"Fast ein ganzes Leben Erfahrungen im Berliner Sport“ - Berlin: Artikelserie "30 Jahre IdS" (3/4 )

„Integration durch Sport“ feiert in diesem Jahr seinen 30ten Geburtstag. Über die vergangenen Jahrzehnte hinweg haben tausende von Engagierten in Zusammenarbeit mit den Landessportbünden Integrationsmaßnahmen konzipiert, geplant und umgesetzt. Wir schauen zurück auf eine bewegte Vergangenheit und nach vorn in eine Zukunft voller Bewegung. 30 Jahre IdS-Berlin, das bedeutet auch 30 Jahre mit einer Vielzahl an unterschiedlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Vor allem zwei Personen haben sich durch ihre engagierte Arbeit über Dekaden hinweg zu unverzichtbaren Grundpfeilern der Integrationsarbeit im Berliner Sport gemacht: Zusammen haben Paul Schlee und Anton Kühn mehr Arbeitsjahre im Programm geleistet,als das Programm alt wird.

Mit eigenen Schwerpunkten konnten sie in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur erfolgreiche eigene Breitensportgruppen, sondern auch überdauernde Netzwerke zu Schulen, Vereinen und Sportler/-innen aufbauen. Noch heute kommen Betreuer/-innen beim Anblick unseres Logos auf dem Schulhof auf uns zu und fragen nach „Anton“, bei dem sie selbst damals Fußballturniere gespielt haben.


In einem Interview möchten wir gemeinsam mit den Beiden zurückschauen: auf eigene Integrationserfahrungen, die Arbeit mit und für „Integration durch Sport“ sowie die unzähligen, wertvollen Erfahrungen, die beide an das Programm weitergeben können.


Paul Schlee kam 1994 als Spätaussiedler nach Deutschland. Bereits in seinem ersten Jahr im Wohnheim in Pankow kam er mit dem Programm „Integration durch Sport“ in Kontakt, dass der Unterkunft Sport- und Spielmaterialien zur Verfügung stellte. Bereits ein Jahr später arbeitete Paul für das Christliche Jugenddorfwerk Deutschland. Dort baute er u.a. zahlreiche Sportgruppen mit Spätaussiedlerjugendlichen und Einheimischen auf. Die Hallenzeiten beantragte er mit Hilfe von „Integration durch Sport“.

Obwohl das CJD Paul schließlich als Streetworker einstellte, riss die Verbindung zu „Integration durch Sport“ nie ab, denn die Arbeit machte sich bezahlt.


„Ich stand fünf Mal die Woche in der Halle. Wir haben Volleyball gespielt, Gorodki, Fußball, Basketball, Tischtennis und viele andere Aktivitäten veranstaltet. Vielen der Jugendlichen hat das sehr geholfen, hier Anschluss zu finden oder nicht auf die schiefe Bahn zu geraten“. 2013 stellte „Integration durch Sport“ Berlin ihn schließlich als pädagogischen Mitarbeiter ein, wo er bis zum Renteneintritt 2018 Vereine betreute, Veranstaltungen plante und Sportgruppen leitete.


Anton Kühn machte seinen Abschluss zum Diplomsportlehrer und Motopäden in Polen. Nach seinem Umzug nach Nordrhein-Westfalen kam er bereits früh mit dem Förderprogramm in Kontakt. Bereits 1988 wurden erste Ideen und Vorläufer des Programms bei Vorträgen in Kooperation mit dem Goethe-Institut vorgestellt. Die Informationen noch im Hinterkopf trat Anton Anfang der 90er eine Stelle bei der Gesellschaft für Sport- und Jugendsozialarbeit an. Früh ergaben sich darüber verschiedene Kooperationen mit „Integration durch Sport“, da es inhaltlich und auch bei den Veranstaltung immer wieder gemeinsame Projekte und Ideen gab.


Ab 2001 wechselte er schließlich zum Förderprogramm: „Es gab eine freie Stelle und ich wurde glücklicherweise dort angenommen. Leider waren das befristete Verträge. Trotzdem habe ich weiter Fußball-AGs an Schulen für „Integration durch Sport“ geleitet. 2010 habe ich dann noch einmal einen Vertrag bis zur Rente bekommen“. In seiner Zeit hat Anton vor allem daran mitgearbeitet, die große Mädchen-Soccer-Serie des Förderprogramms aufzuziehen und sportlich zu unterstützen. „Damals haben wir das noch mit Vereinen angefangen. Mittlerweile spielen ja über 40 Grundschulen bei uns mit, die Mädchen-Fußball-AGs gegründet haben. Eine tolle Entwicklung“!


Zusammen haben die Beiden fast ein ganzes Leben Erfahrungen im Berliner Sport gesammelt. Viel hat sich verändert, aber viele Herausforderungen sind geblieben. „Die Kinder heute haben teilweise andere Probleme als früher.“ berichtet Paul. „Wir sehen das ja bei unseren Veranstaltungen. Die Kinder gehen weniger raus. Sitzen mehr vor den neuen Medien. Die Schere zwischen den sportlichen und unsportlichen Kindern ist viel größer geworden. Da sind vor allem die Eltern gefragt, etwas zu tun!“


Anton unterstreicht die Besonderheit und Relevanz des Sports: „Sport ist in meinen Augen essentiell wichtig. Gerade als Motopäde weiß ich, wie viel Bewegung und sportliche Aktivität bewirken können. Ein gesunder Geist wohnt in einem gesunden Körper. Das ist mehr als ein abgedroschenes Sprichwort. Gerade für Kinder ist Sport ein wichtiger Faktor für eine gute Entwicklung“.


Paul erzählt uns außerdem von der Integrationskraft, die er im Sport sieht. „Ich habe viele Jugendliche aus den Gebieten der ehemaligen UdSSR bei mir in den Gruppen gehabt. Einige davon hatten große Schwierigkeiten, hier in Deutschland Fuß zu fassen und sind auf die schiefe Bahn geraten. Es ist schön zu sehen, dass gerade diese Jugendlichen durch Sport soziale Kontakte knüpfen konnten, die sie von der Straße und der Kriminalität weggeführt haben. Stattdessen haben sie Freunde gefunden, Deutsch gelernt und stehen jetzt mit beiden Beinen fest im Leben.“


Auch die Arbeit im Förderprogramm hat sich verändert. „Früher lag der Fokus eher auf den praktischen Angeboten. Wir waren fast jeden Tag draußen bei Wohnheimen und Unterkünften und haben Sportangebote gemacht. Heute steht die Vereinsförderung und die Beratung sowie Qualifizierung im Mittelpunkt. Ich denke, dass man die Praxis nicht vernachlässigen darf. Es ist ein großer Vorteil, wenn das Programm auch eigene sportpraktische Angebote hat, über die „Integration durch Sport“ selbst Integrationsprozesse steuern und unterstützen kann. Ich denke, dass man versuchen muss, da einen Spagat hinzubekommen. Eine Herausforderung für die nächsten Jahre.“


Obwohl beide bereits in Rente gegangen sind, wollen sie die Arbeit noch nicht ruhen lassen. „Die Arbeit im Sport ist toll, und ich werde solange als Helfer bei „Integration durch Sport“ dabei sein, wie meine Beine mich noch tragen“. Die Jahre an gemeinsamer Arbeit haben zusammengeschweißt. Wir möchten uns für die vielen Jahre bei den Beiden bedanken und hoffen, dass sie uns mit Ihrer Erfahrung und Expertise noch möglichst lang als helfende Kraft erhalten bleiben.



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