Annäherung durch Kampf

Ein türkisch- und ein spanischstämmiger Mann bringen in der Nürnberger Südstadt einen koreanischen Kampfsport groß raus, bis zum WM-Titel – erfolgreicher kann Integration nicht funktionieren. Zu Besuch beim Stützpunktverein Taekwondo Özer.

Alfred Castaño/Taekwondo Özer
Studieren ist wichtig: Coach und Vereinsgründer Özer Güleç mit Merve Demir, Zweite bei der Deutschen Hochschulmeisterschaft 2014.

Text: Nicolas Richter

 

Auch Alfons Hörmann war schon da. Er hatte sich eine eher bescheidene Adresse ausgesucht, um als erster DOSB-Präsident überhaupt einen deutschen Taekwondo-Stützpunkt zu besuchen: Hier, in der Nürnberger Südstadt, leben viele sozial Benachteiligte, Armut ist sichtbar; hier, in den Räumlichkeiten von Taekwondo Özer, trainieren im Vereinsalltag nicht mal 100 Sportlerinnen und Sportler. Und doch schien Hörmanns Entscheidung für diesen Ort geradezu zwingend. Denn hier kreuzen sich sportliche und sozialintegrative Höchstleistung.

Nürnberg ist das deutsche Zentrum des koreanisch geprägten Kampfsports. Bei den jüngeren Europameisterschaften etwa kamen die meisten der von der Deutschen Taekwondo-Union (DTU) nominierten Athleten aus Franken, darunter jene von Taekwondo Özer. Der 2004 gegründete Verein ist nationale Spitze. Im Aufenthaltsraum seines Heims in der Findelwiesenstraße stehen mindestens so viele Pokale wie Namen in der Mitgliederkartei, von anderen Auszeichnungen zu schweigen. „Wer als Kind zu uns kommt, will möglichst bald Medaillen gewinnen“, sagt Özer Güleç, der Gründungsvater und Cheftrainer.

Er bildet diese Kinder aus, mit Hand und Fuß, die einen werden Vorbilder für die anderen. So wie sein Neffe Tahir Güleç, Jahrgang 1993, der im Juli 2013 Weltmeister wurde und 2015 mit einer Bronzemedaille ebenfalls erfolgreich war. So wie dessen ältere Schwester Sümeyye, verheiratete Manz: Europameisterin 2008, je zweimal WM-Dritte: 2005 – als 15-Jährige! – und 2011. So wie Rabia, dritte und jüngste im Familienbunde, die bei der WM 2013, der EM 2014 und der EM 2016 jeweils Bronze gewann. So wie andere Athletinnen und Athleten, die dem Verein und der DTU schon Ehre gemacht haben.

Die Geschwister Güleç, allesamt Olympiateilnehmer für Deutschland, verkörpern nicht nur die sportliche Ambition ihres Vereins. Sie stehen auch für seine weitreichende Idee von Zusammenhalt. Taekwondo Özer bittet Sportler mit und ohne Behinderung zum gemeinsamen Training, tauscht sich intensiv mit israelischen wie arabischen Vereinen aus, will Kulturen, Religionen und Milieus in Deutschland verbinden: Die Organisation versammelt Menschen aus circa 30 Herkunftsländern, von Ägypten bis USA. Tahir, Sümeyye und Rabia teilen ihre türkischen Wurzeln, aber auch ihre deutschen Pässe mit der Mehrheit der Mitglieder.

 

Werbung für die Staatsbürgerschaft

Özer Güleç und Alfred Castaño, der Vereinsvorsitzende, wirken auf die Einbürgerung der Mitglieder hin. „Wir versuchen vorzuleben, dass es leichter ist, ein Zugehörigkeitsgefühl zu entwickeln, wenn man als Deutscher in Deutschland lebt“, erläutert Castaño. Vorleben, das kann der gebürtige Spanier, dessen deutscher Pass auf „Castano“ ausgestellt ist – die Einbürgerungsbehörden der 1970er-Jahre kannten keine Tilden. Güleç seinerseits, Sohn sogenannter „Gastarbeiter“, wartete nicht lang nach seinem 18. Geburtstag, um Bundesbürger zu werden. „Ich wollte mich als Teil der Gesellschaft fühlen statt als Gast,“ sagt er.

Taekwondo Özer ist einer der erfolgreichsten Stützpunktvereine in der Geschichte des Programms „Integration durch Sport“. Breitensportler sind hier eine willkommene, aber deutliche Minderheit. Alle Aktiven machen Taekwondo, für Frauen gibt es zudem eine offene Kardiogruppe und einen Selbstverteidigungskurs. Kooperationen mit anderen Akteuren sind häufiger sportlicher als sozialer Natur. So die mit der Bertolt-Brecht-Schule, eine Eliteschule des Sports.

Anders als in Deutschland ist Taekwondo in vielen Ländern sehr populär, darunter der Türkei. Vielleicht hat der Verein auch deshalb keine Probleme, Nachwuchs zu finden in der von vielen Türkeistämmigen bewohnten Südstadt. Mehr als die Hälfte der Mitglieder sind Kinder und Jugendliche, wobei sich die Letzteren genauso verhalten wie in anderen Sportarten – Stichwort Drop-out. „Mit 13, 14 schaffen die einen den Sprung in den Bundeskader“, sagt Özer Güleç. Die anderen schaffen ihn nicht oder wollen ihn nicht schaffen. Der Aufwand für die Leistungslaufbahn ist ja nicht kleiner, nur weil sie relativ wenig Geld und Ruhm verspricht.

So verliert Taekwondo Özer schon mal einen Jungen an den Fußball. Auch manche Mädchen gehen, wenn auch immer seltener aus religiösen Gründen. „Einige muslimische Eltern sind skeptisch, weil Jungs und Mädels bei uns gemeinsam trainieren“, sagt Castaño. „Aber die meisten dieser Eltern sind in Deutschland geboren. Sie betonen ihren Glauben, verfolgen aber einen deutschen Lebensstil.“ Das Freizeitverhalten ihrer Töchter spiegelt das: Im Heranwachsen entwickeln einige neue Vorlieben.

 

Im Zweifel für die Schule

Viele der jungen Mitglieder kommen aus „nicht bildungsaffinen“ Elternhäusern, sagt Castaño. Das erschwert einen Teil des sozialen Auftrags: Im Verein haben Schule und Ausbildung Priorität, im Zweifel auch gegenüber Taekwondo. Es sei „nicht einfach“, so der Vorsitzende, Jugendliche von den Vorteilen eines höherqualifizierten Abschlusses zu überzeugen, wenn deren Familien nicht darauf drängten. Trotzdem gelingt es: 2014 war Taekwondo Özer erstmals bei den Deutschen Hochschulmeisterschaften vertreten, mit drei Athleten.

Man fühlt sich verpflichtet in Nürnbergs Südstadt. Verpflichtet gegenüber den Mitgliedern und ihrer Zukunft. Verpflichtet, Toleranz zu vermitteln – etwa dann, wenn sich die Wut muslimischer Jugendlicher auf Israel offenbart. Verpflichtet, Solidarität zu zeigen: Einmal suchte ein palästinensischer Vater Rat beim Verein, seine zehnjährige Tochter fand sich schwer zurecht in Franken. „Wir haben nachgefragt, uns umgehört und festgestellt, dass sich das Mädchen in der Klasse nicht wohlfühlt“, sagt Castaño. „Wir kennen einige Schulen hier recht gut und haben eine ausgesucht, auf der Kinder mit ausländischen Wurzeln besser unterstützt werden.“ Der Wechsel mitten im Schuljahr war schwierig, „aber danach ging es dem Mädchen bald viel besser“.

Schule ist sein Thema, Einbürgerung ebenso: Castaño, Vater einer talentierten Taekwondo-Kadettin und „Bruder im Geiste“ von Özer Güleç, begleitet regelmäßig Menschen zum Einwohnermeldeamt. Der Vereinsgründer selbst hat als ehemaliger Arbeiter bei einem Automobilzulieferer gute Kontakte zu lokalen Betrieben; er unterstützt Jugendliche bei der Lehrstellen- oder Jobsuche. Generell ist die Hilfsbereitschaft nicht auf Mitglieder beschränkt. Castaño: „Wenn wir gefragt werden, helfen wir auch anderen Athleten. Soziales Engagement hört ja nicht an Vereinsgrenzen auf.“

Taekwondo Özer steht für Kampfsport, für Wettbewerbsorientierung – und will von Konkurrenzdenken wenig wissen. „Unsere Gegner sind nicht unsere Feinde, im Gegenteil“, sagt Güleç, „das wollen wir vermitteln“. Er und sein Pendant beim vermeintlichen Lokalrivalen KSC, Nurettin Yilmaz, liefern das Beispiel. Die beiden, die laut Castaño „zu den anerkannt vier, fünf besten Taekwondo-Trainern der Welt“ gehören, arbeiten in der Leitung des Bundesstützpunkts ebenso eng zusammen wie im Trainerteam der DTU.


  • Alfred Castaño/Taekwondo Özer
    Studieren ist wichtig: Coach und Vereinsgründer Özer Güleç mit Merve Demir, Zweite bei der Deutschen Hochschulmeisterschaft 2014.
    Foto: Alfred Castaño/Taekwondo Özer