„Sport geht auch ohne Sprache“

Ruba und Bahaa kommen aus Syrien und haben mit Willen, Charme und Energie ihren Platz in Hamburg gefunden.

Bahaa ist vor vier Jahren über die Türkei, das Mittelmeer und Griechenland nach Hamburg gekommen.
Bahaa ist vor vier Jahren über die Türkei, das Mittelmeer und Griechenland nach Hamburg gekommen.

Schwierigkeiten kann Ruba keine sehen in ihrem neuen Leben in Deutschland. Wenn sie erzählt, hört man im herkömmlichen Verständnis jedoch eine Menge davon. Die Sprache, die Finanzierung, die Behörden. Aber Ruba spricht von den alltäglichen Hindernissen nicht, als seien sie unüberwindbar. Sondern so, als seien sie ganz einfach zum Übersteigen da. Und wenn doch mal etwas zu anstrengend wird, lacht sie ihr fröhliches Lachen und wirbelt die schwarzen Haaren durch die Luft: „Ich bin kaputt!“, sagt sie, „wo ist meine Mama!“, als die deutschen Worte nach vielen komplizierten Sätzen plötzlich ungeordnet aus ihrem Mund purzeln. Gelächter. Kaffeepause.

Ruba ist 26 Jahre alt und lebt seit 20 Monaten in Hamburg. Zusammen mit einer rumänischen Freundin wohnt sie in einer WG im Stadtteil Sternschanze. Schon dieses Wort: „Sternschanze.“ Hilfe! Ruba meistert es.

Sie ist ein sportliches Multitalent. Schwimmen, sogar Rettungsschwimmen, Basketball, Aerobic, Bauchtanz. Sie ist in Syrien meist mit dem Rad zur Schule gefahren und als Charly Chaplin aufgetreten, wie Bilder auf dem Handy beweisen. Sie liebt es, zu campen – und nebenbei lernt man, dass Camping in ganz Syrien offenbar sehr beliebt ist. Mutig wirkt Ruba, zielstrebig, anpassungsfähig.

"In meinem Heimatland leben alle zusammen und machen Sport, Christen, Muslime, kein Problem!" 

In Hamburg hat Ruba nicht lange auf Chancen gewartet, hat rasch einen Mini-Job im Service eines Restaurants gefunden. Als sie bei der Agentur für Arbeit erfuhr, dass ein Sportverein Übungsleiterinnen suchte, sagte ihr das zwar wenig. Aber als sie beim SV Eidelstedt die Integrationsbeauftragte Yumiko Haneda traf, brach das Eis schnell. Ruba sagt: „Ich habe Arbeit als Aerobictrainerin beim SVE, helfe beim Kinderturnen und auch als Schwimmlehrerin für Frauen. Dort sind viele arabische Frauen, für die ist es einfacher mit mir zu sprechen.“ Ruba ist römisch-katholischen Glaubens, gibt es da keine Probleme? „Nein!“, antwortet sie erstaunt, „im Heimatland leben alle zusammen und machen Sport, Christen, Muslime, kein Problem!“    

Für den SVE und Yumiko Haneda ist Ruba ein Glücksfall. „Sie kam wie gerufen“, sagt Yumiko Haneda. Dass sie ihr bei Behördengängen und beim Ausfüllen von Formularen hilft, sei selbstverständlich. Die beiden haben sich angefreundet.

Yumiko Haneda merkt, dass Ruba vorankommen will. „Ich möchte gern in Deutschland bleiben und eine Ausbildung als Physiotherapeutin machen“, sagt Ruba. Ihr aktuelles Ziel – schneller und besser Deutsch lernen. Vier Stunden sitzt sie jeden Tag im Intensiv-Sprachkurs B2. Sie sagt: „Ich habe da Freundinnen aus Kroatien, Syrien, anderen Ländern. Wir gehen danach Kaffee trinken und reden nur Deutsch.“ Manchmal dauert das ein paar Stunden. Denn Langeweile mag Ruba gar nicht.

Bahaa ist ein erstaunlicher Mann mit eiserner Disziplin. Er lebt seit vier Jahren in Deutschland und hat die Sprache bis in kleine Verästelungen gelernt. Seinen etwas komplizierten Nachnamen buchstabiert er zum Mitschreiben nach der deutschen Buchstabiertafel: „Anton, Ludwig, Ludwig, Anton…“

"Das Leben ist Geben und Nehmen." 

Bahaa ist über das Mittelmeer, die Türkei und Griechenland nach Deutschland gekommen, genauer gesagt: am 7. September 2015 nach Hamburg. Er sagt: „Ich habe vom ersten Tag an mit YouTube-Videos Deutsch gelernt.“ Bahaa ist in Homs geboren, seine Familie kommt aber aus Palästina. Er hat in Homs als studierter Sportlehrer gearbeitet. Nach ein paar Wochen in Deutschland gab es ein wegweisendes Treffen: In der U-Bahn lernte er auf kuriose Weise Matthias kennen, einen pensionierten Forensiker. Die beiden freundeten sich an. In Matthias‘ Garten lernte der anfangs skeptische Bahaa Deutsch, zunächst die Aussprache: CH, SCH. „Ich habe Matthias dafür gehasst“, sagt Bahaa. Er revanchierte sich mit täglichem Training im Studio, denn Matthias schob einen schönen Bauch vor sich her. Bahaa sagt: „Das Leben ist Geben und Nehmen. Ohne Matthias war ich verloren. Durch ihn habe ich eine richtige Verwandlung durchgemacht. Alt oder jung, klein oder groß: man findet Kontakt in Deutschland, wenn man ehrlich ist.“

Bahaa hat ganz schön viel geschafft. Er spielt in der Regionalliga Basketball, war hier schon Jugendtrainer, er arbeitet als Erzieher in einer Hamburger Grundschule, hat seinen Führerschein gemacht und er leitet als Referent des HSB mehrere Kurse, die Teil der C-Lizenz-Ausbildung in einfacher Sprache sind.  „Durch Sport konnte ich ganz viele Kontakte knüpfen“, sagt Bahaa. Fast alle Jobs haben sich durch Basketball-Kontakte entwickelt. „Sport kann man auch ohne Sprache machen“, sagt er, „das hat mir anfangs sehr geholfen, denn ohne Sport kann ich nicht leben.“ Im C-Lizenz-Kurs, den Bahaa aufwändig vorbereitet und professionell bewältigt hat, schauen die Teilnehmer*innen zu ihm auf, nehmen Rat und Hilfe gern an.

Er ist 26, er will jetzt weiter. Seinen Master machen, noch besser Deutsch lernen, vielleicht als Lehrer arbeiten – was kompliziert wird. Aber für ihn gilt das gleiche wie für Ruba: Hindernisse können auch Wege sein. Wenn man nicht zu schnell aufgibt.

 

Text: Frank Heike

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MEHR AUF INSTAGRAM

Ein Team des Hamburger Sportbundes (HSB) wird die beiden in ihrem Alltag durch das Jahr begleiten. Zu sehen ist das in mehreren Teilen auf dem Instagram-Kanal des HSB. #hsbdiversity

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SZENESPORT

Der Text ist auch in der neuen SZENESport-Ausgabe, dem Magazin der SZENEHamburg und des Hamburger Sportbundes zu finden. Das blätterbare PDF gibt es hier zu lesen.

 

 


  • Bahaa ist vor vier Jahren über die Türkei, das Mittelmeer und Griechenland nach Hamburg gekommen.
    Bahaa ist vor vier Jahren über die Türkei, das Mittelmeer und Griechenland nach Hamburg gekommen.
  • Ruba lebt seit 20 Monaten in einer WG im bekannten Schanzenviertel
    Ruba lebt seit 20 Monaten in einer WG im bekannten Schanzenviertel

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