Tag der Integration - eine gelungene Premiere

Sportfest für die ganze Familie – Hamburger Muslime in Bewegung

Wenn Klaus Bohnsacks Kinder Karate vorführen, tanzt keiner aus der Reihe. Klare Kommandos, saubere Bewegungen, so wünscht es sich der Karate-Lehrer vom Wandsbeker TSV Concordia. Aber es geht ihm um mehr. „Wir haben viel Multikulti in Hamburg, und oft gibt es nicht so viele Berührungspunkte“, sagt Bohnsack, der im 41. Jahr Karate betreibt, „im Sport tut man sich leichter damit und kommt sich näher. Manchen Deutschen ist es ja immer noch fremd, dass Menschen muslimischen Glaubens Sport treiben.“ Kinder und Jugendliche aus acht Nationen trainieren bei Bohnsack. Er ist auch als Kampfrichter tätig und nimmt Prüfungen ab. Der agile Frühpensionär geht in Schulen, um für seine Sportart und seinen Verein zu werben. „Ich bin ein Freund von Außenwerbung“, sagt er. Danach könne man sich viel besser vorstellen, worum es im Karate eigentlich gehe. Was er gern ergänzen möchte: „Ich habe noch nie Probleme mit muslimischen Kindern oder deren Eltern gehabt.“ Ihm werde stets viel Vertrauen und Dankbarkeit entgegengebracht, sich der Kinder anzunehmen.

Für Bohnsack und seine Karate-Kinder vom WTSV Concordia war das erstmals vom HSB veranstaltete „Sportfest für die ganze Familie – Hamburger Muslime in Bewegung“ ganz nüchtern betrachtet auch die Chance, sich zu zeigen, oder wie es der erfahrene Funktionär sagt: „Alle Vereine brauchen neue Mitglieder. Wir konnten hier auf uns aufmerksam machen. Das war gut.“

Dieser Aspekt war nur ein kleiner Teil der stimmungsvollen Veranstaltung auf der Anlage in Jenfeld im Hamburger Osten. Anlass war der alljährliche „Tag der Integration“ des HSB-Dachverbandes DOSB.

Im Mittelpunkt stand das Miteinander der Glaubensrichtungen und Kulturen – und die Anregung, sich sportlich an den Mitmachständen verschiedener Vereine auszuprobieren. Klubs, die sich schon seit längerem um die Integration Geflüchteter oder Menschen mit Migrationshintergrund verdient machen. Basketball, Boxen, Karate, Einradfahren, Klettern, Fußball, Tennis, Tanzen: an diesem Tag ist für jeden etwas dabei. Etwa 500 Menschen aus vielen verschiedenen Ländern nutzten die Angebote und stärkten sich später mit Bananen, Äpfeln, Salat und halal hergestellten Teigrollen.

Es war an der Zeit, solch ein Sportfest gemeinsam mit Akteuren des muslimischen Lebens auszurichten. Mit im Boot, als es geplant und gestaltet wurde, war deshalb die Schura, der Rat der islamischen Gemeinschaften in Hamburg. Deren Sprecher Hassan Ramadan, im Berufsleben Arzt in Rissen, findet nur lobende Worte: „Wir fördern die Veranstaltung als Gemeinde und betrachten diese gelungene Premiere als Erlebnis und Spaß für die ganze Familie. Meine Frau, die sonst keinen Sport treibt, hat am Gymnastikangebot im sichtgeschützten Raum teilgenommen und war begeistert. Meine Kinder flitzen hier durch die Gegend. Es gibt ja Berührungsängste auf Seiten der Deutschen; sie fragen sich: wie geht man mit Muslimen um? Diese Ängste wollen wir aufbrechen. Hier kann man sehen, dass wir ein Teil Deutschlands und auch gern aktiv sind.“

Was dieses Sportfest besonders machte, ist (auch) die ungewöhnliche Form der Werbung – Imam Scheich Samir El-Rajab hatte beim traditionellen Freitagsgebet in der Al-Nour Moschee nahe dem Hauptbahnhof vor 2000 Gläubigen zur Bedeutung des Sports im Islam gesprochen. Als Bindeglied zwischen Moschee und Sport wirkt der 27 Jahre alte Mohamed Karim. Der Jugendvorstand des Moscheevereins hatte am Freitag die Worte des Imams aus dem Arabischen ins Deutsche übersetzt. Am Sonntag kommt  der begeisterte Ringer im weißen Dress des Kampfrichters in Diensten des Wandsbeker Athletenklubs zum Sportfest. Aktuell ringen zehn Afghanen für den WAC, die 2015 als Flüchtlinge nach Deutschland kamen: eine stolze Bilanz, findet Mohamed Karim. Er sagt: „Ich weiß, wie es ist, sich anders zu fühlen. Wir Muslime versuchen, in die Mitte zu gehen, offen zu sein, unsere religiösen Regeln und Traditionen dabei aber nicht zu vernachlässigen.“

Kristjana Krawinkel kann Mohamed Karims Ansatz viel abgewinnen. Sie leitet beim HSB das Programm „Integration durch Sport“. Krawinkel sagt: „Wir wollen unseren Mitgliedsvereinen mit dieser Veranstaltung die Möglichkeit geben, sich bei der muslimischen Bevölkerung vorzustellen und Hemmschwellen und Hürden abzubauen. Wir wollen natürlich auch näher an unsere muslimische Zielgruppe herankommen, ihre Bedürfnisse erfragen und eine Verbindung zum Sport herstellen. Sie können Mitglieder von morgen sein. Wenn Vereine die Zielgruppe für sich gewinnen wollen, ist es notwendig, einen Schritt auf sie zuzugehen und auch einige Rahmenbedingungen anzupassen, damit Sport für Muslima und Muslime in ihren Vereinen möglich wird.“

Mehr Sonne, weniger Nieselregen, vor allem wegen der kleinen Ringer, die auf der feuchten Matte ausrutschten – das war Kristjana Krawinkels Wunsch für eine mögliche Neuauflage 2018.

Text: Frank Heike
Foto: Frank Molter


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