Wir brauchen mehr Sichtbarkeit!

Für eine wirklich vielfältige und diverse Sportlandschaft in Deutschland brauchen wir deutlich mehr Schwarze Personen und People of Color (PoC) als Vorbilder und Identifikationsfiguren im Sport. Sie müssen außerdem sichtbar sein und mehr Platz in der Öffentlichkeit einnehmen.

Jeyathiliban Sivasubramaniam, Antirassismusbeauftragter des Hamburger Sportbundes (HSB)
Jeyathiliban Sivasubramaniam, Antirassismusbeauftragter des Hamburger Sportbundes (HSB)

Ein Kommentar von Jeyathiliban Sivasubramaniam

 

Die Dokumentation „Einigkeit und Recht und Vielfalt“ vom Sportjournalisten Philipp Awounou beleuchtet die vielen Facetten von Rassismus in unserer Gesellschaft und speziell im Fußball. Vor allem die sichtbaren Rassismen werden in der sehenswerten Dokumentation deutlich. Die Bilder von rassistischen Gesängen, die der Schwarze Spieler Gerald Asamoah in seiner Karriere in den 90ern erlebt hat, sind mehr als erschreckend. Auch 30 Jahre später denken viele Menschen noch immer, dass Deutsche „blond und weiß“ sein müssten. Dies wird zum einen in der Dokumentation durch die Aussagen der Bewohner*innen aus dem thüringischen Blankenhain deutlich und zum anderen zeigt die im Rahmen der TV-Doku durchgeführte Umfrage, dass sich über 20% der Befragten weiße Spieler*innen wünschen.

Doch eine Sache, die von immenser Bedeutung für den Sport ist, fällt meiner Meinung nach ein bisschen unter den Tisch, wenn wir über strukturellen Rassismus im Sport reden. Und zwar geht es um die Sichtbarkeit von Schwarzen Athlet*innen und Athlet*innen of Color, mit denen sich Schwarze Jugendliche und Jugendliche of Color in Deutschland identifizieren können und zu denen sie aufschauen können. Vorbilder bzw. Held*innen aus dem Sport sind wichtig, denn sie ermöglichen in vielen Fällen einen Zugang zum Sport allgemein und zu bestimmten Sportarten im Speziellen.

Schaue ich, als PoC, auf meine sportliche Laufbahn, so waren Vorbilder immer ein sehr wichtiger Bestandteil für mich. Und damit bin ich sicherlich nicht alleine. Es waren die Vorbilder, an denen ich mich orientierte, denen ich es nachmachen wollte und in deren Fußstapfen ich am liebsten getreten wäre. Dabei geht es nicht nur darum, dass Vorbilder unbedingt die gleiche Sportart ausüben oder Spielposition spielen wie man selbst. Die Identifikation mit Athlet*innen geht über das sportliche Dasein hinaus. So sind es auch Merkmale wie Hautfarbe oder ethnische Herkunft, in denen man sich wiedererkennt. 

Sportliche Vorbilder sind allgegenwärtige Identifikationsfiguren, die oftmals als Poster im Kinder- und Jugendzimmer hängen oder mittlerweile auch als Hintergrund- oder Profilbilder auf dem Handy zu sehen sind. Eine solche mediale Sichtbarkeit ist für die Entstehung von Identifikationspersonen sehr wichtig. Doch diese Sichtbarkeit will auch gefördert werden. Im Fußball ist die Sichtbarkeit durch die aktuelle Nationalmannschaft gegeben. Mit Spielern wie Gündogan, Tah oder Rüdiger kann ich mich mit der Fußball-Nationalmannschaft identifizieren. Wieso? Weil sie aussehen wie ich. Weil auch sie im und neben dem Sport Rassismus erfahren haben wie ich. Weil auch sie wahrscheinlich mit ähnlichen Hürden und Problemen zu kämpfen hatten und haben wie ich. 

Eine solche Sichtbarkeit ist also gut und wertvoll und da der Fußball die Medienberichterstattung dominiert umso wichtiger. Jedoch, wollen wir eine wirklich vielfältige Sportlandschaft schaffen, dann sollten Schwarze Sportler*innen und Sportler*innen of Color in allen Sportarten sichtbar sein – so wie es in anderen Sportarten teilweise schon Realität ist. Denn Schwarze Menschen und PoC brauchen Vorbilder, Identifikationsfiguren und Sportheld*innen auch in anderen Sportarten als Fußball. Dafür ist es wichtig, dass alle Menschen die gleichen Freiheiten und Zugangsvoraussetzungen zum Sport haben, egal für welche Sportart, sei es Tennis, Boxen, Basketball, Hockey oder Geräteturnen. Denn für Schwarze und PoCs ist eine gleichberechtigte Teilhabe und wirkliche Mitgestaltung bisher leider nur begrenzt möglich. Das gilt auch für die zweite oder dritte Generation von eingewanderten oder geflüchteten Menschen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind.

Mir ist trotz allem bewusst, dass die meiste Aufmerksamkeit auf medial präsente Sportler*innen und insbesondere Fußballer entfällt. Dabei sprechen wir jedoch nicht nur von aktiven Sportheld*innen, welche Schwarze Personen und PoC prägen können und ihnen den Weg in den Sportverein ebnen können, sondern wir meinen auch Trainer*innen und Übungsleitende mit Migrationsgeschichte oder Funktionär*innen – Personen, die uns täglich umgeben, von denen wir lernen können und zu denen wir als Vorbilder aufschauen können.

Insbesondere in dieser Zielgruppe der Funktionsträger*innen ist noch deutlich Luft nach oben. Um beim Fußball zu bleiben: Mit Daniel Thioune und Vincent Kompany gibt es derzeit nur zwei Schwarze Trainer in der 1. und 2. Fußball-Bundesliga und mit Nuri Şahin einen Trainer of Color im Profifußball. Ich finde da geht noch deutlich mehr – insbesondere auch in anderen Sportarten! Doch was kann getan werden, um die Sichtbarkeit von PoC und deren Besetzung in wichtigen Funktionen und damit auch als Vorbilder zu stärken?

Die Schlagwörter heißen: Offen sein, Talente (ggf. auch außerhalb des Sports) erkennen und fördern, insbesondere Menschen mit Migrationsgeschichte, ob als Sportler*in, Übungsleitende oder Funktionär*in. Dabei muss auf die Umstände der jeweiligen Personen Rücksicht genommen werden. Denn gleiche Voraussetzungen und gleiche Teilhabemöglichkeiten sind noch lange nicht gegeben – auch nicht im Sport.

Wir müssen auf diese Menschen zugehen und ihnen Möglichkeiten erläutern, die eine Teilhabe und Mitgestaltung des Sports ermöglichen. Dazu gehört es, sich auch mit den Menschen auseinanderzusetzen, Gespräche zu führen, die Menschen als vollwertigen Teil der Sportlandschaft und unseres Landes anzuerkennen, das System und die tatsächliche Teilhabe zu überprüfen und ggf. zu ändern. 

Denn Vielfalt ist gut und wichtig, nicht nur im Sport!

 

 

Mehr Informationen zum Thema Anti-Rassismus im Sport findet man unter:

www.hamburger-sportbund.de/themen/integration-durch-sport/antirassismus-im-organisierten-sport

 


  • Jeyathiliban Sivasubramaniam, Antirassismusbeauftragter des Hamburger Sportbundes (HSB)