Der Sanfte mit dem harten Schlag

Fremd und ohne Sprachkenntnisse kam Shabal Ahmed nach Baden-Württemberg, aber mit seinem geliebten Badmintonschläger und der Vorstellung von einem besseren Leben. Von einem pakistanischen Flüchtling, dem ein Schwarzwälder Sportverein die Tür nach Deutschland geöffnet hat.

Text: Johannes Schweikle

 

Er steht in der Drehscheibenposition. Ruhig und konzentriert. Zwei schnelle Schritte nach hinten, an der Grundlinie springt er hoch und schmettert. Der Federball zischt flach übers Netz. Auf der anderen Seite verschlägt der Gegner und jammert: „So ein einfacher Ball!“

Die braunen Augen von Shabal Ahmed leuchten. Nicht nur, wenn er einen Punkt beim Badminton gemacht hat. Sie strahlen auch, wenn er an den Spielfeldrand geht, um einen Schluck aus der Wasserflasche zu nehmen. Auf der Tribüne mahnt ein Schild, wie in vielen Turnhallen: Essen, Trinken, Rauchen verboten! Solche Piefigkeit stört ihn nicht im Geringsten. Shabal sagt mit fröhlichem Nachdruck: „In Deutschland alles gut.“

Shabal Ahmed, 1989 geboren, stammt aus Pakistan. Vor drei Jahren, Anfang 2013, stieg er allein in ein Flugzeug nach London, fuhr von dort nach Deutschland und bewarb sich in Karlsruhe um Asyl. Ein Vierteljahr später kam er in ein Wohnheim im Schwarzwald. Im August 2014 zog er weiter nach Herrenberg, eine Stadt mit 30.000 Einwohnern, 30 Kilometer südwestlich von Stuttgart. Hier steht die Turnhalle, in der er jede Woche zweimal Badminton spielt. Dass er in Deutschland alles gut findet, hat viel mit seinem Sportverein zu tun, dem VfL Herrenberg.

Shabal ist knapp eins achtzig, schlank und muskulös. Eine markante Nase prägt sein schmales Gesicht, unter dem dichten schwarzen Haar hat er einen braunen Schönheitsfleck auf der Stirn. Er trägt einen dunklen Dreitagebart, aber das offene Gesicht wirkt wie das eines großen Jungen. Kein Wunder, dass die Geschäftsführerin des Vereins ihn gern bemuttert. Sie lobt seine sprachlichen Fortschritte, er antwortet ernsthaft: „Der Beruf ischt in Deutsch.“ Er macht eine Lehre als Zimmermann, und gegenüber dem schwäbischen Dialekt kennt er keine Berührungsängste.

 

Perspektivlos in Pakistan

Aufgewachsen ist er in Rabwah, einer Stadt mit knapp 50.000 Einwohnern im Punjab, westlich von Lahore gelegen. Der Ort ist das Zentrum der islamischen Ahmadiyya-Gemeinde. Mehr als 95 Prozent seiner Einwohner gehören dieser religiösen Minderheit an. Sie selbst sieht sich als islamische Reformbewegung, aber die große Mehrheit der Muslime lehnt sie als Sekte ab, die vom wahren Glauben abgewichen sei. Der innerislamische Streit schlägt durch bis zum Ortsnamen: Gegen den Willen der Einwohner wurde Rabwah umbenannt in Chenab Nagar.

Auch wenn es in Lahore schon tödliche Anschläge gegen Ahmadiyya gab: Es wäre falsch, das Bild eines Flüchtlings zu zeichnen, der nach Deutschland gekommen ist, weil er zu Hause um sein Leben fürchten musste. Shabal sagt unaufgeregt: „In Rabwah war ich sicher. Aber in einer anderen Stadt in Pakistan hätte ich keine Arbeit gefunden und nicht studieren können.“ Er verdiente sein Geld bei einer Bank, später auf dem Bau. Finanziell kam er durch, sah aber keine großen Möglichkeiten, mehr zu erreichen. Er lebte mit den Eltern und seinen drei Brüdern in der Großfamilie. Sechsmal die Woche trainierte er Badminton, von der U 14 bis zur U 19 gewann er mehrere Landesmeisterschaften.

Shabal Ahmed ging nach Europa, weil er ein besseres Leben suchte. Mit kleinem Gepäck kam er in Deutschland an. Aber was ihm wirklich wichtig ist, brachte er mit: seinen Sport und seine Religion. Um diese beiden Pole organisiert er sein neues Leben. Sein Asylantrag wurde akzeptiert. Bis Juli 2017 darf er in Deutschland bleiben, danach bekommt er wohl eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis.

Sein Asylantrag wurde akzeptiert. Zunächst kam er in ein Wohnheim in Alpirsbach. Das liegt im Schwarzwald, und man könnte verstehen, wenn der junge Mann, der die Hitze des Punjab gewohnt war, gejammert hätte. In Alpirsbach ist es kalt, ein enges Tal, tiefe deutsche Provinz. Das gute Bier der ortsansässigen Brauerei war für ihn auch nicht attraktiv, weil er seine Religion so ernst nimmt, dass er keinen Alkohol anrührt.

 

Nach zehn Minuten war alles klar

In der Kreisstadt Freudenstadt fand Shabal den nächsten Badmintonverein. Mit dem Bus fuhr er zum Training. Dort fiel er dem Sportsfreund Michael Bronner-Wirth auf, der über den Pakistani sagt: „Er ist ein einwandfreier Mensch.“ Außerdem sah er in ihm einen Sportler, den das Gedaddel der Hobbyspieler nicht auslastet. Deshalb vermittelte er ihn zum VfL Herrenberg, dessen erste Mannschaft in der Württembergliga spielt.

Beim VfL hatte Shabal bald einen Paten. Der Badminton-Abteilungsleiter Dietmar Hechler sagt, schon nach zehn Minuten habe er gesehen: „Des isch an Kracher!“ Hechler ist 63, gelernter Werkzeugmacher, bis zur Pensionierung war er Ausbilder bei Daimler. Für Shabal war dieser grauhaarige Mann ein Glücksfall. Hechler sah in ihm nicht nur eine sportliche Verstärkung. Er übernahm die Rolle eines Ersatzvaters. Schwärmt in den höchsten Tönen von seinem Schützling, führte ihn aber auch nüchtern an die deutsche Wirklichkeit heran: „Ich hab ihm gesagt, dass er einen Beruf lernen muss. Weil er mit Badminton in Deutschland nicht reich werden kann. Das hat er schnell kapiert.“

Hechler besorgte ihm eine kleine Einliegerwohnung in der Nachbarschaft. Dort stellte Shabal seine Badmintonpokale auf, an die kargen Wände hängte er drei Fotos von Mirza Masrur Ahmad, dem geistigen Oberhaupt der Ahmadiyya-Gemeinschaft. Der Flüchtling lernte Deutsch im Intensivkurs der Volkshochschule, ging sechs Monate jeden Morgen brav zum Unterricht. „Er will sogar Schwäbisch lernen“, sagt Hechler, und das ist so ziemlich das größte Kompliment, das er einem Zugezogenen machen kann. Er besorgte ihm Praktikumsstellen, die Arbeit beim Zimmermann hat ihm gefallen. Shabal sagt: „Mein Vater war Schreiner – ich kenne mich aus mit Holz.“

 

Auch ein Gewinner leidet

Im ersten Lehrjahr geht er vier Tage die Woche nach Stuttgart in die Berufsschule, nur einen Tag arbeitet er im Betrieb. Im Monat verdient er 200 Euro, dazu gibt’s 538 Euro BAföG, das reicht für die Miete. Shabal lebt so sparsam, dass er regelmäßig Geld nach Pakistan zu seiner Familie schicken kann. Ein Auto hat er nicht. Zum Training kommt er mit dem Bus oder zu Fuß, zu Turnieren nehmen ihn die Mannschaftskameraden mit. Im Verein sind sie stolz darauf, dass er in Kornwestheim den Lurchi-Cup gewonnen hat. Für Nicht-Badmintonspieler hört sich das an wie die goldene Ananas. Aber Shabal hat Gegner geschlagen, die zwei Klassen höher spielen, in der Regionalliga.

„In Deutschland musst du pünktlich sein“, sagt Shabal. Er sagt das wie ein Junge, der stolz darauf ist, dass er etwas Wichtiges kapiert hat. Im Jugendtraining hilft er als Übungsleiter. Er will für immer hierbleiben, auch wenn er ziemlich oft mit seiner Familie in Pakistan telefoniert und darunter leidet, dass seine Mutter schwer krank ist. Aber wie viel er gewonnen hat, drückt er in einem rührenden Satz aus: „Die deutschen Leute sind alle sehr nett.“

Kinder und Jugendliche toben durch die Halle. Bei manchen sieht das noch nicht nach Badminton aus, sie spielen Federball. Konzentriert versucht ein Erstklässler, den Ball mit aller Kraft senkrecht nach oben zu spielen, dass er die Hallendecke berührt. Im dritten Versuch schafft er’s und freut sich. Der Co-Trainer witzelt unter allgemeinem Gelächter: „Shabal hat den Ball!“ Der wiederum frotzelt eine pummelige Jugendliche: „Lauf doch!“ Er bringt diesen Sportlerspruch nicht machohaft, das Mädchen nimmt es ihm auch nicht krumm.

Von einem testosterongesteuerten Migranten, der nach den Regeln einer patriarchalischen Kultur lebt, ist Shabal Ahmed etwa so weit entfernt wie Islamabad von Herrenberg. Er scheint ein sehr umgänglicher großer Junge zu sein. Sportlich ist er die Nummer eins im Verein, aber er lässt nicht den Star raushängen. Und Dietmar Hechler spricht mit Hochachtung über den Eifer, mit dem der Moslem die täglichen Gebetszeiten einhält und die Moschee besucht.

 

Die Frau suchen andere

Die Qamar-Moschee steht in Weil der Stadt, einem Ort in der Nachbarschaft. Sie gehört zur Ahmadiyya-Bewegung. Diese gibt es seit 1924 in Deutschland, 1989 hat sie hat einen Aktionsplan verkündet, hierzulande 100 Moscheen bauen zu wollen, von denen es bisher wohl etwa 30 gibt. Der Expansionsplan und die ganze Bewegung sind umstritten. In dieser Debatte gibt es zu jeder Position eine Gegenposition. Für die Geschichte von Shabal ist zweierlei bedeutsam: Islamismus wird den Ahmadis kaum unterstellt, sie gelten nicht als gewaltbereit. Und Shabal sieht die Moscheegemeinde als eine Art Netz: „Wenn ich einen Arzt brauche oder Medikamente, wird mir dort geholfen.“

Beim VfL Herrenberg diskutieren sie nicht groß über islamische Theologie und ihre Auswirkungen auf die deutsche Gesellschaft. Shabal ist ein exotischer, netter Kumpel – damit hat sich‘s. Er lebt diszipliniert und ist enthaltsam. „Bei uns darf man keine Freundin haben“, sagt Shabal, und erstaunlicherweise leuchten seine Augen auch jetzt. So sieht der Ahmadiyya-Moslem das Verhältnis der Geschlechter: Man macht nicht mit Mädchen rum. Die Eltern oder jemand aus der Religionsgemeinschaft suchen dem jungen Mann eine Frau. Man telefoniert vielleicht ein paarmal, dann wird geheiratet. In dieser Hinsicht hat er Rabwah noch nicht verlassen. Er wirkt auch nicht so, als wolle er die Freiheiten ausleben, die Deutschland bietet. In einer anderen Frage jedoch hat sich Shabal weit aus Pakistan wegbewegt.

In der Badminton-Abteilung trainiert inzwischen auch sein Kumpel Abdul. Er stammt ebenfalls aus Pakistan und studiert in Stuttgart. An der Uni hat er eine junge Inderin kennengelernt. In Asien wäre das nur schwer möglich gewesen, Pakistan und Indien verharren in einer stabilen Feindschaft. Aber in der Turnhalle in Herrenberg kommt es jede Woche zu fröhlicher Völkerverständigung. Janani, die Hindu-Frau aus Indien, spielt Badminton mit Shabal, dem Muslim aus Pakistan.


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