Black History Month (BHM) – Perspektiven (Teil 2)

Roli-Ann Neubauer und Ireti Amojo sind in Berlin geboren, aufgewachsen und haben beide für die deutsche Basketball-Nationalmannschaft gespielt. Im Interview haben sie uns von weiteren Parallelen, aber auch von Unterschieden und ungerechter Behandlung erzählt. Dank ihrer tiefen Einblicke können sie Möglichkeiten aufzeigen, wie der organisierte Sport helfen kann, damit die Welt etwas gerechter wird.

Frage: Gab es für die Andersbehandlung eine logische Erklärung?

Roli: Nicht wirklich. Der Vollständigkeit halber muss ich erwähnen, dass die besagte Spielerin die Ziehtochter des damaligen Bundestrainers war. Sie war definitiv eine sehr gute Spielerin und auch oft die Topscorerin. Sie hatte aber von vornherein einen Stein im Brett, sie bekam mehr Spielzeit und konnte sich Fehler erlauben, für die ich umgekehrt sofort ausgewechselt wurde. Ich erinnere mich noch ganz genau an eine Situation bei einem Spiel in England. Alle anderen Spielerinnen auf meiner Position waren verletzt oder hatten zu viele Fouls. Der Trainer ist einmal die Auswechselbank rauf- und runtergegangen und hat dann gesagt: „Ok, Roli rein“. Sein Blick hat in dem Moment signalisiert, dass er mich nur einsetzt, weil er keine andere Wahl hatte. In diesem Spiel war ich die Topscorerin und wurde danach von der internationalen Presse zum Interview gebeten. Aber seitens des Trainerstabs kam nichts. Keine Anerkennung. Kein „Gut gespielt, Roli.“ Nichts. Ich hatte nie das Gefühl, so sein zu können, wie ich wirklich bin. Ich durfte nie so spielen wie ich wollte, selbst wenn meine Spielweise im Training und in Punktspielen erfolgreich war – es war aus Sicht der Trainer immer falsch. Aber natürlich habe mich so gut wie möglich an ihre Anweisungen gehalten, weil ich dabei sein wollte.

Ireti: Mir ging es grundsätzlich ähnlich. Ich war stolz, fühlte mich aber nicht 100% zugehörig und v.a. spielerisch nicht gesehen. Als ich vom College in den USA zurückkam, wurde ich zu einem Try-Out/ Trainings-Lehrgang der Nationalmannschaft eingeladen. Vor dem Training, nachdem die endgültigen Nominierungen bekannt gemacht wurden, hat man mir gesagt: „Du hast jetzt hier nochmal die Gelegenheit, alles rauszuholen und uns von dir zu überzeugen“. Anschließend hatte ich das miserabelste Training des gesamten Lehrgangs. Rückblickend vermute ich, dass ich das unbewusst mit Absicht gemacht habe, weil ich mir nicht eingestehen konnte, dass ich mich im Team nicht wohlfühlgefühlt habe. Natürlich wurde ich nicht nominiert. Beim Abschlusstraining vor der Abreise haben wir ein 1gegen1 Turnier gespielt und ich habe jedes einzelne Spiel gewonnen. Ich war an dem Tag richtig motiviert, allen zum Abschied zu zeigen, was ich wirklich kann, obwohl oder gerade, weil ich nicht nominiert wurde. Anschließend bin ich zufrieden und befreit nach Hause gefahren. Rolis Erzählung über fehlende Anerkennung hat mich gerade an diese Situation erinnert – obwohl ich Selbstsabotage betrieben hatte. Aber irgendetwas stimmt da trotzdem nicht, wenn ich sportlich gut genug bin und trotzdem nicht ins Team komme. Ich habe mich nie wirklich sportlich anerkannt gefühlt. Na ja… (beide lachen). Da war auch noch der Vergleich mit Dennis Schröder – Roli, das wird Dir leider jetzt nicht gefallen. Bei einem Einzelgespräch in der Vorbereitung zur EM Qualifikation wollte der damalige Bundestrainer, dass ich wie Dennis Schröder spiele. Ich sollte „zocken“ - zum Korb ziehen, Gegenspielerinnen binden und die Kickouts finden (Kickout = schneller Pass, als direkte Vorlage für einen freien Korbwurf, nachdem Verteidigerinnen gebundenen wurden). Das hat mir deutlich gezeigt, dass der Trainerstab sich offensichtlich nicht einmal mein Highlight Video vom College angeguckt hat. Sonst hätten sie gewusst, dass ich spielerisch eher eine Schützin war. Ich wurde einfach in diese Schublade gesteckt. So nach dem Motto: „Dennis Schröder ist ein athletischer, Schwarzer Aufbauspieler. Ireti, du bist doch eine athletische, Schwarze Spielerin. Na spiel mal so wie Dennis.“ In diesem Einzelgespräch hat aber auch noch etwas anderes mitgeschwungen. Rolis Name wurde zwar nicht explizit erwähnt, aber es gab diesen Vergleich: „Zock mal so wie auf einem Berliner Streetballplatz.“ Das Unsinnige daran war, ich bin nie auf Streetballplätze gegangen. Wirklich nie; Roli aber schon. Der Trainerstab hat Dennis Schröders Erfolg gesehen und sich an Roli zurückerinnert. Schlussfolgerung: jetzt soll ich so spielen wie die beiden. Da gab es eine klare Assoziationskette „Schwarz – Berlin - zieh zum Korb – finde den Kickout.“ Ich habe das dann natürlich versucht, umzusetzen und erst Jahre später verstanden, dass das Einzelgespräch echt absurd und eigentlich total daneben war.

Roli: Für mich fühlt sich das echt an wie ein Schlag ins Gesicht. Sie haben dich quasi zu der Spielerin gemacht, die ich nie sein durfte. Ich hätte alles dafür gegeben, genauso spielen zu dürfen, durfte ich aber nicht. Im Nachhinein fühle ich mich da wirklich verarscht.

Frage: Seht ihr denn auch, dass der Sport gezielt antirassistisch oder empowernd wirken kann?

Roli: Ja und nein. 2020 gab es zunächst eine Anweisung, dass kein Spieler, der in der DBBL unter Vertrag steht, sich zu den Zusammenhängen rund um die Proteste der Black Lives Matter Bewegung äußern darf. Das wurde dann aber zum Glück schnell wieder gekippt. Per Günther, ein deutscher Nationalspieler, hatte nämlich erklärt, dass er persönlich die ersten 10.000 € Strafe übernehmen würde, falls sich jemand dazu äußern möchte. Viele Teams haben sich damit solidarisiert. Das zeigt die Ambivalenz. Wäre dieser Vorstoß von einem Jungspund gekommen, der kein renommierter Veteran aus der Nationalmannschaft ist, wäre der Protest nicht so erfolgreich gewesen. Das zeigt v.a., dass es natürlich leichter ist, sich gegen Rassismus stark zu machen, wenn man schon einen gewissen Status hat. Da könnten sich auch gerne noch mehr Profisportler*innen anschließen.

Ireti: Offen gestanden, vor der Ermordung von George Floyd im Mai 2020 konnte ich nicht beobachten, dass große Sportorganisationen, Teams oder Verbände in Deutschland sich klar antirassistisch geäußert hätten. Abgesehen vielleicht vom Fußball, wo es ohnehin ein offensichtliches Problem mit Rassismus gibt, das Vereine zur Reaktion zwingt. Aber im Basketball oder auch im Handball habe ich noch nie gesehen, dass sich Vereine gezielt und lautstark mit Rassismus auseinandersetzen oder sich für die betroffenen Communities einsetzen. Ja, Sport hat bestimmt tolle Möglichkeiten, etwas zu verändern, aber Vorstände sind überdurchschnittlich oft weiß und männlich besetzt, wodurch genau die Personen, die nicht von Rassismus oder sonstiger Diskriminierung betroffen sind, in den relevanten Entscheidungspositionen sitzen. Ich sehe also nicht, dass ein ernsthaftes Interesse besteht, an den Missständen nachhaltig etwas zu ändern. 2020 war es im Trend zu sagen, Black Lives Matter und deswegen sagen die Vereine usw. heute auch Black Lives Matter. Traurig aber wahr, in den Jahren davor wurde viel Potential im Kampf gegen Rassismus verschenkt. Da reicht es nicht, sich für eine kurze Zeit Black Lives Matter auf die Fahne zu schreiben. Ein paar Wochen später gibt es andere aktuelle Themen. Eine einzelne Kampagne allein hat keine Wirkung. Ich kann nicht erkennen, dass sich längerfristig etwas verändert. Ich sehe nicht, dass Strukturen angepackt werden oder in den Verbänden bspw. Arbeitsgruppen entstehen, um einen nachhaltigen Wandel herbeizuführen.

Roli: Wir brauchen mehr Trainer, die PoCs sind. Ich finde es erschreckend, dass ich in all den Jahren nie ein Gegenüber hatte, das nicht weiß war. Und ja klar, unter der Oberfläche sind wir alle gleich. Am Ende des Tages ist meine Beziehung zum Sport und auch der Befreiungskampf, der darin enthalten ist, eine andere. Das kann eine Schwarze Person einfach besser nachvollziehen und deshalb kann sie mir dann eher das geben, was ich als junge Spielerin brauche. Es gibt so viele Schwarze Spielerinnen und Spieler, warum bekommen die nicht auch dieselbe Plattform, um zu coachen? Die wenigen Schwarzen Traininer*innen, die es gibt, engagieren sich oft in Vereinen in denen Schwarze überrepräsentiert sind - Schwarze Teams sozusagen. Das kann wiederrum zu gewissen Spannungen mit gegnerischen Eltern oder den Schiris führen. Es kommen Argumente wie: „Na ja, der Trainer ist Schwarz. Natürlich findet der jede Entscheidung gegen sein Team rassistisch.“ Ich finde dieses in-Schubladen-Stecken absolut nicht in Ordnung. Es ist nahezu unmöglich, aus so einer Schublade wieder herauszukommen. Aber diejenigen, die über Schiedsrichterbesetzungen und über Beschwerden entscheiden, sind alle weiß. Sie können sich nicht darin hineinversetzen, wie es sich anfühlt, in dieser Schublade festzustecken. In letzter Konsequenz bedeutet das, dass nicht von Rassismus betroffene Menschen entscheiden, wie sich Schwarze Kinder oder Schwarze Trainer*innen zu fühlen haben. Das ist nicht besonders fair.

Frage: Liegt es an den Strukturen oder an der Ansprache, dass es verhältnismäßig weniger Schwarze Trainer*innen gibt, v.a. im Vergleich zu den Sportler*innen?

Ireti: Gute Frage. Für mich persönlich kam bis jetzt eine Position als Trainerin noch nicht infrage (Anm. Ireti stand bis Ende der Saison 2020 als Spielerin bei ALBA Berlin in der zweiten Bundesliga unter Vertrag und konzentriert sich aktuell auf ihre Doktorarbeit im Bereich Wirtschaftsinformatik). Ich denke für Roli und mich ist der besondere Umstand gegeben, dass wir beide lange auf hohem Niveau gespielt haben und dadurch die notwendigen Kontakte und Möglichkeiten hätten, um als Trainerinneren aktiv zu werden. Dass es insgesamt zu wenig BBPOC Trainer*innen im Vergleich zu Basketballer*innen gibt, ist vermutlich eine Mischung aus Strukturen und Ansprache. Wie gehen Vereine auf potentielle Trainer*innen zu und wie sind die Institutionen aufgestellt, die Trainer*innen aus- und weiterbilden? Wenn ich ein junger, Schwarzer Mensch bin, der unweigerlich schon die ein oder andere Diskriminierungserfahrung gemacht hat, auch im Sport, dann sind die Vereine und Institutionen, die ich bisher kennengelernt habe, sehr unattraktiv; insbesondere aufgrund fehlender Diversität.

Letztlich stehen Wirtschaftsunternehmen vor derselben Herausforderung und haben mitunter sehr erfolgreiche Lösungen gefunden. Arbeitgeber*innen haben ein eigenes Interesse, offene Stellen divers zu besetzen, unabhängig von Geschlecht, Herkunft usw.. Und das fängt schon mit der Stellenausschreibung an. Die IT-Branche z.B. hat auch verstanden, dass Frauen stärker rekrutiert werden müssen. Dazu gehört, dass Personalabteilungen offene Stellen auch für Frauen attraktiv anpreisen. Wenn Stellen nur in der männlichen Form ausgeschrieben werden, dann wird dadurch quasi 50 % des Bewerbungspotentials verschenkt, weil viele Frauen sich davon nicht angesprochen fühlen. Sie denken sich dann ‚an so einem Arbeitsplatz möchte ich doch gar nicht arbeiten.‘ An manchen Stellen muss vielleicht auch mit Quoten gearbeitet werden und zwar nicht nur für Gender, sondern auch Diversität im weiteren Sinn. Im Zweifel bleibt halt eine Stelle solange offen, bis es geeignete Bewerbungen gibt – das funktioniert in der Wirtschaft und ich sehe keinen Grund, warum es in Sportverbandsstrukturen nicht funktionieren sollte. Ja klar, die Verantwortlichen müssten sich dafür anstrengen und bewusst aus den alteingesessenen Strukturen ausbrechen. Wandel muss halt manchmal gezielt herbeigeführt oder erzwungen werden, damit sich etwas ändert. Dann sind ein paar Positionen etwas länger nicht oder nur kommissarisch besetzt, aber es wäre zumindest ein ernstzunehmender Versuch, etwas zu verändern und ein starkes Signal für die Betroffenen.

Roli: Ein gezieltes Förderprogramm der Verbände für BI PoC-Trainer*innen wären zumindest ein Startschuss. Es fehlen auch Beratungsstellen, an die sich junge, von Rassismus betroffene Sportler*innen wenden können. Sie sollten im Sinne eines Save Spaces eingerichtet werden, so dass Kids ihre Erfahrungen mit einer Person teilen können, die auch von Rassismus betroffen ist. Das ist für weiße Menschen oft nicht ohne Weiteres nachvollziehbar. Lasst es mich so erklären, für mich und viele andere ist es einfach ein himmelweiter Unterschied, zu wissen, hier ist ein Gegenüber, das ähnliche Erfahrungen gemacht hat wie ich und ich kann wirklich mal sagen, wie ich mich fühle oder wie ich bestimmte Situationen wahrgenommen habe - ohne (!) mich direkt wieder rechtfertigen zu müssen. Es ist doch so, dass sobald ich als Betroffene auch nur andeute, dass etwas rassistisch gewesen sein könnte, die Verantwortlichen wie verrückt rudern und alle versuchen, aus der Schusslinie zu kommen. Das tun sie, um sich von den Vorwürfen zu distanzieren. Was sie damit aber gleichzeitig tun, ist, sie lassen die Betroffenen alleine. Das erzeugt ein unerträgliches Gefühl der Einsamkeit und Hilflosigkeit. Vereinsunabhängige Beratungsstellen wären nicht nur für Kinder und Jugendliche wichtig, sondern auch für deren Angehörige. Als Mutter kann ich meinen Söhnen zwar den Rücken stärken, aber ich allein oder wir als Familie, haben ja auch nur begrenzten Einfluss. Ich kann mich mit anderen Betroffenen vernetzen, tue ich übrigens auch, aber ist das wirklich unsere Verantwortung? Und das ersetzt auch nicht die wichtige Komponente des Sich-Wahrgenommen-Fühlens. Es muss ja gar nicht für jede Situation auf dem Feld und abseits davon eine gründliche Aufarbeitung mit allen Beteiligten geben, das geht ja gar nicht. Aber es kann für Betroffene schon sehr heilsam sein, zu wissen: hier werde ich ernstgenommen und niemand versucht, mir meine Erfahrungen oder Gefühle auszureden.
Vielleicht wären auch Schulungen für die Schiris sinnvoll. Kommentare durch Eltern und andere Zuschauer*innen könnten beispielsweise durch unmittelbaren Ausschluss von der Veranstaltung und Geldstrafen unterbunden werden. Wenn sich jemand weigert zu gehen, dann wird das Spiel halt unterbrochen, im Zweifelsfall bis die Polizei da ist und die Person entfernt. In diesem Zusammenhang wären bestimmt auch sportartübergreifende Richtlinien sinnvoll.

 

An dieser Stelle möchten wir uns recht herzlich bei Ireti Amojo und Roli-Ann Neubauer für die Teilnahme an unserem Interview und dafür ihre Sichtweisen, Gefühle und Gedanken mit uns geteilt zu haben, danken.