30 Jahre „Integration durch Sport“ - Relevant wie nie

Kiel – Die Wendezeit in Deutschland, der Umbruch im Ostblock, fremdenfeindliche Anschläge in den 1990er Jahren, schließlich die große Flüchtlingswelle ab 2015 – das Programm „Integration durch Sport“ („IdS“) im Landessportverband Schleswig-Holstein feiert in diesem Jahr sein 30-jähriges Jubiläum und ist relevant wie nie. „IdS“ steht mitten in der Gesellschaft und holt die dorthin, die am Rande stehen, wo sie der Sport kaum erreicht. „IdS“ wächst. „IdS“ strahlt, hat eine Satellitenfunktion, entfaltet seine Kraft mittlerweile auch mit Partnerprogrammen wie „Willkommen im Sport“ oder „Sport für alle – Sport mit Flüchtlingen“. Und: „Integration durch Sport“ hat Pionierarbeit geleistet, hat seine Pioniere gehalten.

Damals und heute

1989 fing alles an, als der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble und der Präsident des Deutschen Sportbundes und langjährige LSV-Präsident Hans Hansen das Projekt „Sport für alle / Sport mit Aus- und Übersiedlern“ ins Leben riefen. Schnell war Schleswig-Holstein dabei. „Das waren erste zarte Pflänzchen, bei denen sich der organisierte Sport mit der Verbindung von sozialer Arbeit und Sport beschäftigte“, erinnert sich Thomas Niggemann. „Im größeren Stil ging es zum ersten Mal um Menschen, die am Rande des sportlichen Geschehens stehen.“

Der 60-Jährige ist heute LSV-Geschäftsführer Breitensport, war damals erster Landeskoordinator des Programms, das sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mit einer rasant wachsenden Zahl an Aussiedlern konfrontiert sah. Echte Pionierarbeit: Im neu angeschafften „Sportmobil“ fuhren Niggemann und seine Mitarbeiter in die sogenannten „Übergangsheime“. Spielenachmittage in Holm oder Kiel-Wik, Sportfeste in Boostedt, interkulturelle Basisarbeit, Netzwerken. Werbung für den Sport. Damals dachte Niggemann: „Kann es das alleine sein? Was ist, wenn wir nach einem solchen Nachmittag wieder wegfahren?“

Ein Paradigmenwechsel war nötig: „Wir wollten“, so Niggemann, „die Vereine mit ins Boot holen, in die Nähe ihrer Zielgruppe bringen – und umgekehrt.“ Das war neu für die Vereine, stieß mal mehr, mal weniger auf Ablehnung, Überforderung oder zumindest Skepsis. Und heute? Aus 14 wurden 40 wurden 50 Stützpunktvereine. Insgesamt sind es mehr als 100, die sich beteiligen. Mit der Flüchtlingswelle von 2015 stieg auch die Förderung: Rund eine Million Euro sind es heute für „Integration durch Sport“, „Willkommen im Sport“ und „Sport für alle“ aus Mitteln des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, das dem Bundesinnenministerium angegliedert ist, des Landes und der EU.

Zugleich wuchs auch das Team von Landeskoordinator Karsten Lübbe (57), dem heute fünf hauptamtliche Kräfte und zwei Minijobber angehören. Lübbe leitet das Programm seit 2000, äußert besonders große Wertschätzung für die momentan 46 Integrationslotsen im Land: „Sie sind unsere Schnittstelle in den Vereinen, haben oft selbst einen Migrationshintergrund, organisieren Kurse, sind aber auch Schnittstelle zur Polizei, Kita, zu den Schulen. Sie sind die entscheidenden Helfer vor Ort, ohne sie könnten die Vereine vieles nicht leisten.“ Ein Programm im Wandel. „Zweimal hat sich in den vergangenen 30 Jahren unsere Zielgruppe verändert“, erinnert sich Karsten Lübbe. Richtete sich „IdS“ anfangs an Aus- und Übersiedler, wurde es 2001 erweitert auf alle Menschen mit einem Migrationshintergrund. 2015 kamen dann auch die vielen Geflüchteten hinzu – auch die, die sich zunächst noch ohne dauerhaftes Bleiberecht in Deutschland aufhielten.

Die Pioniere

Für einige sorgten Botschaft und Inhalte von „Integration durch Sport“ gar nicht für Skepsis oder Ablehnung. Ede Söhnel vom TV Trappenkamp oder Georges Papaspyratos von der TuS Gaarden beispielsweise. Ihre Lieblingsfarbe ist Bunt, und so schlugen die beiden 75-jährigen Routiniers des Sports von Anfang an Brücken. Brücken vom Rand der Gesellschaft direkt auf die Ringermatte, an die Tischtennisplatte, unter den Basketballkorb oder an die Turngeräte. Neu für Ede Söhnel war in Trappenkamp Anfang der 90er Jahre gar nicht unbedingt der Umgang im Verein, sondern vielmehr die Tatsache, dass es plötzlich Anträge, Zuschüsse, Gelder gab. Denn Trappenkamp war immer bunt, fing nach dem Krieg Sudeten-Deutsche und andere Flüchtlinge auf, später kamen Portugiesen, die in der Wahlstedter Glashütte arbeiteten, und Vietnamesen. „Wir kannten das gar nicht anders, der ganz Ort bestand sozusagen aus Flüchtlingen, als ich 1971 nach Trappenkamp zog. Für mich war es immer normal, die Namen meiner Sportler kaum aussprechen zu können“, sagt die Sportwartin des Vereins und lacht. 41 Nationen bei 5000 Einwohnern – dieses Verhältnis spiegelt sich auch im Sportverein mit seinen 890 Mitgliedern wider. „Im Turnen haben wir rund 30 Prozent Migrationshintergrund. Durch das Projekt wurde uns sehr geholfen – insbesondere, was die Mittel für Geräte in der Boxsparte angeht.“

Georges Papaspyratos hat mit Sport integriert, als es „Integration durch Sport“ noch gar nicht gab. Der 75-Jährige erinnert sich: „Die erste Aktion war von 1975 bis 1978 an der Toni-Jensen-Schule: Ringen, Boxen, alles noch unorganisiert, ich kam vom Preetzer TSV. 1984 sprach mich dann der LSV an, ob ich bei der TuS Gaarden nicht eine Ringersparte gründen wolle. Ministerpräsident Barschel gab damals 10.000 DM für eine Ringermatte. Das waren die ersten Vorläufer.“

2000 kamen die Gaardener Institution und Karsten Lübbe zusammen, von 2006 bis 2014 war Papaspyratos Integrationsbotschafter des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). 470 der 1420 Mitglieder in der TuS Gaarden haben Migrationshintergrund, sie kommen aus 24 Nationen – und Georges Papaspyratos macht unermüdlich weiter. „Aus einem Projekt wurden zehn: Ringen, Boxen, Taekwondo, Sambo und viele mehr.“ Aber an den Grenzen des Sports macht der energische Mann mit den griechischen Wurzeln noch lange nicht Halt: „Wir integrieren, bilden aus, besorgen Arbeitsplätze, machen Präventionsarbeit. Zum Beispiel gibt es zwölf Arbeitsplätze im Gaardener Sportpark.“ Da entwickelt „IdS“ seine ganze Strahlkraft.

Ausblick

„Heute ist die gesellschaftliche Verantwortung in den Vereinen selbstverständlich“, sagt Thomas Niggemann. Und bestimmt habe das Programm zu einem Schub beigetragen. Mehr als 2000 Sportler erreicht das Programm Woche für Woche. Ohne Reibung funktioniert das nicht, und trotz der heutigen Vielfalt der Aufgaben bleiben auch Problemstellungen. „Es ist weiterhin schwieriger, Frauen zu erreichen“, weiß Karsten Lübbe zu berichten. Auch wenn es mittlerweile Frauen-Boxtage oder gezielte Schwimmkurse gibt, spielen tradierte Rollenbilder – insbesondere im Islam – noch immer eine große Rolle. Auch ältere Menschen zu erreichen, sei nicht leicht.

Georges Papaspyratos lenkt den Blick zudem auf die Politik. „Es gibt noch immer Parallelwelten, zum Beispiel in Gaarden, in denen Kriminalität eine große Rolle spielt.“ Mit Lehrgängen und Jobs wolle man die jungen Männer „auf den rechten Pfad“ bringen. Bis Ende 2020 ist die Finanzierung gesichert. Danach sollen die Landesmittel für das Projekt „Sport für alle – Sport mit Flüchtlingen“ von derzeit jährlich 400.000 Euro auf 128.000 Euro gekürzt werden. Thomas Niggemann hält das für ein „falsches Signal“. „Die Menschen sind doch da, der Familiennachzug kommt erst noch.“

Und Karsten Lübbe ergänzt: „Der Bedarf fängt jetzt erst so richtig an. Die ersten Herausforderungen wie das Asylverfahren, die Unterbringung sind gelöst. Jetzt kommen zum Teil auch Kinder, Kita und Grundschule wird eine Rolle spielen. Bedarf haben wir eher noch für 20 Jahre oder mehr.“ In diesem Jahr wird erst einmal unter dem Motto „Integration durch Sport“ gefeiert – bei den Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit am 2. und 3. Oktober an der Kiellinie und im Schlosspark und zuvor bereits bei einer zentralen Feier in Berlin am 12. September, im Sport- und Bewegungspark Gaarden am 22. September. Auch die Turngala beim TV Trappenkamp am 2. November steht unter dem Motto „Integration durch Sport“.

Von Tamo Schwarz


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