„Das Gefühl hat sich grundlegend verändert“

Die Podcast-Serie „Halbe Katoffl Sport“ des Bundesprogramms Integration durch Sport wird fortgesetzt. Eine Art Halbzeitbilanz:

Der Podcaster Frank Joung aus Berlin; Foto: privat
Der Podcaster Frank Joung aus Berlin; Foto: privat

Anlässlich seines 30-jährigen Jubiläums hat das Bundesprogramm „Integration durch Sport“ im vergangenen Jahr in Kooperation mit dem Berliner Journalisten Frank Joung den Podcast „Halbe Katoffl Sport“ initiiert. Von dem Format, einer Erweiterung des Grimme-Online-Award-nominierten Podcasts „Halbe Katoffl“, erschienen 2019 insgesamt acht Folgen. Frank Joung traf dabei Menschen mehrerer Generationen – mit sehr unterschiedlichen Migrationserfahrungen und verschiedenen Bezügen zum Sport.   

Es zeigte sich schnell, dass die Fokussierung auf die Rolle, die der Sport in der Sozialisation und der Biografie der Menschen mit nicht deutschen Wurzeln spielt, nicht allein eine anekdotische Verbreiterung zum Thema Integration darstellt, sondern neue und interessante Einblicke ermöglicht: Welche Impulse und Hilfestellungen können Sport und Vereine bei der sozialen Teilhabe, bei Identitätsfragen und beim Umgang mit Vorurteilen und Ablehnung in der Mehrheitsgesellschaft geben?

Am Ende kamen sehr ungewöhnliche, in Teilen bewegende, zumeist unterhaltsame und humorvolle Podcasts zustande, die in der klassischen „Halbe Katoffl“-Fangemeinde genauso wie im Sport und in sportfremden Gesellschaftsgruppen auf regen Zuspruch stießen.

Grund genug, die Reihe auch im Jahr 1 nach dem Jubiläum fortzuführen (siehe erste Folge mit dem blinden Judoka Shugaa Nashwan). Und eine gute Gelegenheit, den Podcaster und Journalisten Frank Joung von seinen Eindrücken aus den bisherigen Begegnungen erzählen zu lassen. Die Stichworte.

Wiederkehrende Themen

Viele Gespräche drehten sich um die Eltern oder auch um die eigene Elternschaft. Die Identitätsfrage ist immer an Herkunft gekoppelt, mithin an die eigene Erziehung und das Aufwachsen. Und an die Frage: Was war gut, was war schlecht in Kindheit und Jugend? Wenn man diese Fragen verdrängt, tauchen sie spätestens dann auf, wenn man selber Mutter oder Vater wird. So war es im ersten Gespräch mit Jasmin Blümel, die in der Mutterschaft bemerkte, dass sie sich offensiv den Dämonen der Vergangenheit stellen muss. Plötzlich wurde ihr klar, dass sie verdrängte Probleme in sich trägt, die mit dem gesellschaftlichen Umgang mit ihrer Herkunft zu tun haben und die sie nicht weitergeben möchte. Die Klärung der eigenen Identität ist eindeutig ein intergenerationelles Projekt.  

Besondere Momente

Als Jasmin Blümel die Geschichte von ihrer fast tödlichen Begegnung mit Nazis auf einem Volksfest erzählte, als diese sie mit Benzin überschüttet hatten und anzünden wollten. Und wie sie es mithilfe des Ringens, des Sportvereins geschafft hat, eine Trutzburg aufzubauen, die sie vor allen rassistischen Anfeindungen geschützt hat, hatte ich Tränen in den Augen. Wahnsinn auch, wie sie einen durch ihre Erzählungen für die Sportart Ringen begeistern konnte.

Ganz anders, aber ebenfalls einprägsam: Wie Tuğba Tekkal mithilfe ihrer älteren Geschwister den Eltern beigebracht hat, dass sie Fußball spielt. Man kann es sich fast bildlich vorstellen, wie die Geschwister, die gut mit Mutter und Vater können, das Thema vortragen und Tuğba danebensitzt, ganz still, und hofft, dass es gut geht. Dass die Eltern akzeptieren, vielleicht sogar verstehen, warum Fußball ihr Ein und Alles ist. Sie sagte, sie sei wahnsinnig nervös gewesen vor diesem Gespräch. Das muss man sich vorstellen: alles nur wegen Sport. Diese Szene habe ich wie einen Film im Kopf, obwohl ich selbst nicht dabei war.

Gestörte Kommunikation

In vielen Familien ist die Kommunikation ein großes Problem. Man hat oft keine gemeinsame Basis mehr, weil die Eltern nicht so gut Deutsch sprechen - und man andersrum aber die Sprache seiner Eltern nicht perfekt beherrscht. Ein großes Thema bei der Tänzerin Minh-Thu Nguyen, die zwar Vietnamesisch spricht, aber nicht  gut genug, um sich emotional zu erklären. Die  Eltern sprechen so gut wie gar kein Deutsch. So fehlt eine Grundlage, um die unterschiedlichen Gefühlswelten miteinander abzugleichen. Vor allem, wenn kulturelle Prägungen dazukommen, etwa die große emotionale Zurückhaltung bei den Asiaten. Minh ist ein großer Freigeist, hat so viel Energie und Kreativität. Die Eltern dagegen arbeiten hart, versuchen, irgendwie über den Tag zu kommen und gönnen sich kaum etwas. Zwischen diesen Weltanschauungen liegen Welten - und die Sprache kann in diesem Fall nicht vermitteln.

Bleibende Zitate

Von Pamela Owusu-Brenyah, die oft angeschaut, besser angestarrt wird. Und die dann denkt: „Google doch schwarze Menschen, dann brauchst du mich nicht so anzuglotzen.“ Sie stellt sich immer die Frage: Schauen die, weil ich so sympathisch aussehe, oder weil ich hübsch bin, oder tolle Haare habe, oder schwarze Haut? Bin ich so exotisch? Das sei sehr anstrengend, sagt sie, auch wenn es von den anderen Menschen gar nicht immer böse gemeint sei.

„Ausländer müssen sich schon benehmen, nach unseren Regeln.“ Ein Satz, bei dem man fürchterlich zusammenzuckt und den Kaweh Niroomand, der DOSB-Vizepräsident, der in den 1960er-Jahren mit zwölf Jahren aus dem Iran alleine nach Deutschland kam, immer wieder als Jugendlicher hörte. Zugleich sagt er aber auch: „Ich habe in meiner Heimatstadt und in der Schule immer viel Solidarität und Unterstützung erlebt.“ Nie habe jemand ihm gesagt, dass er wieder dorthin zurückgehen solle, wo er herkam. Heute, so sein Eindruck, sei das Klima in Teilen schon wieder feindseliger.

Neue Furcht

Es wurde in allen Gesprächen deutlich, dass der Aufstieg der „AfD“ Spuren hinterlassen hat. Vorher gab es individuelle, negative Erfahrungen, aber nun existiert eine Institution, in der sich das bündelt. Das Gefühl hat sich grundlegend verändert, alle haben Angst vor einem größeren Rechtsruck. Und die jüngsten Ereignisse in Halle, Hanau und anderswo verstärken diese Furcht.  

Eigenes ...

... zur Integration

Viele Halbe Katoffln haben das Gefühl, dass andere denken, man müsse sich integrieren. Wir denken allerdings: Wir sind von hier, warum sollen wir uns integrieren? Es wird erwartet, dass man sich auf eine bestimmte, „deutsche“ Art verhält. Und dass man immer wieder beweisen muss, dass man hier bleiben darf. Jeden Tag neu. 

... zur Erinnerungskultur

Deutschland hat, finde ich, vieles richtig gemacht. In der Schulzeit hatten wir gefühlt in jedem Jahrgang den Nationalsozialismus als Lehrstoff. Das ist ein ganz anderes Problembewusstsein, als das zum Beispiel in Japan in Bezug auf Korea zu beobachten ist. Trotzdem bleibt die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte für mich persönlich ambivalent: Einerseits interessiert sie mich, andererseits hatte ich in der Schule das Gefühl, das sei nicht meine Geschichte. Zugleich war es aber auch so, dass ich mich irgendwie ausgeschlossen fühlte. Meine Lehrer vermittelten mir eher das Gefühl, darum müssen wir (Deutsche) uns kümmern, nicht du. Schwierig war zudem, dass es vor allem um Daten und Fakten ging, nicht so sehr um Menschen. Und dass kein Transfer stattfand, dass wenig Bezüge hergestellt wurden zwischen dem Gestern und Heute.

... zur freien Wohnortwahl

Für meine Kinder ist Multikulti hier in Berlin völlig normal. Wo ich wohne und lebe, spielt Herkunft tatsächlich keine erkenn- und spürbare Rolle. Ein Umzug käme für mich derzeit nur in andere Großstädte infrage. Ich würde sicherlich nirgendwo hinziehen, wo die AfD auf 30 Prozent kommt. Ich bin eigentlich ein unpolitischer Mensch, mittlerweile habe ich aber das Gefühl, dass alles, was man tut, eine politische Dimension angenommen hat. Mittlerweile muss man sich wieder für das einsetzen, was eigentlich selbstverständlich ist. 

... über Vorurteile

Man merkt, dass wir alle unsere Klischees haben und Stereotypen folgen. Mir fällt dazu die Geschichte des Rennrollstuhlfahrers Alhassane Baldé und seines Zwillingsbruders ein. Die Brüder wurden früh getrennt, Alhassane wuchs in Deutschland auf, wo er bessere medizinische Bedingungen erhalten konnte, sein Bruder ist in Guinea geblieben. Als sie sich später als Erwachsene in Deutschland trafen und sein Bruder sah, wie Alhassane lebt, sagte er ihm: Ich hätte gern dein Leben. Du sitzt zwar im Rollstuhl, aber du lebst privilegiert. Das hat Alhassane überrascht, mich auch. Zeigt aber, wie diejenigen, die privilegiert sind, oft ihre eigenen Privilegien nicht wahrnehmen.

Zu den ersten acht Folgen der Podcast-Serie >>>

(Text: Marcus Meyer)


  • Der Podcaster Frank Joung aus Berlin; Foto: privat
    Der Podcaster Frank Joung aus Berlin; Foto: privat

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