Jugendarbeit und Sport zwischen Krieg und Flucht

Natalia Shevchuk vom National Youth Council of Ukraine (NYCU) und Matthias Starz von der Deutschen Sportjugend berichten über Jugendarbeit und Sport zwischen Krieg und Flucht.

Eine ukrainische Familie erlebt unbeschwerte Stunden im Fußballstadion. Foto: LSB NRW/Andrea Bowinkelmann
Eine ukrainische Familie erlebt unbeschwerte Stunden im Fußballstadion. Foto: LSB NRW/Andrea Bowinkelmann

„Der 24. Februar 2022 hat Vieles verändert!“ Dieser Aussage wird wohl niemand widersprechen. Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine ist seither das Thema in der Politik, in den Medien, im Sport und eigentlich in allen gesellschaftlichen Bereichen.

Viel verändert hat sich aber vor allem auch für junge Menschen aus der Ukraine. Denn Kinder und Jugendliche sind durch Krieg besonders betroffen. Seit über einem Jahr haben viele von ihnen Schutz und Geborgenheit von Familie und Freunden sowie Haus und Heimat verloren. Schon in jungen Jahren erleben sie Flucht, Gewalt und Tot.

Das National Youth Council of Ukraine (NYCU) ist Dachverband für über 150 Jugendorganisationen und vertritt Millionen junger Menschen aus der Ukraine. Die Arbeit basiert zu großen Teilen auf dem ehrenamtlichen Engagement junger Menschen. Inhaltlich sind beispielsweise non-formale Bildung und internationale Jugendarbeit wichtige Schwerpunkte. Durch die Invasion Russlands rückte allerdings die klassische Jugendverbandsarbeit zunächst in den Hintergrund und der Fokus lag plötzlich auf humanitärer und teilweise sogar militärischer Hilfe. Die Arbeit vieler Engagierter fand und findet nun mitten im Kriegsgebiet statt, mit der ständigen Gefahr durch die russische Armee oder einer Explosion. Dass die Jugendverbände eine pro-ukrainische und pro-europäische Haltung vertreten, erhöht zudem die Gefahr vor Ort. Ein Jahr nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine und neun Jahre nach dem Beginn des Krieges im Osten der Ukraine, bleibt es die Position der Jugendorganisationen, dass sie mehr Waffenlieferungen für die ukrainische Armee fordern. Ein Sieg der Ukraine wird als einziger Weg gesehen, um den imperialistischen Bestrebungen und den barbarischen Kriegsverbrechen Russlands Einhalt zu gebieten, Frieden zu erreichen und als Ukrainer*innen unter der Flagge des eigenen Landes zu leben und von Russland unabhängig zu sein.

Nachdem sich nach den ersten Wochen des Krieges allerdings immer deutlicher abzeichnete, dass dieser andauern würde, wuchsen auch Anspruch und Wille der Jugendorganisationen, zumindest teilweise zu ihrem Kerngeschäft, der Jugendarbeit, zurückzukehren. Denn trotz oder gerade wegen des Krieges ist Jugendarbeit von entscheidender Bedeutung für die Zukunft des Landes. Die Jugendverbände arbeiten weiterhin unter Ausnahmebedingungen, um den jungen Ukrainer*innen im In- und Ausland eine Stimme und Perspektiven zu geben.

Da das Sportsystem in der Ukraine ein anderes ist als in Deutschland, sucht man bei den Mitgliedsorganisationen des NYCU vergeblich nach Sportjugend-Organisationen, trotzdem gibt es viele Überschneidungen und die Bedeutung des Kinder- und Jugendsports für Ukrainer*innen ist hoch:

  1. Sport kann für junge Menschen aus der Ukraine eine temporäre Ablenkung von Krieg und Flucht sowie Teil eines „normalen Alltags“ sein. Viele junge Menschen brauchen nach den schrecklichen Erlebnissen des Kriegs Unterstützung im Bereich der mentalen Gesundheit. Sport und Bewegung können hier als ein Teilaspekt die mentale Gesundheit junger Menschen unterstützen und dabei helfen, das Erlebte und Gesehene zu verarbeiten.
  2. Für Kinder und Jugendliche, die innerhalb der Ukraine oder ins Ausland geflohen sind, bietet Sport eine niedrigschwellige Möglichkeit, sich in einem neuen Umfeld zu integrieren. Beim Sport spielen beispielsweise Sprachbarrieren eine untergeordnete Rolle und die Integration geflüchteter junger Menschen aus der Ukraine in Sportvereine und Trainingsgruppen kann ein wichtiger Teil des Ankommens in einer neuen Stadt oder Region sein. Dort können sie einerseits Anschluss und erste Freund*innen finden und andererseits in einem außerschulischen Kontext Elemente der Sprache und Kultur im neuen Land lernen. Heute gibt es tausende Beispiele gelungener Integration geflüchteter Kinder und Jugendlicher in deutschen Sportvereinen, die oft nicht nur den jungen Menschen aus der Ukraine beim Ankommen helfen, sondern auch den Alltag im Sportverein bereichern.
  3. Frauen mit Kindern stellen in Deutschland den größten Anteil der Geflüchteten aus der Ukraine dar. Nicht nur für die jungen Menschen selbst kann der Kinder- und Jugendsport beim Ankommen im neuen Umfeld helfen, sondern auch für die Mütter. Während die Kinder im Sportverein sind, haben die Mütter Zeit für sich oder auch für Dinge, wie die Jobsuche, die im Alltag mit den Kindern im ungewohnten Umfeld teilweise schwieriger umsetzbar sind.
  4. Der stark intensivierte Dialog zwischen Jugendorganisationen aus der Ukraine und Sportjugend-Organisationen bietet auch Chancen für die Zukunft – beispielsweise für internationale Jugendbegegnungen im Sport oder gar eine Reform des ukrainischen Sportsystems zur Finanzierung und dem langfristigen Aufbau vergleichbarer Strukturen für Kinder- und Jugendarbeit im Sport.

Bei allen Potenzialen des Kinder- und Jugendsports darf allerdings nicht vergessen werden, dass für die Menschen in der Ukraine die Arbeit in den Bereichen Jugend und Sport immer schwieriger wird, wenn Sicherheit und Grundbedürfnisse nicht gewährleistet sind.

Seit Beginn des Kriegs wurden auch mehrere Hundert ukrainische Athlet*innen getötet. Am 24. Januar wurde beispielsweise bekannt, dass die berühmten Sportler Maksym Tschumak und Mykhailo Kobyzhcha bei Kämpfen mit den russischen Besatzern getötet wurden. Vor diesem Hintergrund wirken die Überlegungen des Internationalen Olympischen Komitees, Athlet*innen aus Russland und Belarus wieder an Wettkämpfen und den Olympischen Spielen teilnehmen zu lassen, für die Ukraine wie ein Schlag ins Gesicht – denn die getöteten Athlet*innen aus der Ukraine werden nie wieder an Olympischen Spielen teilnehmen können.

Der 24. Februar 2022 hat viel verändert. Allerdings nicht nur auf der weltpolitischen Bühne, sondern vor allem auch für die Kinder, Jugendlichen und jungen Menschen aus der Ukraine. Auch ein Jahr später dauert der Krieg weiter an und die jungen Ukrainer*innen, ob in der Ukraine selbst oder bei uns in Deutschland, brauchen weiterhin Unterstützung – auch vom Kinder- und Jugendsport.

Hier geht es zu einem ausführlicheren Fachbeitrag „Zwischen Krieg, Flucht und Jugendarbeit – Die Arbeit der ukrainischen Jugendverbände und die Rolle des Sports“ aus der Fachzeitschrift „Forum Kinder- und Jugendsport“.

Außerdem ist ein Videointerview der Autor*innen auf YouTube verfügbar.

(Quelle: dsj)


  • Eine ukrainische Familie erlebt unbeschwerte Stunden im Fußballstadion. Foto: LSB NRW/Andrea Bowinkelmann
    Eine ukrainische Familie erlebt unbeschwerte Stunden im Fußballstadion. Foto: LSB NRW/Andrea Bowinkelmann