Fotokampagne "Wo ich herkomme? Vom Sport!"

Die Kampagne des DOSB „Wo ich herkomme? – Vom Sport!“ wird mit Motiven aus dem Bundesprogramm „Integration durch Sport“ neu aufgelegt.

 

Die Fotokampagne,  2016 gestartet, war Offline wie Online, vor allem aber in den Social-Media-Kanälen ein voller Erfolg. Die Motive symbolisierten die integrative Kraft des Sports, der Menschen aus verschiedenen Nationen, Kulturen und sozialen Hintergründen zusammenbringen kann.

Das Bundesprogramm „Integration durch Sport“ hat den Ansatz aufgegriffen und eine Neuauflage initiiert, in welcher der Schwerpunkt noch stärker auf dem Bundesprogramm und den Menschen liegt, die es durch ihr Engagement und ihre individuellen Vorstellungen zum Leben erwecken. 

Der Fokus von „Wo ich herkomme? – Vom Sport!“ richtet sich bei der Neuauflage daher besonders auf die Gesichter und Geschichten der fünf Sportler*innen und Engagierten aus den Sportvereinen des Programms. Sie erzählen von den Beweggründen bei der Kampagne mitzumachen, von sich und ihren eigenen Erfahrungen in Deutschland, als Zugereiste oder hier aufgewachsener Mensch. Und wie sich diese unter anderem in den Vorstellungen für eine sinnvolle und weiterführende Vereinsarbeit niederschlagen. 

Wir stellen hier in den kommenden Wochen alle Motive, die Menschen und ihr Geschichten nach und nach vor...

Vier Motive hinter denen vier Geschichten stecken

Fatma, Ninar & Samar, Mohammed und Ruben – das sind die Gesichter der Neuauflage der Kampagne „Wo ich herkomme? Vom Sport!“ Doch hinter jedem Motiv steckt eine spannende, emotionale und mutmachende Geschichte. Und diese Geschichten erzählen die Vier hier...

Ruben Castro, Trainer beim Africa United Sport Club Hamburg; Copyright: DOSB
Ruben Castro, Trainer beim Africa United Sport Club Hamburg; Copyright: DOSB

Ein sicherer Ort in Hamburgs Mitte

Jeder Mensch hat seine Schlüsselerlebnisse, prägend fürs Leben. Als Schwarze Person haben sie leider oft mit Diskriminierung und Rassismus zu tun. Dass Deutschland dabei keine Ausnahme bildet, sollte sich auch dem letzten durch die zahlreichen Debatten und Demonstrationen des vergangenen Jahres offenbart haben. Und so kann Ruben Castro, der des Studiums wegen (Umweltingenieurwesen) vor einigen Jahren von Berlin nach Hamburg gezogen ist, natürlich von solchen Ereignissen erzählen – privaten wie öffentlichen. Eines der letzteren Art, an die sich viele erinnern werden, hat nicht nur den heute 26-Jährigen verändert, sondern das ganze Land.

Ruben Castro ging gerade auf die Oberstufe eines Neuköllner Gymnasiums als das Buch von Thilo Sarrazin ‚Deutschland schafft sich ab’ erschien – oder treffender formuliert: einschlug. Denn Sarrazins Thesen, nach denen die Integration von Muslimen in Deutschland misslungen sei, setzten einen gänzlich neuen Ton in der Debatte um Zuwanderung und Zusammenleben. „Das Buch, mit seinen krassen antimuslimischen und sozialdarwinistischen Aussagen, empfinde ich rückblickend als Wegbereiter für einen offeneren Rassismus in Deutschland“, sagt Ruben Castro. Eine Breitenwirkung entfaltete das Werk auch durch seine Auflage: Mit rund 1,5 Millionen Exemplaren wurde es zu einem der meistverkauften Sachbücher in der Bundesrepublik.

Als besonders bedrohlich und einseitig empfand Ruben Castro damals die Diskussionen in den Medien, denen auch der Unterricht in der Schule nichts entgegenzusetzen vermochte. „Es fand keine kritische Auseinandersetzung statt, keine richtige Einordnung der Thesen. Kurz danach wurden die brutalen Taten des NSU bekannt und mittlerweile gibt es in diesem Land offiziell über eintausend bewaffnete Neonazis, hunderte Todesopfer rassistischer und rechter Gewalt und Millionen von potenziell betroffenen Mitmenschen“, sagt er.

Ruben Castro, in seinen Erzählungen beeindruckend ruhig und sachlich, in der Erscheinung groß und athletisch („Ich bin mit dem Vorurteil konfrontiert worden, dass ich als Schwarzer Mensch angeblich von Natur aus sportlich, dumm oder aggressiv wäre“), hat von Kindheit an Basketball gespielt. Sehr gut sogar; der DBV Charlottenburg war sein Verein. Er gehörte zum ersten Jahrgang der Jugend-Basketball-Bundesliga und wurde in der Nachwuchsbundesliga aufgenommen. „Das Niveau der beiden Spielklassen ist sehr hoch gewesen, einige meiner ehemaligen Trainingskameraden haben es in den Profibereich geschafft“, sagt er. An die Jahre im Charlottenburger Verein erinnert er sich gern. „Es war gut, dort nicht das einzige Schwarze Kind zu sein, auch wenn es eigentlich besser wäre, wenn niemand sich überhaupt Gedanken machen müsste, aufgrund seiner Hautfarbe als Ausnahme zu gelten.“

In Hamburg engagiert sich der ehemalige Basketballer seit ein paar Jahren ehrenamtlich für „Africa United“. Der Verein in Hamburg Mitte hat sich auf die Fahne geschrieben, Schwarzen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen einen geschützten Raum vor Rassismus zu bieten, ihr Selbstwertgefühl im Kampf gegen Diskriminierungen zu stärken und das Bewusstsein für die Geschichte und Kultur der afrikanischen Länder und der afrikanischen Diaspora zu fördern. „Das ist ein Verein, wie er mir in einer Kindheit gefehlt hat“, sagt Ruben Castro.

Geradezu programmatisch für diesen Ansatz springen den Besucher*innen der Vereinswebsite Tommie Smith und John Carlos ins Auge. Die beiden US-Sprinter zählen zu den Ikonen der Black-Power-Bewegung, weil sie bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko bei der Siegerehrung jeweils ihre in einen schwarzen Handschuh gehüllte Faust vom Siegerpodium in den Himmel gereckt haben. Nach den Spielen geächtet und verbannt, hängt das Foto von Smith und Carlos heute im Museum des IOC in Lausanne.

Africa United hat eine Reihe von namenhaften finanziellen Förderer an seiner Seite, neben dem Bundesprogramm „Integration durch Sport“ zählen auch der FC St. Pauli und die Hamburger Bürgerstiftung dazu. Nicht weniger prominent geht es bei den ideellen und aktiven Unterstützer*innen zu, zu denen bekannte Athlet*innen aus dem Profisport gehören. Etwa das Hamburger Handball-Supertalent Aimée von Pereira, die nach einem Jahr in Dänemark gerade nach Frankreich zum Erstligisten OGC Nizza gewechselt hat. Oder der mehrfache Kung-Fu-Weltmeister Emanuel Bettencourt, der den Verein seit der Gründung mit seinem eigenen Kampfsport-Studio TAIYO unterstützt. Und schließlich kommt auch aus dem Fußball Rückhalt, durch zwei gebürtige Hamburger: dem Bayern-Stürmer Eric Maxim Choupo-Moting und Otto Addo, einstiger ghanaischer National- und Bundesligaspieler, zuletzt Co-Trainer von Edin Terzić in Dortmund.

Jener Otto Addo, der in dem sehr sehenswerten Dokumentarfilm „Schwarze Adler“ (auf Amazon Prime und am 18. Juni 2021 im ZDF zu sehen) über Rassismuserfahrungen im deutschen Fußball zu Wort kommt und mit dem erschütternden Satz zitiert wird: „Ich habe Kontakt zu ganz normalen Menschen, und es sind dieselben Probleme wie vor 20, 30 Jahren.“ Otto Addo spricht diese Sätze im Film so ruhig und sachlich aus, wie Ruben Castro beim persönlichen Treffen von seinen Erfahrungen berichtet. Man kann sie schwer aushalten, die Sätze. 

Text: Marcus Meyer

Ninar und Samar Al Khatib - Copyright: DOSB
Ninar und Samar Al Khatib - Copyright: DOSB

Ein saarländischer Plattenschlager

Um den sportlichen Erfolg der Tischtennisdamen des 1. FC Saarbrücken Tischtennis richtig einordnen zu können, kann man getrost zwei Beispiele aus dem Profifußball heranziehen: den Aufstieg der TSG Hoffenheim oder der des SC Paderborn, die jeweils einen Durchmarsch von der Dritten bis in die Erste Liga hinlegten. Allerdings ist der Weg von einem der letzten Plätze in der untersten Spielklasse bis in die Regionalliga im Falle des 1. FC Saarbrücken Tischtennis nicht mit dem Namen eines Trainers oder eines potenten Mäzen verbunden, sondern in erster Linie mit dem zweier Spielerinnen: Samar und Ninar al Khatib.

Die Schwestern kamen im November 2015 von Syrien nach Deutschland, auf dem gleichen Weg wie so viele andere Menschen, die das Bürgerkriegsland verlassen mussten. Über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Kroatien, Slowenien und Österreich. Und auf die gleiche Art; im Boot und zu Fuß. Im spärlichen Gepäck: ihre Tischtennisschläger. In Syrien haben Ninar und Samar, mittlerweile 33 Jahre alt, mehr als ein Jahrzehnt für die Nationalmannschaft gespielt. Die Mutter, die auch ihre Trainerin war, ist eine Sportikone des Landes.

In Saarbrücken bahnte sich durch eine dort lebende Cousine schnell Kontakt zum Verein an – und zu Sandra Bender. Sie, die eigentlich nur noch als Schiedsrichterin tätig war, ließ sich von einem Verbandskollegen zu einem Comeback überreden, um die 1. Mannschaft wiederzubeleben und gemeinsam mit den spielstärkeren Schwestern um Punkte und den Aufstieg zu kämpfen. Und obwohl sie anfangs nur zu dritt waren, statt wie ein normales Team zu viert, fegten sie die Konkurrenz reihenweise von der Platte, sprangen Jahr für Jahr eine Liga nach oben. Der sportliche Erfolg schweißte nicht nur in der Halle zusammen, mit der Zeit erwuchs daraus auch eine enge Bindung: Sandra Bender wurde Mentorin und Freundin der Zwillinge, oder eigentlich mehr: fast zu einer Schwester der beiden.

Ninar und Samar haben durch den Sport Halt gefunden, der Verein sei ihre Heimat geworden, sagen sie. Und er hat ihnen berufliche Perspektiven im Saarländischen Tischtennisbund (sttb) eröffnet. Als Trainerin die eine (Ninar), und Integrationslotsin die andere (Samar) – auch wenn sie etwas ganz anderes studiert haben: nämlich BWL und englische Literatur („vom Sport allein konnte man in Syrien nicht leben“). Froh sein kann auch der Verband. Er hat mit syrischer Unterstützung die Nachwuchsarbeit deutlich verbessert. „Fünf Spielerinnen von uns sind mittlerweile im DTTB-Nachwuchskader zu finden, das ist für das kleine Saarland sehr viel“, sagt Sandra Bender.

Die Zwillingsschwestern wissen mit ihrer Persönlichkeit andere Menschen für sich und für den Tischtennissport einzunehmen; ihre Lebendigkeit, die Aufgeschlossenheit, der Humor, und auch der sympathische Umgang mit der deutschen Sprache öffnen Türen und Herzen. Und sie können Brücken bauen im Arabischen. Etwa in den vereinsübergreifenden dezentralen Stützpunkten. „Sie machen wichtige Arbeit für uns, weil sie den Nachwuchs für uns finden und ansprechen können“, sagt Bender. Das gleiche gelte für die Schulen, in denen es viele Schülerinnen gäbe, die erst noch die deutsche Sprache lernen müssten. Die Lehrer seien sehr dankbar für die Unterstützung. Was indes für Außenstehende unsichtbar bleibt, sind die Spuren des Krieges, der Emigration, des Getrenntseins von Familie und Freunden. Sie bleiben privat, versteckt hinter dem einnehmenden Auftreten.

Die Familie der beiden lebt weiterhin in Syrien, die Eltern, genauso wie der jüngere Bruder, der Zahnarzt ist. Der Kontakt zu ihnen ist eng und wichtig, Skype das Medium der Begegnung. Besonders heftig traf den Zusammenhalt daher im März die Havarie der „Ever Given“ im Suez-Kanal.

Rund eine Woche lang steckte das Super-Containerschiff wie eine Gräte quer in der Speiseröhre des Welthandels. Beiderseits der wichtigen Handelspassage zwischen Asien und Europa stauten sich die Frachtschiffe. Darunter eine Reihe von Tankern, von denen auch einige Syrien zum Ziel hatten. So begann eine Krisenspirale, die sich bis ins Saarland bemerkbar machte: Öl wird in Syrien für die Stromproduktion benötigt, fehlt es am schwarzen Rohstoff, gibt es keinen oder weniger Strom. Und ohne Strom eben auch keine Internetverbindung. So brach der Skypekontakt für Wochen ab. Aus der wirtschaftlichen Havarie wurde eine persönliche.

Mag die eine wie die andere mittlerweile längst behoben sein, die Sehnsucht, sie bleibt unverändert bestehen bei Ninar und Samar. Unsichtbar von außen.

Text: Marcus Meyer

Mohammed Nouali - Copyright: DOSB

Man hört Mohammed Nouali gern zu. Nicht nur weil er in seinem Leben und auf dem Weg zur deutschen Staatsbürgerschaft schon viel erlebt hat, sondern auch, weil er ein glänzender Erzähler ist. Man muss allerdings aufpassen, dass einem bei seinen Geschichten nicht gelegentlich das Lachen im Hals stecken bleibt. Etwa, als er eine Bleibe suchte, nicht lang nachdem er nach Deutschland gekommen war; Anfang der 90er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts.  

Er hatte von einer älteren Dame erfahren, die ein Zimmer zu vermieten hatte. Er machte sich auf den Weg, um sich vorzustellen, im Anzug. Das Bewerbungsgespräch lief gut, eigentlich schien die Sache geregelt. Dachte Mohammed Nouali. Doch plötzlich hieß es, ihre im Hause lebenden Katzen müssten über den möglichen neuen Hausbewohner mitentscheiden. Das sei ihr wichtig. Ehe er sich versah, hatte die Hausherrin das Zimmer verlassen, er saß er auf seinen Stuhl, allein, umgeben von fünf schnurrenden Tieren, ohne einen blassen Schimmer, was nun zu tun war oder worauf es wohl ankäme. Sollte er sich bei den Katzen einschmeicheln? Und wenn wie? So verging eine Weile, in der Mohammed Nouali in diesem Wohnzimmer zwischen altdeutschen Möbeln gebannt darauf wartete, was passieren würde. Und es passierte: nichts. Lange nichts. Bis letztlich eines der Tiere seine Nähe suchte und ihm auf den Schoß sprang. Gutes Zeichen, schlechtes Zeichen? Schwer zu beurteilen. Auf jeden Fall eine Stresssituation.

Als die Dame schließlich wieder ins Zimmer trat, die Katze bei Mohammed Nouali sitzen sah, lächelte sie. Es stellte sich heraus, dass es sich um das scheueste Tier handelte, jenes, das entscheidend war, um dem Mitbewohner den Zuspruch geben zu können.

Willkommen in Deutschland!

Was dem ersten Anschein nach wie eine bizarre Anekdote klingt, erhält einen anderen Charakter, wenn man weiß, dass Mohammed Nouali, der zu dieser Zeit Maschinenbau studierte, schon ein halbes Jahr in Bahnwaggons verbracht hatte. Im Spätzug nach Düsseldorf, eine Mütze Schlaf irgendwo auf einem Abstellgleis, dann in aller Herrgottsfrühe zurück nach Hannover. Erfolgslos und frustrierend war die Suche nach einer Wohnung verlaufen. Erfahren hatte er dabei nur eine Menge Ablehnung, Misstrauen und Demütigung, und dass der Rassismus Abstufungen kennt, ein Araber nicht gleich ein Araber ist. „Marokkaner“, sagt er, „schienen eher weiter unten in der Rassismus-Skala angesiedelt zu sein.“  

Mohammed Nouali, das sollte man wissen, ähnelt von der Statur zwar einem Markus Söder, im Auftreten aber pflegt er eindeutig eine größere Nähe zum Typ Armin Laschet: das ruhige Gespräch auf Augenhöhe, der Ausgleich, die Suche nach Gemeinsamkeiten, und nicht die Konfrontation, das sind seine Prinzipien des Umgangs. So versteht er auch seine Aufgabe als Leiter der Integrationsabteilung beim MTV 48 Hildesheim. „Das Pädagogische ist sehr wichtig, nicht autoritäres Auftreten oder die reine Vermittlung von Sportwissen. Dass ich die Kinder und Jugendlichen auf die Gesellschaft vorbereite, als eine Art sportlicher Sozialarbeiter, oder ihnen manchmal beistehe, als Psychologe, wenn sie durchhängen.“

Von seinen Prinzipien lässt er sich nicht abbringen. Sein alter Verein hat das erfahren. Dort hat er mal drei Kinder aus der Basketballmannschaft für ein paar Spiele auf der Bank sitzen lassen, weil diese zwei Teamkollegen mit Zuwanderungsgeschichte gemobbt hatten. Als er sie darauf ansprach, zeigten sich die Jungen uneinsichtig, die Eltern auch, und zudem noch herablassend gegenüber dem Trainer aus Marokko – und so blieb Mohammed Nouali konsequent.

Es dauerte nicht lang, und der Vorstandvorsitzende des Vereins stand vor ihm. „Mit dem hatte ich in all den Jahren meiner Tätigkeit keinen Kontakt gehabt, er hatte sich nie gezeigt oder mir vorgestellt“, sagt Nouali. Aber er kannte natürlich die Eltern, und das war entscheidend. Sein Argument: Die Jungen zahlten Beiträge und hätten einen Anspruch zu spielen, es ginge allein um Leistung. „Ich habe gesagt, dass sie nicht spielen, solange sie sich nicht entschuldigen und ihr Sozialverhalten ändern. Für mich sind die Spieler Botschafter für Fairplay.“ Es ging hin und her, ein Wort gab das andere, schließlich beendete der Vorstand die Diskussion mit den Worten: ‚Herr Nouali, ich möchte nicht, dass der Verein durch ihr Verhalten Mitglieder verliert.’ „Ich erinnere mich genau an diese Formulierung, ich werde sie nie vergessen. Das hat mir sehr wehgetan. Es wurde klar, dass die ganzen Grundwerte des Sports keine Rolle spielen. Und die Ansicht des Trainers auch nicht. Die Entscheidung wurde mir einfach diktiert.“

Mohammed Nouali zog die Reißleine, seine Abschiedsworte lauteten: „Ich gehe, denn dieser Verein hat mein ehrenamtliches Engagement nicht verdient.“  

Seine neue sportliche Heimat sei ganz anders. „Der MTV 48 hat mich mit Kusshand genommen. Sie lassen mir völlig freie Hand in der Integrationsarbeit. Ich kann den Verein mitgestalten, das ist ein tolles Gefühl, ich bekomme sehr viel Anerkennung.“ Als 2015 vermehrt Geflüchtete nach Deutschland kamen, auch nach Hildesheim, da habe der Verein 120 Personen aufgenommen. 40 von ihnen, unbegleitete Jugendliche aus verschiedenen Ländern, seien nahezu unbetreut und für längere Zeit in einer Jugendherberge kaserniert gewesen. „Wir haben sie dann zu Übungsleitern ausgebildet. Sie haben heute fast alle Ausbildungsplätze und Jobs. 40 Übungsleiter, das war Rekord in Niedersachen“, sagt Nouali voller Stolz.

Sowohl das Engagement des MTV 48 Hildesheim als auch das seines Integrationsleiters wurden in der Zwischenzeit mehrfach ausgezeichnet. Unter anderem mit dem Niedersächsischen Integrationspreis. Sein Wissen und seine Erfahrung gibt Mohammed Nouali als Vorsitzender des Migrationsbeirates der Stadt Hildesheim und zahlreichen Workshops für interkulturelle Kompetenzen und für Gewaltprävention weiter.

Seit 2015 ist der 51-Jährige in der Rechtsberatung von Pro Asyl e.V. tätig. „Ich bin sehr glücklich mit meiner Arbeit“, sagt Mohammed Nouali. „Die Menschen werden auch in Zukunft kommen, und es braucht jemanden, der sich um sie kümmert, nicht nur Formulare ausfüllt, sondern sie mitnimmt, ihnen zeigt, wie das Leben in Deutschland ist. Wie man die Hürden überwindet. Wie man sich verhält, wie man in Ausbildung und in den Sport kommt. Weil es für alle neu ist. Und wenn ich es nicht mache, wer dann?“

Text: Marcus Meyer

Auf den ersten Blick scheint es kein weiter Weg vom Geburtsort Bendorf am Rhein, in der Nähe von Koblenz gelegen, flussaufwärts bis nach Mainz, wo Fatma Polat mittlerweile lebt und arbeitet. Richtig einzuordnen vermag man die Strecke aber erst nach einem Gespräch mit der 38-jährigen Juristin; dann verfestigt sich der Eindruck, dass in dieser Bewegung ein grundsätzlicher Teil ihrer Persönlichkeit zu finden ist, in diesem „Gegen-den-Strom-schwimmen“.

Die biografischen Eckdaten klingen dabei zunächst vertraut: Die Eltern kamen Anfang der 70er-Jahre nach Deutschland, aus Ostanatolien, der Vater als sogenannter Gastarbeiter, „ganz klassisch“, sagt Fatma Polat. Die älteste, gerade geborene Tochter brachten sie mit, dann folgten in Deutschland fünf weitere Mädchen und ein Junge. Zuhause wurde türkisch gesprochen, „die Zweisprachigkeit kam erst durch die älteren Geschwister in die Familie. Nicht, weil die Eltern es wollten, sondern weil Deutsch als Umgebungssprache Überhand gewann.“

An der Sprache entlang ist das Thema der Integration in der Familie markiert, das der Identität war durch die kurdische Herkunft der Eltern gesetzt. Sie verhielten sich zurückhaltend, sprachen selten Kurdisch, in einer türkischen Community, in der diese Herkunft politisch heikel aufgeladen war. Dieses sprachliche und kulturelle Changieren zwischen den Welten, kurdisch, türkisch, schließlich deutsch, prägte die Identitäten der Kinder unterschiedlich: Auf der einen Seite jene, die Mehrzahl, die einen stärkeren Bezug zum Türkischen haben, der Kultur, der sie von außen, von den Deutschen, zugeordnet werden. Auf der anderen Seite Fatma, die trotz allem sehr vom Kurdischen beeinflusst ist, die an ihren Wurzeln hängt. „Das heißt nicht, dass ich das Türkische ablehnen oder verneinen würde. Ich denke nur mehr deutsch als türkisch und wenn ich in meine Kultur zurückfalle, dann ist es eher die kurdische als die türkische.“ Eine Vielfalt, in der Familie wie in der Gefühlswelt von Fatma Polat, die stellvertretend für Generationen von Zuwanderern steht und die wenig mit den simplen kulturellen Identitätsvorstellungen zu tun hat, über die allabendlich in den TV-Talkshows diskutiert wird.

Auch um diese geistige Enge aufzuweichen, hat Fatma Polat zusammen mit ihrem Mann den Kulturverein Arc-En-Ciel gegründet. „Ich wollte nicht mehr instrumentalisiert werden, von irgendwelchen Organisationen unter dem Deckmantel von religiösen, ideellen oder politischen Zwecken, ich wollte mich selbst und freigewählt engagieren; nicht jammern, sondern das Sprachrohr für eine vielfältige Gesellschaft sein.“ Ihr Mann riet ihr daraufhin: Wenn sie wirklich was erreichen wolle, emanzipiert, ohne dass sie in eine Schublade gesteckt werde, dann müsse sie was mit Sport machen. „Das war sein Satz“, sagt sie: „Sport ist neutral.“

Horizonte eröffnen, Sichtweisen verändern. „Wir erfinden keine Angebote, die gibt es ja schon in den Vereinen. Wir bauen Brücken, wir begeistern, um Menschen zu gewinnen, die sonst vielleicht nicht den Weg in den Verein finden würden“, sagt Fatma Polat. Es gehe darum, in den Köpfen etwas zu verändern. Beton sprengen. Auf beiden Seiten. „Jeder spricht aus einer seiner Erfahrung über Integration, sehr emotional, wie bei uns in der Familie. Ich habe durch das juristische Handwerk jedoch gelernt, nicht nur schwarzweiß, sondern auch grau zu sehen.“

Ihr eigener Lebensweg ist ein gutes Beispiel, für das was sie umtreibt. Sie habe keine klassische Diskriminierung erlebt. Im Gegenteil, sie bekam Chancen, hatte das Glück, von dem Menschen mit Zuwanderungsgeschichte öfter erzählen. Sei es die Grundschullehrerin, die sie an die Hand genommen und bestärkt hat, oder der Chef, der an sie glaubte und sie förderte. Schicksalhafte Begegnungen. Zufälle. „Das ich dieses Glück hatte, das ist für mich aber die eigentliche Diskriminierung, denn ob man es eine Chance bekommt oder nicht, sollte nicht davon abhängen, ob man die richtigen Menschen trifft.                                                                   

Strukturelle Diskriminierung nennt Fatma Polat das Problem. Eines, für das ihrer Ansicht nach auch die Medien und die werbungstreibenden Unternehmen Verantwortung tragen. Während auf Instagram längst eine alternative Welt existiere, in der selbstbewusst und eigenständig eine große Vielfalt zur Schau gestellt werde, vermittelten die klassischen Kanäle ein überkommenes Gesellschaftsbild. Es gebe weiterhin die Angstmacherei, die unterschwellige Manipulation. „Es wird suggeriert, dass Menschen wie wir die Integrationsverweigerer sind. Ich möchte dazu eine sachliche Diskussion. Aber ich sehe die aufnehmende Gesellschaft mehr in der Verantwortung. Der Zeigefinger muss runter“, sagt Fatma Polat – und muss dabei auch ein wenig lachen.

Ihr Traum? Eine Frau mit Kopftuch, die für Schokolade Werbung macht oder bei Maischberger sitzt, und nicht über Integration sprechen soll, sondern zum Beispiel über Tierschutz. Die Realität? Von der berichtet eine Freundin, die sich vierfach diskriminiert fühlt: als Frau, als Migrantin, als Muslima und als Kopftuchträgerin.

Und von der erzählt ihr 17-jähriger Sohn. Immer aufs Neue. Es enttäusche sie sehr, dass er mit den gleichen Problemen nach Hause komme, gegen die gleichen Vorbehalte kämpfen müsse wie sie einst. „Das ist mein Frust, dann möchte ich alles hinschmeißen. Wozu das alles, frage ich mich manchmal? Bin ich Don Quichotte?“ Noch habe sie aber Geduld, sagt sie, tröste sich mit dem Gedanken, dass es einfach mehr Zeit für gesellschaftliche Veränderungen brauche.

Nur eines möchte Fatma Polat nicht erleben: Dass ihr gerade vierjähriger Sohn und ihre dreijährige Tochter mit 17 immer noch dieselben Geschichten erzählen. Es wäre vielleicht der Moment, in dem auch eine starke und positiv gesinnte Frau wie Fatma Polat resignieren würde.

Text: Marcus Meyer