Der Blick in den Spiegel - Interview mit Schauspieler Adnan Maral

Ein Interview mit Schauspieler Adnan Maral, ein Jurymitglied zum bundesweiten Fotowettbewerb „Mein Leben im Verein“ des DOSB und der dpa picture-alliance.

Adnan Maral; Foto: pa

Wie sieht das eigentlich aus, das Leben im Sportverein? Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und die dpa Picture-Alliance haben sich auf die Suche nach Antworten begeben und unter dem Titel „Mein Leben im Verein“ einen bundesweiten Fotowettbewerb zum Thema „Sport und Integration“ ausgeschrieben. Gefragt war die Perspektive zugewanderter Menschen auf eine der ältesten deutschen Kulturtradition. Im Fokus standen das soziale Miteinander, die Integrationsaktivitäten, der Verein an sich.

Aus der Vielzahl der Fotos, die die Veranstalter erreichte, hat eine vierköpfige Jury die besten Beiträge ausgewählt. Zu ihr gehören der Schauspieler Adnan Maral, das Hockeygeschwisterpaar Selin und Timur Oruz (olympische Bronzemedaillengewinner von Rio) sowie der dpa-Cheffotograf Michael Kappeler.

Die Preise werden am 7. Dezember im Kölner Sport & Olympia Museum verliehen. Rund um diesen Termin erscheinen auf www.integration-durch-sport.de (IdS) der Reihe nach Interviews mit den Juroren und Jurorinnen, zu Fragen der Integration, zum Stellenwert von Fotos für das eigene Leben und den eigenen Beruf, zur Rolle des Sportvereins.

Den Auftakt bildet der Schauspieler Adnan Maral, bekannt unter anderem aus der TV-Serie „Türkisch für Anfänger“ und den gleichnamigen Kinofilmen. Das Interview führte Marcus Meyer.

 

Adnan Maral, Sie haben sich als Juror für den Fotowettbewerb des DOSB „Mein Leben im Verein“ zur Verfügung gestellt. Haben Sie einen persönlichen Bezug zur Fotografie?

ADNAN MARAL: Ich habe an der HFG (Hochschule für Gestaltung Offenbach, Anm. d. Redaktion) studiert, Fotografie war ein Teil dieses Studiums. Insofern habe ich mich zumindest mal theoretisch damit befasst, was passiert, wenn sich eine Linse vor die Realität schiebt. Eine kurze Zeit habe ich auch als Kameramann gearbeitet. Mir ist das Verständnis für die Kunst sehr wichtig, deshalb bemühen wir uns zum Beispiel, unsere Kinder mit Kunst in Berührung zu bringen. Kunst kennt keine Grenzen. In der Fantasie ist ja bekanntlich alles möglich.

 

Ohne der Preisverleihung vorzugreifen, was war Ihr Eindruck von den eingesandten Fotos?

Ich fand es toll, wie die Fotografen es geschafft haben, Emotionen einzufangen, ob beim Sport oder abseits davon, den Spaß, die sozialen Aspekte sichtbar zu machen. Und dass es ihnen gelungen ist, gängige Vorstellungen von Integration zu unterlaufen, andere Bilder dafür zu finden.

 

Wir leben in einer bildergetränkten Welt, besonders auf den Social-Media-Plattformen spielen sie eine große Rolle. Sind Sie dort unterwegs?

Ja, ich bin auf Instagram, Facebook, Twitter aktiv.

 

Stammen die Einträge von Ihnen oder von einer Agentur?

Ich kümmere mich selbst darum, versuche, mit den Fans beide Ebenen zu teilen, die berufliche wie die private. Allerdings mit einer Einschränkung: Meine Familie, vor allem meine Kinder, lasse ich dabei aus dem Spiel.

 

Wie darf man sich das vorstellen, zücken Sie bei jeder Gelegenheit das Smartphone, um ein Foto zu schießen oder einen Tweet abzusetzen?

Es ist ein stetes Abwägen: „Muss das jetzt unbedingt sein? Oder lässt Du es besser?“ Ich achte zwar auf regelmäßige Beiträge, bilde mir aber ein, nicht dem Handy verfallen zu sein. Ich bin also auch nicht immer im Postmodus.

 

Bekommen Sie viele Hasskommentare?

Nein, gar nicht. Glücklicherweise.

 

Sie haben Kinder, können die etwas mit der Institution Sportverein anfangen?

Absolut, sie sind alle drei in einem Fußballverein aktiv, das ist sehr wichtig für sie.

 

Auch über den Sport hinaus?

Sie identifizieren sich total mit ihrem Verein. Sie gehen auch dahin, um Menschen zu treffen. Sie haben dort einen größeren Freundeskreis, der sich über Fußball definiert. Da sind zugewanderte Jugendliche dabei. Es ist ein Zusammengehörigkeitsgefühl unabhängig von Herkunft und Geschlecht entstanden. Meine Kinder lassen keine Weihnachtsfeier aus.  

 

Sind Sie dort selbst auch aktiv?

Nicht sportlich, aber ich versuche zu helfen, wo es geht. Nur nicht regelmäßig, dafür bin ich zu oft unterwegs, und außerdem sind unsere Kinder auf der Waldorfschule, und die erwartet eine Menge Einsatz, da müssen wir sehen, wie wir das alles unter einen Hut bekommen (lacht). „Vereinsmeierei“ ist eigentlich nicht mein Ding, aber ich finde es klasse und bewundernswert, wie viel ehrenamtliches Engagement man im Verein erleben kann.

 

Sie haben in einem Interview mal gesagt, Integration sei nicht Ihr Begriff. Nun unterstützen Sie das Bundesprogramm „Integration durch Sport“. Wie passt das zusammen?

Das bezog sich auf etwas anderes. Da ging es zum Teil um Leute wie mich oder Selin und Timur Oruz. Wir sind in diesem Land aufgewachsen, da muss man nicht mehr über Integration sprechen. Aber bei denen, die gerade nach Deutschland gekommen sind, da spielt das Thema natürlich eine große Rolle.

 

Trotzdem werden Sie oder auch die Oruz-Geschwister sprachlich immer eingemeindet, wenn es um den sogenannten Migrationshintergrund geht.

Das ist eine schwierige Situation, dazu habe ich meine Haltung, allerdings hat sich mein Umgang damit im Laufe der Zeit immer wieder verändert. Derzeit sage ich öfter, ich habe türkische Wurzeln. Das ist eine gute Definition, finde ich. Wurzeln pflegt man. Zudem ist damit eine Entwicklung verbunden. Ich habe mich auch schon als Deutschtürke bezeichnet, aber das fand ich auf Dauer zu starr.

 

Helfen die Selbstzuschreibungen?

Ich habe bei meinen Lesungen (hat das Buch „Adnan für Anfänger“ geschrieben, Anm. d. Red.) festgestellt, dass es gravierende Unterschiede gibt, zwischen Menschen mit EU-Zugehörigkeit und solchen, die türkische, marokkanische oder tunesische Wurzeln haben. Letztere haben nicht automatisch eine doppelte Staatsbürgerschaft; von denen erwartet man, dass sie sich für eine entscheiden.

 

Und die Sprache?

Sie führt dazu, dass die Menschen manchmal etwas verwechseln. Für Deutsche auf Mallorca ist es selbstverständlich, dass sie sich zusammenrotten, dass man Nachrichten aus der Heimat austauscht, und zwar auf Deutsch. „Ah, du warst in Berlin, wie war das Wetter dort?“ Nicht anders machen es die Türken oder Marokkaner, die sich am Bahnhof treffen. Vielen Menschen sind diese Ähnlichkeiten nicht bewusst.

 

Hier muss man unbedingt kurz unterbrechen und eine Geschichte erzählen, die Adnan Maral vor der letzten Bundestagswahl erlebt hat und die vieles von dem illustriert, was noch in den Köpfen der Menschen herumschwirrt. Sie handelt von diesen Zuschreibungen, von Positivdiskriminierungen, wie Maral sie nennt. Da meldete sich also die Redaktion einer der großen politischen Talkformate auf ARD und ZDF bei ihm. Ob er nicht in die Sendung komme wolle, sie hätten zu jeder Partei jemanden, nur für die Grünen fehlte ihnen noch ein Vertreter. Ob er nicht einspringen wolle?

Wieso ich?, fragte Adnan Maral daraufhin. „Nicht dass ich die Grünen schlecht fände, aber ich habe mich parteipolitisch nie öffentlich geäußert, nicht mal zur SPD, obwohl ich bekanntermaßen einen guten Draht zum Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier habe.“ Als er nachfragte, wie sie auf ihn kommen würden, da wurde es still. Sie konnten nicht offen die Gründe nennen, denn indirekt hatten sie eine Linie gezogen zum Parteivorsitzenden der Grünenpartei, der ebenfalls türkischstämmig ist. Gleiche Wurzeln, das schien zu reichen, um daraus eine Analogie in den politischen Ansichten abzuleiten. 

Wie beharrlich diese Erlebnisse Adnan Maral verfolgen, das kann man leicht nachlesen. Zum Beispiel in diesem Interview im ehemaligen DOSB-Magazin „Faktor Sport“, rund vier Jahre alt. Es handelt sich dabei um einen anderen Anlass, der Tenor aber ist der gleiche. Man muss dabei keine bösen Absichten unterstellen, aber es macht die Schranken sichtbar, gegen die Menschen mit Migrationsgeschichte in vielen gesellschaftlichen Bereichen stoßen. Immer wieder, auch in den vermeintlich aufgeklärten. 

 

Wie steht es um Ihre eigenen Vorurteile?

Natürlich kenne ich die. „Oh, wie sieht die oder der komisch aus? Da muss ich aufpassen.“ Ich würde aber behaupten, dass ich ziemlich schnell bereit bin, mich belehren und korrigieren zu lassen und einzuräumen, dass ich total falsch lag. Vielleicht kann man es so sagen: Ich beurteile aufgrund meiner Vorurteile, aber ich verurteile nicht.

 

Sie sagen, Sie hätten sich die besten Sachen aus beiden Kulturen angeeignet. Was ist das?

Ich finde es toll, eine gewisse Disziplin, Ordnung und Struktur ins Leben zu bringen. Das wäre für mich deutsch. Von türkischer Seite ist es die Offenheit, das Spontane, sich exaltiert freuen zu können. 

 

Ihr wichtigstes Erinnerungsstück: ein Foto oder ein Gegenstand?

(Langes Überlegen) ... es gibt zwar auch Gegenstände, die mir wichtig sind. Aber ich denke vor allem an ein Foto. Ich habe es zufällig in Bangkok gemacht, während der Dreharbeiten zu „Türkisch für Anfänger“  im 26. Stock des Hotels, auf der Terrasse und mit Blick über die ganze Stadt. Das Foto hält einen wunderbaren Moment fest: Meine beiden Jungs, wie sie im Batman- und Superman-Kostüm in die Kamera schauen. In denen sie im Übrigen damals die ganzen drei Tage in Bangkok so rumgelaufen sind, als wäre das das Normalste der Welt. Ich habe das Foto mit dem Handy gemacht, und meine Frau hat es auf einen Meter mal einsfünfzig ziehen lassen. Ist total pixelig, aber auch ein total cooles Kunstwerk. Hängt bei uns zu Hause an der Wand.

(Quelle: DOSB-Presse, Ausgabe 48)


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