Vom Boxring ins Klassenzimmer – Hamza Toubas inspirierender Weg

Ehrgeiz und Durchhaltevermögen prägen den erfolgreichen Lebensweg von Hamza Touba (32). In eher ärmlichen Verhältnissen als Sohn marokkanischer Eltern aufgewachsen, blickt er auf eine erfolgreiche Box-Karriere im Fliegengewicht zurück. Er sagt, im Breiten- und Leistungssport habe er das Wichtigste fürs Leben gelernt.

Bilder KSV Schriesheim
Bilder KSV Schriesheim

Kurz bevor er die Tür öffnet, kehrt für einen kurzen Moment Stille ein. Er nimmt zwei, drei tiefe Atemzüge. Konzentration und Fokus. Hamza Touba will das Klassenzimmer mit positiver Energie betreten. So hat es der 32-Jährige gelernt und immer gemacht – früher kurz vor dem Kampf, am Rande des Boxrings, heute als Referendar, dessen bisheriger Lebensweg wie eine Bilderbuchgeschichte zum Thema Integration durch Sport klingt.

Touba wuchs in Neuss bei Düsseldorf gemeinsam mit fünf Geschwistern auf. Seine marokkanischen Eltern arbeiteten beide hart, um für die Familie so gut wie möglich zu versorgen. „Wir haben zwar in ärmlichen Verhältnissen gelebt, aber wir haben zusammengehalten. Es war immer jemand da, mit dem man spielen oder reden konnte. Rückblickend war das eine gute Zeit“, sagt er. 
In der Schule lief es damals weniger gut. Touba besuchte eine Ganztagshauptschule. Er sei „nicht der motivierteste“ Schüler gewesen. Die Eltern sprachen kaum Deutsch und konnten ihn oder die Geschwister bei Schulproblemen nicht unterstützen. Glücklicherweise hatten sie auf eine Sache großen Wert gelegt: Bereits mit sechs Jahren meldeten sie den Sohn beim KSK Konkordia 1924 Neuss zum Ringen an. Im Kampfsportverein interagierte er nicht nur mit anderen Kindern. Der damalige Hausmeister und Trainer bot auch kostenfrei Nachhilfe-Stunden an und kümmerte sich um die Kinder. Er war einer der ersten Menschen aus der Sportwelt, von denen Touba sich soziale Fähigkeiten abschauen konnte.

Die Liebe zum Boxen lag in der Familie
Im Alter von zehn Jahren wechselte Touba zum Boxen. Zufall war es nicht, dass er im Kampfsport aktiv war. Sein Vater hatte sich in Marokko selbst einen Namen als Boxer gemacht. „Wir haben zu Hause auch häufig die Muhammad-Ali-Filme geschaut, die Bewegungen habe ich versucht zu adaptieren“, so Touba. Dass er großes Talent hat, blieb nicht lange im Verborgenen. Die saubere Bewegungsausführung, seine Leichtfüßigkeit, seine Eleganz im Ring: All das unterschied ihn früh von anderen im Verein. Auf seinem ersten internationalen Box-Turnier in Italien wurde der damalige Jugend-Bundestrainer Mirko Wolf auf ihn aufmerksam. Er lud ihn ein, in den Bundesstützpunkt Boxen nach Heidelberg zu wechseln. Hier sollte er zweimal am Tag trainieren, zur Schule gehen, im Internat schlafen und leben, um an der Karriere zu feilen. 
Der Deutsche Boxsportverband und die Stiftung Deutsche Sporthilfe übernahmen die Kosten – und ermöglichten den Wendepunkt in Toubas Leben.
2009 gewann er die Deutschen Jugendmeisterschaften. Ab 2010 wurde er fünfmal in Folge sowie 2017 deutscher Meister im Fliegengewicht. Touba gewann Bronze bei den Europaspielen 2015 im aserbaidschanischen Baku. 2012 noch knapp an der Qualifikation für Olympia gescheitert, schaffte er es, sich für die Olympischen Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro zu qualifizieren. Aus dem schüchternen Brillenträger, der knapp 1,70 Meter groß und 52 Kilogramm leicht war, wurde ein Überflieger. „Hamza ist ein sehr feiner Mensch, überaus feinfühlig, tiefgründig und sozial engagiert. Und es hat mich begeistert, wie elegant er im Ring geboxt hat“, sagt Steinbach, der neben Laubahnberater Jochen Zürn zu den wichtigsten Wegbegleitern von Touba zählt. „Von Anfang an war erkennbar: Der Junge hat seine Ideen und Ziele. Und er zieht seinen Weg durch.“  

Der Weg in die Schule
Der Wunsch, Lehrer zu werden, reifte mit den Jahren im Internat. Er habe gemerkt, dass es ihm Spaß macht, mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. Kontakt zu Menschen sei ihm wichtig. Das bestätige sich auch im Referendariat: „Ich verstehe es als meine Aufgabe, jungen Menschen zu vermitteln, dass sie viel erreichen können, wenn sie es wirklich wollen.“ 
Nach vielen Vorgesprächen startete er das Pädagogische Fachseminar in Karlsruhe. Auch diese Herausforderung meisterte er mit Durchhaltevermögen und großem Willen erfolgreich. Touba, der mittlerweile eine zweieinhalb Jahre alte Tochter hat und mit der ehemaligen Boxerin Pinar Touba verheiratet ist, ist ein Musterbeispiel dafür, wie man die Möglichkeiten einer dualen Karriere perfekt nutzt.
Dieses Mindset des angehenden Lehrers für Sport und AES (Alltagskultur, Ernährung und Soziales) eint ihn und seine Ehefrau Pinar, Ex-Boxerin und mittlerweile ebenfalls Lehrerin. Beide haben sich im Leben viel erarbeitet – und viel zurückgegeben. Vor einigen Jahren haben sie die Initiative „Herzschlag – gemeinsam gewinnen“ gegründet. Die Idee: benachteiligte Kinder und Jugendliche durch sportliche Vorbilder und Aktivitäten zu unterstützen. Mit Charity-Events im Boxen oder Handball sammelten sie Spenden für Kinderkliniken und Hilfsorganisationen. Kinder sollten, abseits ihres oft schwierigen Alltags, positive Erfahrungen und Begegnungen haben.

Integrative Kraft des Sports
Angesprochen auf die integrative Kraft des Sports erzählt Hamza Touba von einem aktuellen Beispiel aus seinem Verein, dem KSV Schriesheim. Hier arbeitet er zweimal die Woche als Jugendtrainer. „Wir haben viele Geflüchtete bei uns. Ein ukrainischer Junge kam vor gut einem Jahr dazu. Er sprach kein Wort Deutsch und sein Sozialverhalten war nicht immer angemessen“, so Touba. „Nach knapp einem Jahr nun hat er sehr viel gelernt. Er spricht viel besser Deutsch, hält sich an Absprachen und Regeln. So kann es gehen, wenn man unterstützt wird und bereit ist, an sich zu arbeiten.“


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