„Ich habe sehr viele Fragen“

Keine Angst vor dem Fremden: Der Schauspieler und Komödiant Michael Kessler sucht die zwischenmenschliche Begegnung, auch in seinen TV-Formaten. Ein Gespräch über Empathie, die Kunst des Zuhörens und die integrative Kraft von Kartoffelbrei.

Interview: Nicolas Richter

 

Herr Kessler, Ihre Sendungen „Kesslers Expedition“ und „Kessler ist …“ beruhen darauf, dass Sie andere Menschen kennenlernen …

Genau, bei „Kessler ist …“ mit viel Recherche, Gedanken und Vorbereitung. Bei den Expeditionen spontan, improvisiert und ungeplant. Wie auf der Reise, bei der ich plötzlich vor syrischen Flüchtlingen stand.

Erzählen Sie.

Ich war mit einer Kutsche unterwegs, von Würzburg nach Neuschwanstein. Drei ältere syrische Jungs haben uns beobachtet, wie wir gedreht haben. Ich habe sie dann einfach angesprochen, auf Englisch. Das Gespräch war kurz, ein bisschen holprig – aber es hat mich sehr bewegt. Die Jungs waren seit vier Monaten in Deutschland, komplett allein. Sie vermissen einfach unheimlich ihre Familien – das sagten sie mir, mit Tränen in den Augen.

Was braucht es zum echten Kennenlernen, wie funktioniert Empathie?

Das Konzept meiner Sendungen beruht vor allem auf Neugier. Manche fragen mich, ob ich psychologisch geschult bin, das ist aber nicht der Fall. Ich bin einfach jemand, der sehr viele Fragen hat und sie ernsthaft beantwortet haben will, jemand der zuhört. Eigentlich ganz simple Zutaten von Kommunikation, die unsere Gesellschaft aber mehr und mehr verliert. Wenn die Menschen im Zug oder im Flieger sitzen oder an der Supermarktkasse warten, reden sie kaum noch miteinander. Und in den Medien erleben wir – nicht immer, aber oft – eine falsche Kommunikation, wie ich finde: Da werden vorgefertigte Fragen gestellt, abgehakt, da fehlt echtes Interesse am anderen.

Zuhören und Mitfühlen bedingen einander?

Ja. Aber zur Empathie gehört noch etwas anderes: dass ich mich nicht über den Menschen stelle, dem ich begegne, ob das ein Prominenter ist oder ein Flüchtling. Ich bin immer auf einer Ebene mit den Menschen. Das ist eine Grundvoraussetzung dafür, sich zu verstehen.

Kann man Einfühlungsvermögen lernen?

Ich glaube schon, dass man lernen kann, zuzuhören. Man kann doch zu sich sagen: „Ich bin jetzt mal nicht dran.“ Man kann das trainieren, indem man mal einen Tag nur fragt und zuhört. Einfach mal für eine Weile nicht aufs Handy gucken, seine Aufmerksamkeit voll und ganz dem anderen schenken. Viele, ich schließe mich da ein, meinen ja, vieles besser zu wissen – dieses von null ausgehen, ein paar simple Fragen stellen und sich dann erst ein Bild  machen, scheint verloren zu gehen. Wir bilden uns heute so schnell eine Meinung. Unsere Welt ist inzwischen aber so komplex und kompliziert, dass die Wahrheit, dass die Zusammenhänge gar nicht mehr zu erkennen sind. Meine Botschaft ist deshalb: reduzieren.

Wie kann das funktionieren?

Ich habe von Restaurants gelesen, die Flüchtlinge bitten, bei ihnen zu kochen, und dann Deutsche dazu einladen. Da entsteht Austausch über das Essen – wie kocht ihr, wie lebt ihr? –, es wird bei allen ein Interesse für die andere Kultur geweckt. Und der Sport kann das doch auch so toll: Sobald Menschen ein Fußballfeld betreten, sind sie Fußballspieler und nicht mehr Schiiten und Sunniten, Deutsche, Syrer oder Israelis. Auf solchen Ebenen können sehr, sehr integrative Momente entstehen. Allerdings müssen alle Menschen neugierig und offen füreinander sein.

Sind sie das in Deutschland Ihrer Wahrnehmung nach?

Die Hilfsbereitschaft gegenüber den Flüchtlingen ist groß, aber viele Deutsche haben auch starke Ängste. Denen muss man verständlich machen, dass das traumatisierte Menschen aus einem Kriegsgebiet sind.

Wie macht man das?

Indem man miteinander redet und diskutiert und Ängste und Vorurteile abbaut. Angst ist so ein schlechter Ratgeber. Neulich diskutierte ich an einer Baustelle, an der Container für Flüchtlinge aufgebaut wurden, mit ein paar Anwohnern. Sie hatten Angst vor steigender Kriminalität und sorgten sich, dass ihre Grundstückspreise jetzt fallen. In so einem Moment sage ich immer: „Wenn ihr mit euren Familien im Krieg leben würdet, dann würdet ihr genauso gehen. Keiner von uns will sterben oder im Terror leben.“

Oder in Armut und Perspektivlosigkeit.

Auch das. Nun können sich aber nicht alle aufmachen und das Heil woanders suchen. In Ländern mit wirtschaftlichen Problemen müssen die Menschen ihr Schicksal in die Hand nehmen und die Situation ändern. Sein eigenes Land aufzugeben, ist keine Lösung.

Sie selbst haben keine Angst vor dem Fremden, oder?

Richtig. Deutschland ist doch längst bunt und multikulturell. Ich empfinde das nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung. Natürlich muss ich als Gast immer die Werte und Regeln meines Gastgebers respektieren. Ich bin einfach so erzogen worden. Wenn wir früher gereist sind, haben wir immer die Kultur eines Landes betrachtet und gegessen, was dort gekocht wurde. Und so ähnlich funktioniert doch auch Integration. Wenn ein Flüchtling zu mir kommt, dem ich sage: „Heute gibt es Kartoffelbrei“, und er Kartoffelbrei mit mir isst, obwohl er das nicht kennt, freut mich das. Aber am nächsten Abend muss ich genauso offen in seine Falafeln beißen (lacht). Natürlich gibt es religiöse, kulturelle Unterschiede zwischen uns und diese Offenheit ist nicht immer gleich da, viele Flüchtlinge sind doch zutiefst verunsichert. Dann muss man behutsam auf sie zugehen und ihnen Angebote machen, ihnen zum Beispiel zeigen, wo es einen Fußballverein gibt oder wo man schwimmen gehen kann.

Es ist die Erfahrung vieler Sportvereine, dass das Angebot allein wenig bringt, weil die Menschen solche Vereine wie in Deutschland gar nicht kennen.

Ich sage ja: auf die Menschen behutsam zugehen, reden, erklären, zeigen, einladen. Und wenn sie kommen, kann der Trainer ihnen erst mal Gelegenheit geben, etwas von sich zu zeigen oder zu erzählen. Zum Beispiel, wie sie zu Hause Fußball gespielt haben. Vielleicht haben die Flüchtlinge ja Tricks drauf, die die anderen noch nicht kennen! Es geht ums Mutmachen, darum, wieder Erfolgserlebnisse zu schenken, ums Helfen und Auffangen.

Was gewinnt man selbst durch das Einfühlen in andere?

Man wächst daran, weil man erkennt, dass es noch andere Wege gibt als den eigenen: Ich kann dieser Religion folgen oder jener, dies essen oder das, ich kann diese Arbeit ausführen oder auch jene. Ich sehe, dass ich meinen Weg anders gehen kann, ich lerne von anderen.

Erkennen Sie im anderen, wovon Sie vielleicht mehr oder weniger haben, als Ihnen lieb ist?

Absolut. Ich war vor zwei Jahren in Thailand. Die Freundlichkeit der Menschen hat mir total imponiert: Sie haben immer ein Lächeln im Gesicht, wenn sie einen anschauen. Das hat mich sehr inspiriert, es auch zu versuchen. Oder die Amerikaner: Man steht im Aufzug oder in der Supermarktschlange, einer macht einen Witz und alle lachen, eine Kommunikation beginnt. In Deutschland habe ich oft das Gefühl, die Menschen haben Angst, angesprochen zu werden.

Bei „Kessler ist …“ mit Matthias Steiner, Olympiasieger 2008 im Gewichtheben, sagen Sie vor den sogenannten letzten Fragen an ihn, Sie hätten ein bisschen Angst.

Das hat damit zu tun, dass ich niemanden verletzen möchte. Es kommt im Gespräch – ob mit Matthias Steiner oder den Menschen auf der Straße – auch darauf an, sich vorsichtig heranzutasten, es zu spüren, wenn ein Thema kommt, über das mein Gegenüber nicht sprechen will. Und es dann einfach zu lassen. Dieser Mensch wird seine Gründe haben und die habe ich zu respektieren. Wobei es natürlich auch darum geht, jemanden zu konfrontieren und mit ihm über schwierige und schmerzhafte Themen zu sprechen, wenn er dazu bereit ist.

Die Menschen sollen mehr reden: Kommt diese Ihre Botschaft an?

Es gibt viele Rückmeldungen von Zuschauern der Expeditionen, die mir sagen: Wir finden das irre, wie du da durch die Gegend reist und Leute in irgendeinem Dorf, mitten auf der Straße ansprichst. Und dass sie das bewogen habe, das auch mal zu probieren: unterwegs zu sein und die direkte Kommunikation zu suchen mit den Menschen vor Ort. Wenn meine Sendung so etwas auslöst, ist das doch wunderbar!

 

ÜBER MICHAEL KESSLER

Schauspieler und Komödiant, Regisseur und Autor, Hörbuchsprecher und Stimmenimitator: Michael Kessler, Jahrgang 1967, ist ein Wanderer durch die Medienlandschaft. Mit „Manta, Manta“ wurde er im Kino bekannt, mit den Sendungen „Switch reloaded“ und „Schillerstraße“ gewann er jeweils sowohl den Deutschen Fernseh- als auch den Comedypreis, zudem ist er mit Theater und Radio vertraut. Berühmt ist Michael Kessler für seine Imitationskünste, unter anderem machte er Günther Jauch und Peter Kloeppel, Heino und selbst Adolf Hitler nach. In „Kessler ist ...“ verwandelt er sich mit mehr Ernst in Prominente. Das erstmals 2010 ausgestrahlte rbb-Format „Kesslers Expedition“ führt ihn in wechselnden Gefährten auf wechselnden Strecken durch Deutschland. 


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    Nachdenklicher Parodist: Michael Kessler setzt sich oft kritisch mit Medien und Gesellschaft auseinander, nicht nur in Fernsehen und Interviews. Am Deutschen Theater in Göttingen inszenierte er 2014 Oliver Bukowskis Stück „Ich habe Bryan Adams geschreddert“.
    Foto: picture-alliance