„Das Schwierigste ist die Identitätsfrage“

Der Journalist Frank Joung ist Deutscher mit koreanischen Wurzeln und ist Gründer vom “Halbe Katoffl-Podcast” – einer Gesprächsreihe mit Menschen, die nichtdeutsche Wurzeln haben.

Frank Joung präsentiert die monatliche Audio-Gesprächsserie „Halbe Katoffl Sport“. Foto: privat
Frank Joung präsentiert die monatliche Audio-Gesprächsserie „Halbe Katoffl Sport“. Foto: privat

Für sein Format war er mehrfach nominiert, unter anderem für den renommierten „Grimme-Online-Award“. Ein Gespräch über die therapeutische Wirkung von Podcasts, fehlender Vielfalt in der medialen Berichterstattung und über das, was im Sport anders läuft als im Leben.   

Herr Joung, ihr Podcast „Halbe Katoffl“ beginnt stets mit einem „Klischeecheck“, halten wir es genauso: Sie haben koreanische Wurzeln, also können Sie Taekwondo und tragen mindestens den schwarzen Gurt.

Ich habe wirklich Taekwondo trainiert – und tatsächlich vor allem, um sagen zu können, dass ich es gemacht habe. Weil es irgendwann genervt hat, dass immer alle gefragt haben und ich sagen musste: Nein, kann ich nicht. Einen schwarzen Gurt hatte ich auch mal – allerdings nur einen ganz normalen. Aber immerhin habe ich den in Korea gekauft. Später habe ich gemerkt, das asiatische Aussehen hat einen Vorteil. Auf der Straße rechnen andere eh damit, dass man Kampfsport kann, da muss man es gar nicht wirklich beherrschen.

Und Sie sind mit folgender Frage vertraut: „Wo haben Sie so gut Deutsch sprechen gelernt“?

Ja, das kam früher öfter. In den letzten Jahren seltener. Aber dennoch gibt es oft Situationen, wo mich viele auf Englisch ansprechen. Warum auch immer.

Der Begriff „Migrationshintergrund“ verweist auf etwas, was eigentlich überwunden werden soll: ein vermeintliches Anderssein allein aufgrund der Herkunft. Welchen Begriff bevorzugen Sie?

Na, Halbe Katoffl! Da ist doch alles drin (lacht). Bei mir ist der Migrationshintergrund übrigens auch im Vordergrund. Ich bin in Deutschland geboren, hier aufgewachsen und habe den deutschen Pass, aber sehe asiatisch aus. Die Frage ist: Warum muss man den „Migrationshintergrund“ überhaupt ständig erwähnen? Macht man das bei Deutschen mit belgischen Eltern genauso wie bei Deutschen mit türkischen Wurzeln? Eher nicht. Falls man es doch erwähnen möchte, finde ich den Begriff „Wurzeln“ passender und kürzer.

Wie entstand die Idee für den Podcast?

Ich habe irgendwann angefangen Podcasts zu hören und hatte Lust, selber einen zu machen. Leider wusste ich nicht, worüber. Ich habe kein ausgesprochenes Expertenwissen. Aber ich rede gerne mit Menschen und ich mag Anekdoten und Geschichten. Dann kam die Idee, mit anderen Halben Katoffln zu sprechen. Nicht nur über Rassismuserfahrungen, sondern über alltägliche Dinge: Essen, Familie, Pubertät.

Existieren für „Halbe Katoffl“ Vorbilder, vielleicht in anderen Ländern?

Mir sind bei der Recherche tatsächlich keine untergekommen. Wenn, dann waren es, vereinfacht gesagt, Podcasts, bei denen die einzelnen ethnischen Gruppierungen „unter sich geblieben“ sind. Das wollte ich explizit nicht. Ich wollte ein Format für alle.

Ihr Gesprächsansatz ist besonders; hat der Podcast dabei einen Vorteil gegenüber anderen medialen Formen wie zum Beispiel Print oder Video?

Ja, ich muss weniger schreiben als beim geschriebenen Interview (lacht). Und es ist weniger aufwendig als Video und dadurch, dass wir beim Sprechen unter uns sind, können die Gespräche viel intimer und persönlicher werden. Was auch sehr interessant ist: Ich finde es gut, dass man uns nur hört und nicht sieht. So hört man nur zwei Menschen, die deutsch miteinander sprechen – und sieht nicht: Da redet „ein Asiate“ mit „einem Schwarzen“.

Was sind die Beweggründe der Menschen, mit Ihnen zu sprechen?

Gute Frage. Fast jeder, den ich gefragt habe, hat zugesagt. Und das, obwohl die Gespräche immer sehr persönlich sind. Ich glaube, dass gerade Halbe Katoffln erstens immer etwas zu erzählen haben und zweitens das auch gerne loswerden wollen. Weil sie das Gefühl haben, dass darüber zu wenig gesprochen wird. Und wie gesagt: Es geht nicht um die „bösen Deutschen“, die einen ständig diskriminieren, es geht oft um banale Fragen wie: Was gab‘s bei euch zu Hause zu essen? Oder: Warum wachsen mir keine Achselhaare?

Sehen Sie sich als Stimme der zweiten und dritten Einwanderergeneration?

Ja, definitiv. Es ist so: Viele Deutsche wissen gar nicht, womit diese Generationen umgehen müssen. Alle denken, es gehe immer nur um Ablehnung und Diskriminierung, aber das Schwierigste ist die Identitätsfrage.

Das fällt auf: Identitätsfragen stehen fast immer im Mittelpunkt.

Ja, das ist die zentrale Frage. Halbe Katoffln müssen sich oft sehr früh in der Kindheit mit ihrer Identität auseinandersetzen: Wer bin ich? Was bin ich? Gehöre ich dazu oder nicht? Man denkt meist, man müsse sich für eine Seite entscheiden, bis man merkt, dass man was ganz Eigenes ist – und dass das okay ist.

Und die Rückmeldung nach dem Gespräch?

Fast alle sagen, dass es Spaß gemacht hat und interessant war. Es hat auch immer was Therapeutisches.

Haben ihre Gesprächspartner „abgestufte Migrationserfahrungen“, je nachdem, wie sehr sie äußerlich als Mensch mit anderen Wurzeln zu erkennen sind?

Ganz grob kann man sagen: Alles, was als fremd wahrgenommen wird, wird eher abgelehnt. Da kann schon so etwas wie der Name ausschlaggebend sein. Ich bin davon überzeugt, dass mein Leben anders verlaufen wäre, wenn ich nicht meinen deutschen Namen Frank, sondern meinen koreanischen Namen Youjin verwendet hätte.

Wie reagieren die Hörer auf den Podcast?

Bislang durchweg positiv. Ich freu mich immer mega, wenn ich Post bekomme. Viele „Vollkatoffln“ – so bezeichnen sie sich selbst – schreiben, dass sie froh und dankbar sind über die Storys. Einer schrieb mal: „Du hast mir ein neue Welt eröffnet.“ Halbe Katoffln bedanken sich oft: Endlich gibt’s mal was für uns. Oder: Jetzt fühle ich mich nicht mehr so allein.

Klingt, als hörten nicht nur Menschen mit fremden Wurzeln den Podcast?

Nee, überhaupt nicht. Die Zuhörer sind durchmischt. Das war mir auch sehr wichtig. Es sollte kein „Migranten-Podcast“ werden.

Wie finden Sie die Gesprächspersonen?

Das ist leicht. Entweder spreche oder schreibe ich Menschen an oder Leute treten an mich heran oder es sind Freunde, Bekannte oder Freunde von Bekannten. Es gibt so viele Halbe Katoffln. Schwieriger ist eher, die Gespräche zu organisieren. Alle sind so busy.

Was vermissen Sie in der medialen Auseinandersetzung mit dem Thema Integration?

Wir Journalisten brauchen ja immer die außergewöhnliche Story. Halbe Katoffln tauchen dann oft nur als „Opfer von Rassismus“ in den Medien auf. Oder es sind Geschichten nach dem Motto: „OBWOHL er afrikanischer Herkunft ist, hat er das Abi geschafft.“ Da fehlt es an Vielfalt – und ehrlich gesagt auch an Halben Katoffln in den Medien. Es ist eben oft die klassische Perspektive des „älteren weißen Mannes“.

Und in der öffentlichen Diskussion allgemein?

Dass es immer um „Integration“ geht. Dabei ist das meist gar nicht das Thema. Ich bin hier geboren. Ich hatte und habe nicht das Gefühl, dass ich mich integrieren muss. Zumindest nicht mehr als jeder andere Einzelne in eine Gruppe. Ich würde mir wünschen, dass die deutsche Mehrheitsgesellschaft mehr über die Lebenswelten von Halben Katoffln wissen würde. Und nicht immer noch diese harte Trennung macht zwischen „Wir“ und „Die da“, zwischen Deutschen und vermeintlichen Ausländern. Viele in Deutschland tun sich immer noch schwer damit, dass jemand, der asiatisch aussieht, Frank heißt und in Hannover geboren sein kann. Wir haben 2019! Das kann ich kaum glauben.

„Halbe Katoffl Sport“ ist ein Kooperationsprojekt mit dem DOSB. Welche Rolle spielt der Sport bei der Integration? 

Für viele meiner Gesprächspartner ist Sport sehr wichtig gewesen. Denn im Sport läuft es anders als im Leben. Da zählen vor allem die Regeln der jeweiligen Disziplin. Um ein guter Fußballer zu sein, muss man die Sprache nicht beherrschen. Bei Leichtathletik ist es egal, ob deine Eltern reich oder arm sind, da geht es nur darum, dass du schneller bist oder weiter wirfst. Im Sport kann jeder seine Nische finden, entsprechend seines Talents und seiner Interessen. Und die im Sport erworbenen Skills kann man wiederum gut im Leben einsetzen.

Kann er helfen, eine größere Gelassenheit im Umgang mit Diversität zu bekommen?

Auf jeden Fall! Im Teamsport ist man als Erstes „Spieler“. Du hast eine Position und eine Nummer. Da ist die Trikotfarbe wichtiger als die Hautfarbe. Das ist für viele Menschen, die sonst im Leben aufgrund ihrer Herkunft oder ihres Aussehens herausstechen, oft angenehm. Und: Der Sport bietet eine unkomplizierte Möglichkeit, dass die unterschiedlichsten Menschen zusammenkommen und gemeinsam „spielen“. Wo gibt’s das sonst noch?

(Das Interview führte Marcus Meyer)

Frank Joung, Jahrgang 1976, ist gelernter Sportwissenschaftler, Journalist und Podcaster aus Berlin. In Kooperation mit dem Bundesprogramm „Integration durch Sport“ präsentiert er die monatliche Audio-Gesprächsserie „Halbe Katoffl Sport“. Dabei spricht er mit Menschen, die nichtdeutsche Wurzeln haben, und stark vom Sport geprägt sind. www.halbekatoffl.de | Auch bei Spotify, Deezer, Apple & Google Podcasts.


  • Frank Joung präsentiert die monatliche Audio-Gesprächsserie „Halbe Katoffl Sport“. Foto: privat
    Frank Joung präsentiert die monatliche Audio-Gesprächsserie „Halbe Katoffl Sport“. Foto: privat

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