPSV das praktische Vereinsleben direkt vor Ort.

So weit, so gut, so vorbildhaft. Die Liste des CPSV-Engagements ist lang. Seit 14 Jahren engagiert sich der Verein im Bundesprogramm „Integration durch Sport“, seit 2019 ist er auch im Rahmen des LSB-Projektes „Förderung der Integration von Flüchtlingen durch Sport“ aktiv. Doch im Sommer musste sich der Verein plötzlich rechtfertigen. Gerade Menschen mit Migrationshintergrund waren sich auf einmal nicht mehr sicher, ob eine Mitgliedschaft im CPSV das Richtige für sie ist. Was war passiert?

Der CPSV hatte ein Fußballfest ausgerichtet - geplant und umgesetzt von ehrenamtlichen Mitarbeitern des Vereins. Ein Mitglied der Abteilung Fußball hatte dafür lange nach einer Hüpfburg gesucht und war über einen Bekannten schließlich auf den Verein „Heimattreue Niederdorf“ aufmerksam geworden. Dieser stellte dem CPSV kostenfrei eine Hüpfburg zur Verfügung, machte während der Veranstaltung Zuckerwatte für die Kinder. „An dem Tag selbst lief alles unauffällig ab. Es gab zwar einen Aufsteller des Niederdorfer Vereins mit ihrem Namen, aber unser Fehler wurde uns erst mit der Berichterstattung in den Medien bewusst“, erzählt Ina Manig.

Und die folgte am selben Wochenende, in zahlreichen regionalen Medien. Denn „Heimattreue Niederdorf“ hatte online damit geworben, in Chemnitz für „strahlende Kinderaugen“ gesorgt zu haben. So wurde die Presse auf die Sache aufmerksam – und der CPSV stand plötzlich im Verdacht, die Verbreitung rechten Gedankenguts zu unterstützen. Denn rechtsextremistische Vereinigungen versuchen heute zunehmend, ihre Inhalte auch über scheinbar unpolitische Aktivitäten wie Vereinsarbeit weiterzugeben. Und gerade bei „Heimattreue Niederdorf“ lohnt sich ein Blick hinter die Kulissen: Das sächsischen Landesamt für Verfassungsschutz beobachtet Personen im Verein, der Vorsitzende wird als Rechtsextremist eingestuft.

Der CPSV reagierte sofort, bezog Stellung mit einer Pressemitteilung und distanzierte sich öffentlich von „Heimattreue Niederdorf“. „Bei Kenntnis um die Hintergründe des Anbieters der Hüpfburg wäre eine Einbindung in das Fest nicht erfolgt. Die Bestellung war ein individueller Fehler aus Unwissenheit und ohne Vorsatz. Zukünftig werden die ehrenamtlich organisierten Veranstaltungen mit noch größerer Sorgfalt vorzubereiten sein“, erklärte CPSV-Präsident Volker Lange damals.

Doch der Schaden war entstanden. Ramona Stanicki besucht als Integrationslotsin für den Chemnitzer Polizeisportverein regelmäßig Organisationen und Treffpunkte für Geflüchtete und Menschen mit Migrationshintergrund. Sie berichtet: „Ich werde seitdem schon darauf angesprochen. Gerade Institutionen wie Sprachschulen fragen nach, was an der Geschichte dran ist. Ob sie uns auch vertrauen und die Leute zu uns schicken können. Da muss ich ganz schön gegenhalten. Das ist für den Moment schon rufschädigend, auch wenn ich das dann im persönlichen Gespräch widerlegen kann.“

Innerhalb des Vereins wurde derweil versucht, den Fauxpas so gut wie möglich aufzuarbeiten. Geschäftsführerin Ina Manig berichtet: „Wir haben intern alle Sektions- und Jugendleiter per Mail angeschrieben und informiert – und sie gebeten, die Informationen in ihren Sektionen weiterzugeben. Der Standpunkt des Vereins ist klar, den kennt jedes Mitglied: Hier wird Integration gelebt“.

Während die Fußballtruppe draußen von einem lockeren Spiel auf Elfmeter-Training wechselt, fügt Manig hinzu: „Wir wollen in Zukunft schon besser drauf aufpassen, dass sowas nicht nochmal vorkommt. Wir bleiben aber dabei, dass das bis zu einem gewissen Grad wirklich jedem passieren kann. Diese Feste werden von Ehrenamtlichen organisiert, die neben ihrem Beruf und ihrem Engagement im Verein dann noch diese Zusatzaufgabe übernehmen. Natürlich hätte die Sache besser geprüft werden müssen, aber ich denke es ist auch nachvollziehbar, wie der Fehler entstehen konnte.“

„Hinterher ist man immer schlauer. Aber egal ist uns sowas überhaupt nicht“, meint auch Integrationslotsin Ramona Stanicki. „Ich mache in meiner täglichen Arbeit fast ausschließlich positive Erfahrungen, die Interessenten aus den Sprachschulen sind nett und freundlich. Da sitzen teilweise Leute, die in ihren Heimatländern Trainer waren und nun eine Möglichkeit suchen, hier wieder einzusteigen.“ Keine Frage also, dass der Chemnitzer Polizeisportverein sein Engagement in Sachen Integration weiterführen wird, ohne die Ereignisse des Sommers aus dem Hinterkopf zu verlieren. Gefragt, was sie anderen Sportvereinen raten würde, antwortet Stanicki: „Ich würde sagen: Offen sein. Für alle Mitglieder.“


  • Foto: Annegret Müller (Landessportbund Sachsen)
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