SH: Blau-Weiß 96 Schenefeld – Integrationslotsin Martje Lott "Wie ein Leuchtturm"

Schenefeld – Das Bild entsteht ganz leise, in einem Nebensatz. „Ich bin wie ein Leuchtturm“, sagt Martje Lott. Den Weg weisen, vor Untiefen warnen. Die 21-Jährige ist seit zweieinhalb Jahren Integrationslotsin bei der Spielvereinigung Blau-Weiß 96 Schenefeld.

"Sie hilft einfach jedem und hat so gute Kontakte". Martje Lott mit Masa Nabah (14, links) aus Syrien und Ibrahim Salem (24, rechts) aus dem Jemen

Ortstermin in Schenefeld: In der 19.000-Einwohner-Stadt im Kreis Pinneberg wird im und am Rathaus der „Tag des Flüchtlings“ gefeiert. Martje Lott präsentiert einen Vortrag. Auf dem Weg ins Rathaus muss sie alle zwei Meter stehen bleiben. „Hey, Mohammed!“ hier, „Kommt Ihr mit rein?“ da. Wie ein Leuchtturm.

Seit März 2017 ist die erst 21-jährige Martje Lott Integrationslotsin bei Blau-Weiß 96 Schenefeld

„Sie hilft jedem. Als ich kam, kannte ich kaum jemanden. Martje hat mich zum Deutschkurs mitgenommen, zum Willkommenscafé“, sagt Ibrahim Salem. Der 34-Jährige stammt aus dem Jemen. „Martje hat wirklich gute Kontakte.“ Auch der 14-jährigen Masa Nabah aus Syrien hat die Studentin der Erziehungs- und Bildungswissenschaften an der Uni Hamburg nach ihrer Ankunft den Start in Deutschland erleichtert: „Sie hat mir geholfen, als ich Handball spielen wollte. Sie war besonders am Anfang eine große Hilfe.“ Ibrahim und Masa haben alle Untiefen umschifft. Als sie Martje in den Arm nehmen, ist die ihre herzliche Dankbarkeit greifbar.

Wie ein Leuchtturm: Die blauen Augen in dem bildhübschen Gesicht mit den dunklen, langen Haaren strahlen meilenweit, wach, hell wie ein Leuchtfeuer. Wenn sie erzählt, erzählt sie schnell, manchmal scheinen die Gedanken sie zu überholen, dann bremst sie, sortiert sich neu, justiert ihren Blick. Aufmerksam. Auf dem Gymnasium in Schenefeld im Leistungskurs Sport kam die Halstenbekerin zum ersten Mal mit Sport mit Flüchtlingen in Berührung. Über Bekannte kam der Kontakt zu Blau-Weiß zustande. Nach der LSV-Ausbildung zu Themen wie Kulturelle Werte, Demokratie, Umgang mit Konflikten wurde Martje Lott die Jüngste unter allen 46 Integrationslotsen in den Kreisen und kreisfreien Städten Schleswig-Holsteins.

Unbedarft, offen näherte sie sich zunächst der Aufgabe. DOSB, LSV, DaZ – „Ich kannte keine Abkürzung“, erinnert sich Martje Lott lachend. Sie traf auf Sprachprobleme, Unpünktlichkeit, unterschiedliche Werte, war zum Teil übermannt von den Problemen und Sorgen, die die Flüchtlinge bei ihr abluden. „Manchmal war es schwer, Abstand zu gewinnen. Manchmal hat mich alles überfallen. Aber ich konnte viel zu Hause über alles reden.“ Zu Hause: Eltern, drei Geschwister, dazu ein 14-jähriges Kind aus dem Jemen, ein offenes Elternhaus. Sie stellt sich die Frage: „Am Anfang war es schwierig als Frau. Welches Bild wollte ich darstellen von der Frau in Deutschland?“

Ausflug in den Herbstferien zum Bouldern mit 17 Jugendlichen zwischen 12 und 14 Jahren

Zehn Stunden pro Woche ist Martje Lott im Rahmen eines 450-Euro-Jobs als Integrationslotsin beschäftigt. Einmal pro Woche ist sie in der Geschäftsstelle für Sorgen, Hilfe bei Anträgen oder Buchhaltung für die Flüchtlinge da. Einmal pro Woche ist sie im Willkommenscafé im Jugendzentrum, trifft dort auch den Flüchtlingskoordinator der Stadt. Zuletzt war sie zudem Trainerin einer offenen Volleyball-Gruppe, besucht die Familien der jungen Flüchtlinge, besucht die DaZ-Klassen, Spieleabende in der Kirche. „Ich will auch die suchen, finden, motivieren, die noch nicht beim Sport sind.“

Perfekt passe die Tätigkeit zu ihrem Studium, das sie vielleicht in die Erwachsenenbildung führen soll, lasse sich auch zeitlich gut vereinbaren. Wie ein Leuchtturm. „Ich sehe mich als Schnittstelle zu Schule, Lehrern, Verein, Rathaus, Trainern.“ Rund 450 Flüchtlinge, so Lott, leben in Schenefeld. Längst nicht alle nähern sich dem Sport an. Aber es werden mehr. „Am Anfang waren beispielsweise in den Schwimmkursen nur Männer und Jungs. In diesem Jahr sind es dreimal so viele Frauen wie vorher. Die Männer werden offener“, hat Lott beobachtet. Auch ihr Verdienst.

Schwimmkurse, Fahrradkurse, Kinderturnen, Feste, Fasching, Besuche in der Elbphilharmonie, Besuche im Miniaturwunderland. Wer ihren Ausführungen aufmerksam lauscht, hat das Gefühl: Die ist überall, hat Ibrahim Salems Satz in den Ohren: „Sie hilft jedem.“ Die Arbeit geht weit über die zehn Stunden hinaus, reicht ins Private, Freundschaften sind entstanden. Rückschläge gibt’s auch („Wenn man ein Projekt plant und kaum einer kommt“), aber bereut hat Martje Lott ihren Schritt zur Integrationslotsin nie.

Weil es zu ihr, zu ihrem Studium passt. Weil sie viel Dankbarkeit erfährt, besonders die Kinder „so viel positive Energie“ ausstrahlen. Weil sie sich freut, wenn sie sieht, wie die Flüchtlinge nach und nach in den Sport, in Verein hineinwachsen, Freundschaften mit deutschen Mitgliedern knüpfen. Martje Lott sorgt bei Blau-Weiß für Kontinuität, nachdem ihre Vorgängerinnen die Position jeweils nur wenige Monate bekleideten. Sie besucht die Familien, überzeugt da, wo Kinder aufgrund von Vorbehalten eigentlich keinen Sport machen sollen. Das kostet Kraft. Doch Martje Lott scheint vor Kraft überzuschäumen. Die 21-Jährige hat viele Hobbys: Sie reitet auf ihrem eigenen Pferd, spielt Saxofon und Klarinette, engagiert sich ehrenamtlich in der katholischen Kirche und an der Akademie des Erzbistums Hamburg, singt im Chor „Songshine“. „Wir sind eine aktive Familie“, sagt sie und lacht. Sie genieße den „Spaß an Menschen, an Kulturen, am Motivieren und Mitreißen“. Wenn sie erzählt, strahlen ihre blauen Augen meilenweit. Wie ein Leuchtfeuer.

Von Tamo Schwarz


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