„Der organisierte Sport kann als Motor für eine nachhaltige Entwicklung dienen“
Mit dem ersten Sustainability Report setzt der DOSB ein starkes Signal für den organisierten Sport. Christof Palm, Abteilungsleiter Sportentwicklung im LSB Rheinland-Pfalz, ordnet ein, wie der Bericht Verbänden und Vereinen ganz konkret Orientierung geben kann.

20.01.2026

DOSB: Herr Palm, der DOSB hat erstmals einen Nachhaltigkeitsbericht vorgelegt. Welche Bedeutung hat dieser Schritt für den organisierten Sport insgesamt?
Christof Palm: Der erste Nachhaltigkeitsbericht des DOSB ist ein historischer und zugleich strategischer Meilenstein, der Nachhaltigkeit fest in den Werten des organisierten Sports verankert. Er schafft Transparenz über den Ist-Zustand, kann als Orientierungsinstrument für den gesamten organisierten Sport dienen und positioniert diesen mit seinen rund 86.000 Vereinen und Tausenden Verbänden als Motor für eine nachhaltige Entwicklung in der Zukunft. Er soll die Nachhaltigkeitsbemühungen über reine Umweltfragen hinaus auf soziale und ökonomische Dimensionen ausdehnen und signalisiert damit, dass Nachhaltigkeit keine optionale Kür, sondern eine Kernaufgabe mit gesellschaftspolitischer Verantwortung ist.
Welche Signalwirkung geht von dem Bericht für Landesverbände und Vereine aus, die sich bereits mit Nachhaltigkeit beschäftigen – aber auch für jene, die noch am Anfang stehen?
Der DOSB nimmt mit dem Bericht eine Vorreiterrolle ein und setzt ein klares Zeichen, dass das Thema Nachhaltigkeit auf höchster Ebene des deutschen Sports nicht nur angekommen, sondern von höchster Bedeutung ist. Dies motiviert einerseits, übt vielleicht auch ein wenig Druck auf LSBs, Landes- und Spitzenverbände sowie Sportvereine aus, eigene Maßnahmen zu ergreifen. Der Bericht liefert fortgeschrittenen Organisationen Best-Practice-Beispiele und ermöglicht einen transparenten Vergleich und Wissensaustausch, etwa über den Hinweis auf das Webportal "Nachhaltige Sportveranstaltungen“. Für jene, die noch am Anfang stehen, bietet der Bericht eine klare Struktur und einen "roten Faden". Er demonstriert, dass Nachhaltigkeit bereits ganz nebenbei im Vereinsalltag geschieht, zum Beispiel im sozialen Bereich, bietet niedrigschwellige Einstiegspunkte und zeigt konkrete Handlungsfelder in den Bereichen Mobilität, Veranstaltungen oder Infrastruktur auf.
Viele verbinden Nachhaltigkeit noch immer ausschließlich mit Umwelt- und Klimafragen. Der Nachhaltigkeitsbericht zeigt aber, dass das Thema im Sport deutlich breiter ist. Welche weiteren Themen spielen im organisierten Sport aus Ihrer Sicht aktuell eine große Rolle?
Richtig, auch mein berufliches und privates Umfeld verbindet mit Nachhaltigkeit immer noch ausschließlich Umwelt- und Klimafragen und Themen wie Energieeffizienz von Sportstätten, klimagerechter Wettkampfbetrieb. Deshalb verwende ich immer häufiger den Begriff Zukunftsfähigkeit anstelle von Nachhaltigkeit. Denn im organisierten Sport spielen auch die anderen beiden Dimensionen der Nachhaltigkeit, also die soziale sowie die ökonomische Dimension eine große Rolle, wenn es um unsere Zukunft geht. Dazu zählen Aspekte wie Gesundheitsförderung, Bildung und Demokratieförderung, Geschlechtergerechtigkeit, Inklusion & Integration, Anti-Rassismus, die Einhaltung von Good- Governance-Standards, der Zusammenhalt über Generationen hinweg, die nachhaltige Veranstaltungsplanung, Kinder- und Jugendschutz, Dopingprävention, die nachhaltige Materialbeschaffung oder ganz allgemein die effiziente Nutzung von Ressourcen eine Rolle. Alles Themen, die auf die unterschiedlichen 17 Ziele nachhaltiger Entwicklung der UN beziehungsweise der Agenda 2030 einzahlen.
Wo steht der organisierte Sport in Deutschland aus Ihrer Sicht aktuell wirklich: eher noch am Start, mittendrin oder weiter, als viele vermuten?
Der organisierte Sport - das gilt auch für den LSB Rheinland-Pfalz - ist auf dem Weg, aber noch lange nicht am Ziel. Manche Vereine und Verbände sind bereits mittendrin in der systematischen Umsetzung von Nachhaltigkeit. So beobachte ich gerade im sozialen Bereich ein hohes Maß an Engagement, während in den beiden anderen Dimensionen - ökologisch und ökonomisch - sicherlich noch viel Luft nach oben ist. Der DOSB-Bericht schafft aber erstmals eine gemeinsame Basis und könnte so auch als Startschuss für eine breitenwirksamere Verankerung des Nachhaltigkeitsgedankens im organisierten Sport verstanden werden.
Was sind derzeit die größten Hürden für Landessportbünde, -verbände und Vereine, Nachhaltigkeit systematisch umzusetzen und wie realistisch ist es, diese zu überwinden?
Die wesentlichen Hürden sind fehlende Kapazitäten und Ressourcen - Zeit, Personal und Geld fehlen oft. Komplexität – Nachhaltigkeit wirkt groß und abstrakt. Unklare Prioritäten – im Alltag dominieren oft operative Aufgaben. Und fehlendes Know-how – viele wissen nicht, wie und wo sie anfangen können. Die gute Nachricht: Diese Hürden sind überwindbar, wenn der Sport weiterhin klare Orientierung erhält, Werkzeuge an die Hand bekommt und Förderstrukturen langfristig ausgebaut werden. Instrumente wie der Bericht, das Webportal und Fördermöglichkeiten bieten konkrete Unterstützung.
Der Nachhaltigkeitsbericht soll nicht nur dokumentieren, sondern Orientierung geben. Kann er aus Ihrer Sicht ein konkretes Arbeitsinstrument für Mitgliedsorganisationen sein?
Ja, der Bericht ist durchaus als konkretes Arbeitsinstrument konzipiert. Er bietet Orientierung, indem er Handlungsfelder aufzeigt, Ziele definiert und auch Praxisbeispiele teilt. Er soll den Mitgliedsorganisationen und deren Vereinen helfen, praktische Maßnahmen und Tipps in ihren Alltag zu integrieren, beispielsweise durch Informationen zu nachhaltiger Trainingsausstattung oder Klimamanagement. Für den LSB RLP ist der Report ein Referenzdokument, das helfen kann, die eigene Arbeit einzuordnen und Perspektiven zu entwickeln.
Der LSB Rheinland-Pfalz verfolgt mit der Z!-Charta bereits einen eigenen Nachhaltigkeitsansatz. Was steckt dahinter?
Sportvereine in Rheinland-Pfalz und natürlich auch in allen anderen Bundesländern sind zentrale Orte des gesellschaftlichen Lebens. Sie fördern Bewegung, Zusammenhalt und Werte – und übernehmen damit Verantwortung weit über den Sport hinaus. In einer Zeit, in der Fragen des Klimaschutzes, der sozialen Gerechtigkeit und des sparsamen Umgangs mit Ressourcen immer wichtiger werden, möchten wir in den kommenden Monaten mit der Kampagne Z!-Charta Sport RLP eine wertvolle Orientierungshilfe für Sportverbände und Sportvereine entwickeln, die ihre Zukunft aktiv und nachhaltig gestalten möchten. „Z!-Charta Sport RLP“ steht für Zukunftslust und Inspiration: Die Kampagne soll in den drei „Spielfeldern Natur, Mensch und Verein“ sowie über jeweils drei Leitsätze pro Spielfeld Vereinen einen praxisnahen und unkomplizierten Zugang zum Thema Nachhaltigkeit eröffnen. Jeder Verein und jeder Verband – ob groß oder klein, im Breiten- oder Leistungssport – kann Teil dieser Bewegung werden. Die Z! -Charta Sport kann als Bildungs- und Informationsangebot, als Orientierungshilfe auf dem Weg zu einer nachhaltigen und zukunftsfähigen Entwicklung dienen. So entsteht eine lebendige Sportlandschaft, die Verantwortung übernimmt und zugleich neue Chancen für Gemeinschaft, Identität und Zukunftsfähigkeit eröffnet.
Wo sehen Sie Schnittmengen und eine gegenseitige Verstärkung zwischen der Charta und dem DOSB-Bericht?
Beide Initiativen - Z!-Charta und der Sustainability-Report des DOSB - teilen das breite und ganzheitliche Verständnis von Nachhaltigkeit und die Verankerung in den strategischen Ausrichtungen der Organisationen. Beide betonen die Verantwortung des Sports in der Gesellschaft und beide liefern Impulse und Orientierung, aber ohne Überforderung. Die „Zukunftscharta" des LSB Rheinland-Pfalz kann auf dem DOSB-Bericht aufbauen, verfolgt einen integrierten Nachhaltigkeitsansatz, der über das hinausgeht, was viele aktuell schon Vereine leisten. Die Charta fokussiert auf zukunftsfähige Sportentwicklung. Themen wie Sportstätten, Bildung und Gesundheit sind in beiden Ansätzen zentral. Der DOSB-Bericht liefert die nationale Klammer und offizielle Datenlage, während die Z!-Charta als konkretes, landesspezifisches Modellprojekt verstanden werden kann. Ideen aus Rheinland-Pfalz und anderen Bundesländern könnten als Best Practice in zukünftige DOSB-Berichte einfließen. So entsteht ein wechselseitiger Verstärkungseffekt: Bundesweite Leitlinien treffen auf regionale Umsetzungskompetenz.
Mit Blick nach vorn: Welche Unterstützung erwarten Sie konkret vom DOSB, damit Nachhaltigkeit im organisierten Sport nicht nur ein Leitbild bleibt, sondern dauerhaft Wirkung entfaltet?
Für eine dauerhafte Wirkung sollte sich der DOSB stark machen für finanzielle Anreize, sprich die Sicherstellung von effizienten Sportstättenförderprogrammen und weiterer Fördermöglichkeiten. Aber ebenso für Wissensvermittlung durch kontinuierlichen Ausbau von digitalen Angeboten, Webinaren und Informationsdiensten mit praktischen Beispielen, politische Interessenvertretung inklusive Forderung nach besseren Rahmenbedingungen – und für Langfristigkeit, also nachhaltige Strategien statt einmaliger Projekte. Nur mit einer verlässlichen Bundesunterstützung kann Nachhaltigkeit flächendeckend wirken.
Gibt es Inhalte oder Beispiele im Bericht, bei denen Sie sagen würden: Das lohnt sich auch für Menschen, die sonst wenig mit organisiertem Sport zu tun haben?
Na klar, der Bericht enthält Inhalte, die auch für die breite Öffentlichkeit interessant sind. Stichwort Gemeinschaft: Die Stärkung des Zusammenhalts im Sportverein ist ein inspirierendes Beispiel für zivilgesellschaftliches Engagement, das über den Sport hinauswirkt. Auch ist der Fokus auf Gesundheit, Wertevermittlung oder Demokratieförderung durch Sport, ganz unabhängig davon, ob im Verein oder im öffentlichen Raum, ein gesellschaftlich wichtiges Thema, das alle angeht. Und die enormen Potenziale zur Steigerung der Energieeffizienz in den tausenden Sportstätten in Deutschland zeigen auf, wie der Sport einen Beitrag zum gesamtgesellschaftlichen Klimaschutz leisten kann. Der Bericht zeigt eindrucksvoll, dass Sport nicht nur Bewegung, sondern ein gesellschaftlicher Motor ist, der auch Impulse für Kommunen, Bildungseinrichtungen oder sonstige soziale Träger geben kann.
Zur Person
Christof Palm ist seit 1996 Mitarbeiter im Landessportbund Rheinland-Pfalz. Vor seiner Zeit als Hauptgeschäftsführer (2017 bis 2024) bekleidete er verschiedene Positionen im LSB, unter anderem als Referent für Jugendpolitik, Assistenz der Geschäftsführung und Kommunikationschef. Seit seinem Rückzug aus der Geschäftsführung verantwortet Palm die Abteilung Sportentwicklung, in der auch das Thema Nachhaltigkeit angesiedelt ist, sowie die Sportschule des LSB RLP in Oberjoch/Allgäu, die sich auch auf den Weg gemacht hat, Jahr für Jahr etwas nachhaltiger zu werden.
Neben seiner Tätigkeit beim LSB ist er seit 2020 unter anderem als Mitglied im Rundfunkrat des Südwestrundfunks (SWR) tätig.

DOSB Sustainability-Report 2025/26
Der erste DOSB Sustainability Report zeigt, wie Nachhaltigkeit im organisierten Sport konkret umgesetzt wird. Mit Projekten, Zielen und strategischer Orientierung. Jetzt lesen und erfahren, wie nachhaltige Entwicklung im Sport gemeinsam gestaltet werden kann.
DOSB Sustainability-Report 2024/25


