Fotokampagne "Wo ich herkomme? Vom Sport!"

Die Kampagne des DOSB „Wo ich herkomme? – Vom Sport!“ wird mit Motiven aus dem Bundesprogramm „Integration durch Sport“ neu aufgelegt.

 

Die Fotokampagne,  2016 gestartet, war Offline wie Online, vor allem aber in den Social-Media-Kanälen ein voller Erfolg. Die Motive symbolisierten die integrative Kraft des Sports, der Menschen aus verschiedenen Nationen, Kulturen und sozialen Hintergründen zusammenbringen kann.

Das Bundesprogramm „Integration durch Sport“ hat den Ansatz aufgegriffen und eine Neuauflage initiiert, in welcher der Schwerpunkt noch stärker auf dem Bundesprogramm und den Menschen liegt, die es durch ihr Engagement und ihre individuellen Vorstellungen zum Leben erwecken. 

Der Fokus von „Wo ich herkomme? – Vom Sport!“ richtet sich bei der Neuauflage daher besonders auf die Gesichter und Geschichten von Sportler*innen und Engagierten aus den Sportvereinen des Programms. Sie erzählen von den Beweggründen bei der Kampagne mitzumachen, von sich und ihren eigenen Erfahrungen in Deutschland, als Zugereiste oder hier aufgewachsener Mensch. Und wie sich diese unter anderem in den Vorstellungen für eine sinnvolle und weiterführende Vereinsarbeit niederschlagen. 

Wir stellen hier in den kommenden Wochen alle Motive, die Menschen und ihr Geschichten nach und nach vor...

Motive hinter denen Geschichten stecken

Gestartet sind wir mit fünf Personen, vier Motiven und spannenden Stories. Nun erweitern wir die Kampagne „Wo ich herkomme? Vom Sport!“ bis Ende 2021 jede Woche um ein weiteres Motiv und lernen mehr tolle Menschen kennen, die ihre zum Teil sehr berührenden, mutmachenden und faszinierenden Geschichten mit uns teilen…

Alle Fotos hat der wunderbare Hamburger Fotograf Henning Heide geschossen.

Ruben Castro, Trainer beim Africa United Sport Club Hamburg; Copyright: DOSB
Ruben Castro, Trainer beim Africa United Sport Club Hamburg; Copyright: DOSB

Ein sicherer Ort in Hamburgs Mitte

Jeder Mensch hat seine Schlüsselerlebnisse, prägend fürs Leben. Als Schwarze Person haben sie leider oft mit Diskriminierung und Rassismus zu tun. Dass Deutschland dabei keine Ausnahme bildet, sollte sich auch dem letzten durch die zahlreichen Debatten und Demonstrationen des vergangenen Jahres offenbart haben. Und so kann Ruben Castro, der des Studiums wegen (Umweltingenieurwesen) vor einigen Jahren von Berlin nach Hamburg gezogen ist, natürlich von solchen Ereignissen erzählen – privaten wie öffentlichen. Eines der letzteren Art, an die sich viele erinnern werden, hat nicht nur den heute 26-Jährigen verändert, sondern das ganze Land.

Ruben Castro ging gerade auf die Oberstufe eines Neuköllner Gymnasiums als das Buch von Thilo Sarrazin ‚Deutschland schafft sich ab’ erschien – oder treffender formuliert: einschlug. Denn Sarrazins Thesen, nach denen die Integration von Muslimen in Deutschland misslungen sei, setzten einen gänzlich neuen Ton in der Debatte um Zuwanderung und Zusammenleben. „Das Buch, mit seinen krassen antimuslimischen und sozialdarwinistischen Aussagen, empfinde ich rückblickend als Wegbereiter für einen offeneren Rassismus in Deutschland“, sagt Ruben Castro. Eine Breitenwirkung entfaltete das Werk auch durch seine Auflage: Mit rund 1,5 Millionen Exemplaren wurde es zu einem der meistverkauften Sachbücher in der Bundesrepublik.

Als besonders bedrohlich und einseitig empfand Ruben Castro damals die Diskussionen in den Medien, denen auch der Unterricht in der Schule nichts entgegenzusetzen vermochte. „Es fand keine kritische Auseinandersetzung statt, keine richtige Einordnung der Thesen. Kurz danach wurden die brutalen Taten des NSU bekannt und mittlerweile gibt es in diesem Land offiziell über eintausend bewaffnete Neonazis, hunderte Todesopfer rassistischer und rechter Gewalt und Millionen von potenziell betroffenen Mitmenschen“, sagt er.

Ruben Castro, in seinen Erzählungen beeindruckend ruhig und sachlich, in der Erscheinung groß und athletisch („Ich bin mit dem Vorurteil konfrontiert worden, dass ich als Schwarzer Mensch angeblich von Natur aus sportlich, dumm oder aggressiv wäre“), hat von Kindheit an Basketball gespielt. Sehr gut sogar; der DBV Charlottenburg war sein Verein. Er gehörte zum ersten Jahrgang der Jugend-Basketball-Bundesliga und wurde in der Nachwuchsbundesliga aufgenommen. „Das Niveau der beiden Spielklassen ist sehr hoch gewesen, einige meiner ehemaligen Trainingskameraden haben es in den Profibereich geschafft“, sagt er. An die Jahre im Charlottenburger Verein erinnert er sich gern. „Es war gut, dort nicht das einzige Schwarze Kind zu sein, auch wenn es eigentlich besser wäre, wenn niemand sich überhaupt Gedanken machen müsste, aufgrund seiner Hautfarbe als Ausnahme zu gelten.“

In Hamburg engagiert sich der ehemalige Basketballer seit ein paar Jahren ehrenamtlich für „Africa United“. Der Verein in Hamburg Mitte hat sich auf die Fahne geschrieben, Schwarzen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen einen geschützten Raum vor Rassismus zu bieten, ihr Selbstwertgefühl im Kampf gegen Diskriminierungen zu stärken und das Bewusstsein für die Geschichte und Kultur der afrikanischen Länder und der afrikanischen Diaspora zu fördern. „Das ist ein Verein, wie er mir in einer Kindheit gefehlt hat“, sagt Ruben Castro.

Geradezu programmatisch für diesen Ansatz springen den Besucher*innen der Vereinswebsite Tommie Smith und John Carlos ins Auge. Die beiden US-Sprinter zählen zu den Ikonen der Black-Power-Bewegung, weil sie bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko bei der Siegerehrung jeweils ihre in einen schwarzen Handschuh gehüllte Faust vom Siegerpodium in den Himmel gereckt haben. Nach den Spielen geächtet und verbannt, hängt das Foto von Smith und Carlos heute im Museum des IOC in Lausanne.

Africa United hat eine Reihe von namenhaften finanziellen Förderer an seiner Seite, neben dem Bundesprogramm „Integration durch Sport“ zählen auch der FC St. Pauli und die Hamburger Bürgerstiftung dazu. Nicht weniger prominent geht es bei den ideellen und aktiven Unterstützer*innen zu, zu denen bekannte Athlet*innen aus dem Profisport gehören. Etwa das Hamburger Handball-Supertalent Aimée von Pereira, die nach einem Jahr in Dänemark gerade nach Frankreich zum Erstligisten OGC Nizza gewechselt hat. Oder der mehrfache Kung-Fu-Weltmeister Emanuel Bettencourt, der den Verein seit der Gründung mit seinem eigenen Kampfsport-Studio TAIYO unterstützt. Und schließlich kommt auch aus dem Fußball Rückhalt, durch zwei gebürtige Hamburger: dem Bayern-Stürmer Eric Maxim Choupo-Moting und Otto Addo, einstiger ghanaischer National- und Bundesligaspieler, zuletzt Co-Trainer von Edin Terzić in Dortmund.

Jener Otto Addo, der in dem sehr sehenswerten Dokumentarfilm „Schwarze Adler“ (auf Amazon Prime und am 18. Juni 2021 im ZDF zu sehen) über Rassismuserfahrungen im deutschen Fußball zu Wort kommt und mit dem erschütternden Satz zitiert wird: „Ich habe Kontakt zu ganz normalen Menschen, und es sind dieselben Probleme wie vor 20, 30 Jahren.“ Otto Addo spricht diese Sätze im Film so ruhig und sachlich aus, wie Ruben Castro beim persönlichen Treffen von seinen Erfahrungen berichtet. Man kann sie schwer aushalten, die Sätze. 

Text: Marcus Meyer

Ninar und Samar Al Khatib - Copyright: DOSB
Ninar und Samar Al Khatib - Copyright: DOSB

Ein saarländischer Plattenschlager

Um den sportlichen Erfolg der Tischtennisdamen des 1. FC Saarbrücken Tischtennis richtig einordnen zu können, kann man getrost zwei Beispiele aus dem Profifußball heranziehen: den Aufstieg der TSG Hoffenheim oder der des SC Paderborn, die jeweils einen Durchmarsch von der Dritten bis in die Erste Liga hinlegten. Allerdings ist der Weg von einem der letzten Plätze in der untersten Spielklasse bis in die Regionalliga im Falle des 1. FC Saarbrücken Tischtennis nicht mit dem Namen eines Trainers oder eines potenten Mäzen verbunden, sondern in erster Linie mit dem zweier Spielerinnen: Samar und Ninar al Khatib.

Die Schwestern kamen im November 2015 von Syrien nach Deutschland, auf dem gleichen Weg wie so viele andere Menschen, die das Bürgerkriegsland verlassen mussten. Über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Kroatien, Slowenien und Österreich. Und auf die gleiche Art; im Boot und zu Fuß. Im spärlichen Gepäck: ihre Tischtennisschläger. In Syrien haben Ninar und Samar, mittlerweile 33 Jahre alt, mehr als ein Jahrzehnt für die Nationalmannschaft gespielt. Die Mutter, die auch ihre Trainerin war, ist eine Sportikone des Landes.

In Saarbrücken bahnte sich durch eine dort lebende Cousine schnell Kontakt zum Verein an – und zu Sandra Bender. Sie, die eigentlich nur noch als Schiedsrichterin tätig war, ließ sich von einem Verbandskollegen zu einem Comeback überreden, um die 1. Mannschaft wiederzubeleben und gemeinsam mit den spielstärkeren Schwestern um Punkte und den Aufstieg zu kämpfen. Und obwohl sie anfangs nur zu dritt waren, statt wie ein normales Team zu viert, fegten sie die Konkurrenz reihenweise von der Platte, sprangen Jahr für Jahr eine Liga nach oben. Der sportliche Erfolg schweißte nicht nur in der Halle zusammen, mit der Zeit erwuchs daraus auch eine enge Bindung: Sandra Bender wurde Mentorin und Freundin der Zwillinge, oder eigentlich mehr: fast zu einer Schwester der beiden.

Ninar und Samar haben durch den Sport Halt gefunden, der Verein sei ihre Heimat geworden, sagen sie. Und er hat ihnen berufliche Perspektiven im Saarländischen Tischtennisbund (sttb) eröffnet. Als Trainerin die eine (Ninar), und Integrationslotsin die andere (Samar) – auch wenn sie etwas ganz anderes studiert haben: nämlich BWL und englische Literatur („vom Sport allein konnte man in Syrien nicht leben“). Froh sein kann auch der Verband. Er hat mit syrischer Unterstützung die Nachwuchsarbeit deutlich verbessert. „Fünf Spielerinnen von uns sind mittlerweile im DTTB-Nachwuchskader zu finden, das ist für das kleine Saarland sehr viel“, sagt Sandra Bender.

Die Zwillingsschwestern wissen mit ihrer Persönlichkeit andere Menschen für sich und für den Tischtennissport einzunehmen; ihre Lebendigkeit, die Aufgeschlossenheit, der Humor, und auch der sympathische Umgang mit der deutschen Sprache öffnen Türen und Herzen. Und sie können Brücken bauen im Arabischen. Etwa in den vereinsübergreifenden dezentralen Stützpunkten. „Sie machen wichtige Arbeit für uns, weil sie den Nachwuchs für uns finden und ansprechen können“, sagt Bender. Das gleiche gelte für die Schulen, in denen es viele Schülerinnen gäbe, die erst noch die deutsche Sprache lernen müssten. Die Lehrer seien sehr dankbar für die Unterstützung. Was indes für Außenstehende unsichtbar bleibt, sind die Spuren des Krieges, der Emigration, des Getrenntseins von Familie und Freunden. Sie bleiben privat, versteckt hinter dem einnehmenden Auftreten.

Die Familie der beiden lebt weiterhin in Syrien, die Eltern, genauso wie der jüngere Bruder, der Zahnarzt ist. Der Kontakt zu ihnen ist eng und wichtig, Skype das Medium der Begegnung. Besonders heftig traf den Zusammenhalt daher im März die Havarie der „Ever Given“ im Suez-Kanal.

Rund eine Woche lang steckte das Super-Containerschiff wie eine Gräte quer in der Speiseröhre des Welthandels. Beiderseits der wichtigen Handelspassage zwischen Asien und Europa stauten sich die Frachtschiffe. Darunter eine Reihe von Tankern, von denen auch einige Syrien zum Ziel hatten. So begann eine Krisenspirale, die sich bis ins Saarland bemerkbar machte: Öl wird in Syrien für die Stromproduktion benötigt, fehlt es am schwarzen Rohstoff, gibt es keinen oder weniger Strom. Und ohne Strom eben auch keine Internetverbindung. So brach der Skypekontakt für Wochen ab. Aus der wirtschaftlichen Havarie wurde eine persönliche.

Mag die eine wie die andere mittlerweile längst behoben sein, die Sehnsucht, sie bleibt unverändert bestehen bei Ninar und Samar. Unsichtbar von außen.

Text: Marcus Meyer

Mohammed Nouali - Copyright: DOSB

Man hört Mohammed Nouali gern zu. Nicht nur weil er in seinem Leben und auf dem Weg zur deutschen Staatsbürgerschaft schon viel erlebt hat, sondern auch, weil er ein glänzender Erzähler ist. Man muss allerdings aufpassen, dass einem bei seinen Geschichten nicht gelegentlich das Lachen im Hals stecken bleibt. Etwa, als er eine Bleibe suchte, nicht lang nachdem er nach Deutschland gekommen war; Anfang der 90er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts.  

Er hatte von einer älteren Dame erfahren, die ein Zimmer zu vermieten hatte. Er machte sich auf den Weg, um sich vorzustellen, im Anzug. Das Bewerbungsgespräch lief gut, eigentlich schien die Sache geregelt. Dachte Mohammed Nouali. Doch plötzlich hieß es, ihre im Hause lebenden Katzen müssten über den möglichen neuen Hausbewohner mitentscheiden. Das sei ihr wichtig. Ehe er sich versah, hatte die Hausherrin das Zimmer verlassen, er saß er auf seinen Stuhl, allein, umgeben von fünf schnurrenden Tieren, ohne einen blassen Schimmer, was nun zu tun war oder worauf es wohl ankäme. Sollte er sich bei den Katzen einschmeicheln? Und wenn wie? So verging eine Weile, in der Mohammed Nouali in diesem Wohnzimmer zwischen altdeutschen Möbeln gebannt darauf wartete, was passieren würde. Und es passierte: nichts. Lange nichts. Bis letztlich eines der Tiere seine Nähe suchte und ihm auf den Schoß sprang. Gutes Zeichen, schlechtes Zeichen? Schwer zu beurteilen. Auf jeden Fall eine Stresssituation.

Als die Dame schließlich wieder ins Zimmer trat, die Katze bei Mohammed Nouali sitzen sah, lächelte sie. Es stellte sich heraus, dass es sich um das scheueste Tier handelte, jenes, das entscheidend war, um dem Mitbewohner den Zuspruch geben zu können.

Willkommen in Deutschland!

Was dem ersten Anschein nach wie eine bizarre Anekdote klingt, erhält einen anderen Charakter, wenn man weiß, dass Mohammed Nouali, der zu dieser Zeit Maschinenbau studierte, schon ein halbes Jahr in Bahnwaggons verbracht hatte. Im Spätzug nach Düsseldorf, eine Mütze Schlaf irgendwo auf einem Abstellgleis, dann in aller Herrgottsfrühe zurück nach Hannover. Erfolgslos und frustrierend war die Suche nach einer Wohnung verlaufen. Erfahren hatte er dabei nur eine Menge Ablehnung, Misstrauen und Demütigung, und dass der Rassismus Abstufungen kennt, ein Araber nicht gleich ein Araber ist. „Marokkaner“, sagt er, „schienen eher weiter unten in der Rassismus-Skala angesiedelt zu sein.“  

Mohammed Nouali, das sollte man wissen, ähnelt von der Statur zwar einem Markus Söder, im Auftreten aber pflegt er eindeutig eine größere Nähe zum Typ Armin Laschet: das ruhige Gespräch auf Augenhöhe, der Ausgleich, die Suche nach Gemeinsamkeiten, und nicht die Konfrontation, das sind seine Prinzipien des Umgangs. So versteht er auch seine Aufgabe als Leiter der Integrationsabteilung beim MTV 48 Hildesheim. „Das Pädagogische ist sehr wichtig, nicht autoritäres Auftreten oder die reine Vermittlung von Sportwissen. Dass ich die Kinder und Jugendlichen auf die Gesellschaft vorbereite, als eine Art sportlicher Sozialarbeiter, oder ihnen manchmal beistehe, als Psychologe, wenn sie durchhängen.“

Von seinen Prinzipien lässt er sich nicht abbringen. Sein alter Verein hat das erfahren. Dort hat er mal drei Kinder aus der Basketballmannschaft für ein paar Spiele auf der Bank sitzen lassen, weil diese zwei Teamkollegen mit Zuwanderungsgeschichte gemobbt hatten. Als er sie darauf ansprach, zeigten sich die Jungen uneinsichtig, die Eltern auch, und zudem noch herablassend gegenüber dem Trainer aus Marokko – und so blieb Mohammed Nouali konsequent.

Es dauerte nicht lang, und der Vorstandvorsitzende des Vereins stand vor ihm. „Mit dem hatte ich in all den Jahren meiner Tätigkeit keinen Kontakt gehabt, er hatte sich nie gezeigt oder mir vorgestellt“, sagt Nouali. Aber er kannte natürlich die Eltern, und das war entscheidend. Sein Argument: Die Jungen zahlten Beiträge und hätten einen Anspruch zu spielen, es ginge allein um Leistung. „Ich habe gesagt, dass sie nicht spielen, solange sie sich nicht entschuldigen und ihr Sozialverhalten ändern. Für mich sind die Spieler Botschafter für Fairplay.“ Es ging hin und her, ein Wort gab das andere, schließlich beendete der Vorstand die Diskussion mit den Worten: ‚Herr Nouali, ich möchte nicht, dass der Verein durch ihr Verhalten Mitglieder verliert.’ „Ich erinnere mich genau an diese Formulierung, ich werde sie nie vergessen. Das hat mir sehr wehgetan. Es wurde klar, dass die ganzen Grundwerte des Sports keine Rolle spielen. Und die Ansicht des Trainers auch nicht. Die Entscheidung wurde mir einfach diktiert.“

Mohammed Nouali zog die Reißleine, seine Abschiedsworte lauteten: „Ich gehe, denn dieser Verein hat mein ehrenamtliches Engagement nicht verdient.“  

Seine neue sportliche Heimat sei ganz anders. „Der MTV 48 hat mich mit Kusshand genommen. Sie lassen mir völlig freie Hand in der Integrationsarbeit. Ich kann den Verein mitgestalten, das ist ein tolles Gefühl, ich bekomme sehr viel Anerkennung.“ Als 2015 vermehrt Geflüchtete nach Deutschland kamen, auch nach Hildesheim, da habe der Verein 120 Personen aufgenommen. 40 von ihnen, unbegleitete Jugendliche aus verschiedenen Ländern, seien nahezu unbetreut und für längere Zeit in einer Jugendherberge kaserniert gewesen. „Wir haben sie dann zu Übungsleitern ausgebildet. Sie haben heute fast alle Ausbildungsplätze und Jobs. 40 Übungsleiter, das war Rekord in Niedersachen“, sagt Nouali voller Stolz.

Sowohl das Engagement des MTV 48 Hildesheim als auch das seines Integrationsleiters wurden in der Zwischenzeit mehrfach ausgezeichnet. Unter anderem mit dem Niedersächsischen Integrationspreis. Sein Wissen und seine Erfahrung gibt Mohammed Nouali als Vorsitzender des Migrationsbeirates der Stadt Hildesheim und zahlreichen Workshops für interkulturelle Kompetenzen und für Gewaltprävention weiter.

Seit 2015 ist der 51-Jährige in der Rechtsberatung von Pro Asyl e.V. tätig. „Ich bin sehr glücklich mit meiner Arbeit“, sagt Mohammed Nouali. „Die Menschen werden auch in Zukunft kommen, und es braucht jemanden, der sich um sie kümmert, nicht nur Formulare ausfüllt, sondern sie mitnimmt, ihnen zeigt, wie das Leben in Deutschland ist. Wie man die Hürden überwindet. Wie man sich verhält, wie man in Ausbildung und in den Sport kommt. Weil es für alle neu ist. Und wenn ich es nicht mache, wer dann?“

Text: Marcus Meyer

Auf den ersten Blick scheint es kein weiter Weg vom Geburtsort Bendorf am Rhein, in der Nähe von Koblenz gelegen, flussaufwärts bis nach Mainz, wo Fatma Polat mittlerweile lebt und arbeitet. Richtig einzuordnen vermag man die Strecke aber erst nach einem Gespräch mit der 38-jährigen Juristin; dann verfestigt sich der Eindruck, dass in dieser Bewegung ein grundsätzlicher Teil ihrer Persönlichkeit zu finden ist, in diesem „Gegen-den-Strom-schwimmen“.

Die biografischen Eckdaten klingen dabei zunächst vertraut: Die Eltern kamen Anfang der 70er-Jahre nach Deutschland, aus Ostanatolien, der Vater als sogenannter Gastarbeiter, „ganz klassisch“, sagt Fatma Polat. Die älteste, gerade geborene Tochter brachten sie mit, dann folgten in Deutschland fünf weitere Mädchen und ein Junge. Zuhause wurde türkisch gesprochen, „die Zweisprachigkeit kam erst durch die älteren Geschwister in die Familie. Nicht, weil die Eltern es wollten, sondern weil Deutsch als Umgebungssprache Überhand gewann.“

An der Sprache entlang ist das Thema der Integration in der Familie markiert, das der Identität war durch die kurdische Herkunft der Eltern gesetzt. Sie verhielten sich zurückhaltend, sprachen selten Kurdisch, in einer türkischen Community, in der diese Herkunft politisch heikel aufgeladen war. Dieses sprachliche und kulturelle Changieren zwischen den Welten, kurdisch, türkisch, schließlich deutsch, prägte die Identitäten der Kinder unterschiedlich: Auf der einen Seite jene, die Mehrzahl, die einen stärkeren Bezug zum Türkischen haben, der Kultur, der sie von außen, von den Deutschen, zugeordnet werden. Auf der anderen Seite Fatma, die trotz allem sehr vom Kurdischen beeinflusst ist, die an ihren Wurzeln hängt. „Das heißt nicht, dass ich das Türkische ablehnen oder verneinen würde. Ich denke nur mehr deutsch als türkisch und wenn ich in meine Kultur zurückfalle, dann ist es eher die kurdische als die türkische.“ Eine Vielfalt, in der Familie wie in der Gefühlswelt von Fatma Polat, die stellvertretend für Generationen von Zuwanderern steht und die wenig mit den simplen kulturellen Identitätsvorstellungen zu tun hat, über die allabendlich in den TV-Talkshows diskutiert wird.

Auch um diese geistige Enge aufzuweichen, hat Fatma Polat zusammen mit ihrem Mann den Kulturverein Arc-En-Ciel gegründet. „Ich wollte nicht mehr instrumentalisiert werden, von irgendwelchen Organisationen unter dem Deckmantel von religiösen, ideellen oder politischen Zwecken, ich wollte mich selbst und freigewählt engagieren; nicht jammern, sondern das Sprachrohr für eine vielfältige Gesellschaft sein.“ Ihr Mann riet ihr daraufhin: Wenn sie wirklich was erreichen wolle, emanzipiert, ohne dass sie in eine Schublade gesteckt werde, dann müsse sie was mit Sport machen. „Das war sein Satz“, sagt sie: „Sport ist neutral.“

Horizonte eröffnen, Sichtweisen verändern. „Wir erfinden keine Angebote, die gibt es ja schon in den Vereinen. Wir bauen Brücken, wir begeistern, um Menschen zu gewinnen, die sonst vielleicht nicht den Weg in den Verein finden würden“, sagt Fatma Polat. Es gehe darum, in den Köpfen etwas zu verändern. Beton sprengen. Auf beiden Seiten. „Jeder spricht aus einer seiner Erfahrung über Integration, sehr emotional, wie bei uns in der Familie. Ich habe durch das juristische Handwerk jedoch gelernt, nicht nur schwarzweiß, sondern auch grau zu sehen.“

Ihr eigener Lebensweg ist ein gutes Beispiel, für das was sie umtreibt. Sie habe keine klassische Diskriminierung erlebt. Im Gegenteil, sie bekam Chancen, hatte das Glück, von dem Menschen mit Zuwanderungsgeschichte öfter erzählen. Sei es die Grundschullehrerin, die sie an die Hand genommen und bestärkt hat, oder der Chef, der an sie glaubte und sie förderte. Schicksalhafte Begegnungen. Zufälle. „Das ich dieses Glück hatte, das ist für mich aber die eigentliche Diskriminierung, denn ob man es eine Chance bekommt oder nicht, sollte nicht davon abhängen, ob man die richtigen Menschen trifft.                                                                   

Strukturelle Diskriminierung nennt Fatma Polat das Problem. Eines, für das ihrer Ansicht nach auch die Medien und die werbungstreibenden Unternehmen Verantwortung tragen. Während auf Instagram längst eine alternative Welt existiere, in der selbstbewusst und eigenständig eine große Vielfalt zur Schau gestellt werde, vermittelten die klassischen Kanäle ein überkommenes Gesellschaftsbild. Es gebe weiterhin die Angstmacherei, die unterschwellige Manipulation. „Es wird suggeriert, dass Menschen wie wir die Integrationsverweigerer sind. Ich möchte dazu eine sachliche Diskussion. Aber ich sehe die aufnehmende Gesellschaft mehr in der Verantwortung. Der Zeigefinger muss runter“, sagt Fatma Polat – und muss dabei auch ein wenig lachen.

Ihr Traum? Eine Frau mit Kopftuch, die für Schokolade Werbung macht oder bei Maischberger sitzt, und nicht über Integration sprechen soll, sondern zum Beispiel über Tierschutz. Die Realität? Von der berichtet eine Freundin, die sich vierfach diskriminiert fühlt: als Frau, als Migrantin, als Muslima und als Kopftuchträgerin.

Und von der erzählt ihr 17-jähriger Sohn. Immer aufs Neue. Es enttäusche sie sehr, dass er mit den gleichen Problemen nach Hause komme, gegen die gleichen Vorbehalte kämpfen müsse wie sie einst. „Das ist mein Frust, dann möchte ich alles hinschmeißen. Wozu das alles, frage ich mich manchmal? Bin ich Don Quichotte?“ Noch habe sie aber Geduld, sagt sie, tröste sich mit dem Gedanken, dass es einfach mehr Zeit für gesellschaftliche Veränderungen brauche.

Nur eines möchte Fatma Polat nicht erleben: Dass ihr gerade vierjähriger Sohn und ihre dreijährige Tochter mit 17 immer noch dieselben Geschichten erzählen. Es wäre vielleicht der Moment, in dem auch eine starke und positiv gesinnte Frau wie Fatma Polat resignieren würde.

Text: Marcus Meyer

 

Wider das Schicksal

Wer immer auf Nikolina Orlović trifft, dürfte nach kurzer Zeit das Gefühl teilen, dass sich zwar nicht alles, aber doch erheblich mehr im Leben erreichen ließe, als man bislang für möglich gehalten hat. Das Schicksal fühlt sich in ihrer Gegenwart nicht mehr übermächtig an, eher so, dass man es am Kragen packen und mit Willen und Ausdauer in seine Richtung zwingen kann.

Nikolina Orlović, besser bekannt unter ihrem „Kampfnamen“ Nikki Adler, strahlt beim Kennenlernen nicht nur eine atemberaubende Zuversicht aus, sie vermittelt der Gesprächspartner*in auch ein Gefühl der Geborgenheit; alles Schlimme, alle Sorgen scheinen verbannt. Ihre Stimme trägt entscheidend zu diesem Eindruck bei, wie sie einen so freundlich umschmeichelt, und in ihrer Sanftheit der Schlagkraft der Fäuste bemerkenswert zuwiderläuft. Ein ehemaliger Trainer soll mal gesagt haben: „Nikki schlägt zu wie ein Pferd.“ Ein ziemlich schiefes Bild zwar, aber eines, dass eine klare Vorstellung von der Wucht ihres Auftritts im Ring vermittelt.

Dem Motto von Nikolina Orlović, „Wenn man stark ist, kann man alles erreichen“, lässt sich an nahezu allen Eckdaten ihrer Biografie nachspüren. Schon in jungen Jahren hat sie jeder und jedem erzählt, dass sie mal Boxweltmeisterin werden würde. Dafür erntete sie damals meist ein kurzes Schmunzeln, ein Kind halt, und Kinder haben solche Fantasien. Aber manche Kinder sind eben anders als andere. Und Nikki Adler ist definitiv von diesem anderen Schlage.

Schon früh spielte Sport eine wichtige Rolle in ihrem Leben, zunächst Fußball, dann Handball, mit 15 Jahren schließlich das Kickboxen, in dem sie aufgrund ihres Talents ruckzuck Erfolge feierte. Doch der Kampf mit den Beinen behagte ihr nicht und so stieg sie alsbald auf den reinen Faustkampf um. „Boxen, das war mein Ding, das habe ich sofort gespürt“, sagt sie. Sechs WM-Titel im Supermittelgewicht zählt die 32-Jährige mittlerweile, zwischendurch trug sie die Gürtel der vier wichtigsten Boxverbände. Um das für jene Menschen einzuordnen, denen der Sport nicht so vertraut ist; bei den Männern ist das nur einem gelungen: Muhammed Ali.  

Die Pandemie hat zwar auch das professionelle Boxen niedergestreckt, aber Nikolina Orlović ist nicht untätig geblieben. In Erfurt hat sie zwischenzeitlich beim Stadtsportbund als Fachkraft für Integration durch Sport gearbeitet, bot Boxkurse an, insbesondere für muslimische Frauen. „Das Boxen tut ihnen gut. Jede Frau spürt innerhalb kürzester Zeit, dass in ihnen die Kraft steckt, sich in ihrer neuen Heimat sprichwörtlich durchzukämpfen“, sagt sie.

Sie erzählt von einer Syrerin, deren Schicksal sie sehr bewegt hat. In ihrer Heimat ehedem als Ingenieurin tätig, lebte sie nun im Flüchtlingsheim, allein unter Männern. Sie besaß kaum Sprachkenntnisse, war einsam und hoffnungslos, ihr herzkranker Ehemann harrte in Syrien aus, weil die Papiere für die Einreise nach Deutschland fehlten. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. „Ich habe ihr gesagt, dass sie das Schicksal in die eigenen Hände nehmen muss. ‚Du kommst zum Training, gehst in die Schule und lernst die deutsche Sprache so gut es geht. Mach erstmal, dann wirst Du sehen, alles kommt von allein. Du kannst Dich hocharbeiten‘.“ Ein Ratschlag, denkt man, der nur bedingt hilfreich klingt, bei der verzweifelten Frau aber entfaltete er große Wirkung. Befördert durch diese Aura, diesen „Nikki Adler-Zauber“, der ihrer Persönlichkeit entspringt und der jegliche Verzweiflung auszuknocken vermag, und scheinbar Unüberwindliches auf Erdenmaß schrumpfen lässt. „Als ich sie nach einiger Zeit wieder traf“, sagt die Boxerin, „konnte sie die Formulare selbst ausfüllen und kannte sämtliche bürokratischen Abläufe.“

Die gebürtige Augsburgerin Nikolina Orlović, deren Eltern in den 1970er-Jahren aus der ehemaligen jugoslawischen Teilrepublik Kroatien nach Deutschland kamen, erzählt – so unglaublich es klingen mag –, dass sie nie Ausgrenzung oder Rassismus aufgrund ihrer Wurzeln erfahren habe. Erst durch ihre Arbeit mit Geflüchteten, werde sie mit den Themen konfrontiert, nehme sie die Dimensionen der Ungleichbehandlung aufgrund von Herkunft wahr.

Es gibt ein Versprechen, dass sie sich als Jugendliche gegeben hat: „Wenn ich eines Tages Weltmeisterin bin, baue ich eine Schule in Afrika.“ Und wir haben bereits gelernt: Versprechen, ob sich selbst oder anderen gegenüber, hält sie ein. Anfang 2020 eröffnete die Augsburgerin mit Unterstützung der Hugo Tempelman Stiftung die „Nikki Adler Boxing School“ im südafrikanischen Elandsdoorn, rund 200 Kilometer nordöstlich von Johannesburg. „Südafrika hat einer der höchsten Vergewaltigungsraten der Welt. Mir liegt am Herzen, die Frauen zu stärken, ihr Selbstbewusstsein zu fördern und ihnen zu zeigen, wie sie sich verteidigen können, sagt Adler.

Pandemiebedingt ruhte auch dieses Projekt in den vergangenen Monaten, aber Nikki Adler hofft sehr, es bald fortsetzen zu können. Klar ist: Die Lebensbedingungen vieler Frauen dürften sich eher verschlechtert haben, ihr Engagement damit dringender denn je machen. Um nicht tatenlos zu bleiben hat die Boxerin im heimischen Augsburg eine ähnliche Initiative gestartet. Sie hilft Frauen, die häusliche Gewalt erfahren haben, und hat sich dafür Unterstützung von ungewohnter Seite gesucht: bei einer Sozialpädagogin, die normalerweise nur die männlichen Täter betreut.

Trotz aller Aktivitäten und Projekte, irgendwo schien es Lücken im Terminkalender von Nikolina Orlović gegeben zu haben. Mit dem Fernstudium in Sportmanagement an der ESM Academy in Nürnberg gibt sie ihren vielen praktischen Erfahrungen nun noch ein theoretisches Fundament. Zu ihren Kommilitonen zählen unter anderem bekannte Fußballer wie Matthias Ginter, Sven Ulreich, Amin Younes oder Levin Öztunali.

Und das Boxen? Damit hat Nikki Adler keineswegs abgeschlossen. Ohne konkret zu werden, lässt sie erkennen, dass ihr Management an neuen Kämpfen arbeitet. Schließlich ist Boxen ja ihr „Ding“. Daran hat sich nichts geändert.    

 

Text: Marcus Meyer

Im Tritt bleiben

Ein früher Morgen in der letzten Augustwoche, die Sonne scheint, aber man kann nicht leugnen, dass das Ende des Sommers deutlich spürbar ist. Der Schatten, bester Freund aller Frankfurter*innen während der Backofenzeit hat seine Attraktivität in diesem Jahr früh eingebüßt, heute ist jede*r froh, dass die Strahlen ein bisschen wärmen. Fast jede*r zumindest. Wael Shueb kommt als einziger kurzärmelig zu den Fotoaufnahmen für die Kampagne „Wo ich herkomme? Vom Sport!“. Ihm scheint im Polohemd nicht zu frösteln.

Der 33-jährige Karateke, der aus dem hessischen Rödermark angereist ist, hat Grund genug, dass ihm warm ist. Hinter ihm liegen extreme, sehr aufregende und bewegende Wochen und Monate. Er gehörte bei den Olympischen Spielen in Tokio zum 29-köpfigen Refugee-Team des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Eine Mannschaft, die das IOC nach 2016 erst zum zweiten Mal aufgestellt hat und die Geflüchteten aus verschiedenen Ländern die Chance bot, am größten Sportevent teilzunehmen, unabhängig von der Krisensituation in ihren jeweiligen Heimatländern.

Die Olympiateilnahme ist eine große Ehre für Wael Shueb, keine Frage, und eine große Sache, die die Medien deutschlandweit sehr aufmerksam begleitet haben. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichtete, genauso wie die „taz“ und der „Deutschlandfunk“. „RTL“, das „ZDF“ und Eurosport sendeten Porträts, von den zahlreichen Artikeln in den Regionalmedien ganz zu schweigen. Und wenn immer das öffentliche Brennglas auf einen gerichtet ist, dann mag das zwar einerseits das Ego wärmen, andererseits aber zehrt es an den Kräften. Dazu kam die sportliche Vorbereitung unter Pandemie-Bedingungen, und die Verschiebung der Spiele um ein Jahr, die die Sache nicht leichter gemacht haben. Die bange Frage: Ob es am Ende für ihn reichen würde, unter den 50 für Tokio nominierten Kandidaten ausgewählt zu werden? Und so tritt an diesem Morgen nicht nur ein sehr sympathischer und freundlicher Sportler zum Fotoshooting an, sondern auch einer, dem sich ein leichter, gleichwohl erkennbarer Schatten von Müdigkeit aufs Gesicht gelegt hat.   

Wie sonst vielleicht nur seine Landsfrau und Teamkollegin, die Schwimmerin Yusra Mardini (die schon 2016 Teil des ersten Refugee-Teams war), ist Wael Shueb damit zum sportlichen Gesicht der syrischen Geflüchteten geworden, die 2015 und 2016 über den Balkan nach Deutschland kamen. Zwei Schicksale, zwei Geschichten, in der der Sport eine große Rolle spielt, der Wille aber letztlich vielleicht eine noch größere. „Ohne Unterstützung hätte ich es hier nicht geschafft. Ich habe die Chance bekommen, aber ich habe sie auch genutzt“, sagt Wael Shueb.

Wael Shuebs Weg ist geprägt von viel Eigeninitiative, Disziplin und Engagement: Schon im Flüchtlingsheim hat er übers Internet nach Deutschkursen gesucht, weil er nicht Monate auf einen freien Platz warten wollte. Er ging in die Schule, besuchte parallel einen Deutschkurs und absolvierte eine dreijährige Ausbildung als Fitness- und Sportkaufmann. Währenddessen trainierte er Kinder und Erwachsene in verschiedenen Vereinen, darunter auch Stützpunkteinrichtungen des Bundesprogramms. Zugleich konnte Wael Shueb in dieser Anfangszeit, als sein Deutsch nicht alltagstauglich und das neue Land, seine Regeln und seine Kultur noch sehr fremd waren, auf die Hilfe von vielen Menschen zählen. Menschen, die letztlich dazu beigetragen haben, den Traum von Olympia wahrwerden zu lassen.    

Sportlich war der Weg in Tokio für Wael Shueb schnell zu Ende, er schied bereits in der ersten Runde des Kata-Wettbewerbs aus. Emotional aber wird ihn die Reise nach Japan, in das Heimatland seiner Sportart, die Trainingseinheiten und der Wettkampf im Nippon Budōkan, dem Zentrum der japanischen Kampfkünste,vermutlich sein Leben lang begleiten. „Ich mache Karate, und ich bin in Japan angetreten. Das hat es besonders gemacht. Ich hatte vorher so viel über das Land gehört. Nun habe ich alles gesehen. Und ich kann sagen: Die Japaner sind einfach besonders.“

Karate soll Wael Shuebs Leben bleiben. „Ich habe gehört, dass man in Deutschland von Karate nicht leben kann, ohne nebenbei mit etwas anderem sein Geld zu verdienen. Ich aber möchte das schaffen.“ Hauptberuflich wohlgemerkt. „Ich habe die Idee schon im Kopf“, sagt er. Er macht Youtube-Videos, gibt online Training, verschickt per Email Tipps, wenn ihm Kunden Videos mit eigenen Übungen zusenden. Wie alles macht Wael Shueb auch das mit vollem Einsatz und mit aller Konsequenz. Allein während er Olympischen Spiele hat er täglich zehn bis 20 Stories auf Instagram gepostet. Rund 15.000 Follower zählt er auf der Social-Media-Plattform, fast 50.000 Abonnenten hat er auf Youtube. „Ich müsste noch mehr Marketing machen“, sagt er, „aber ich habe nicht so viel Zeit.“

Vielleicht kann er aber auch an anderer Stelle seiner Sportart treu bleiben. Es hat erste Gespräche mit dem IOC und auch dem nationalen Verband gegeben, ob er das Thema Karate auch in Zukunft weiter unterstützen könne. Denn in Paris 2024 wird die Sportart nicht mehr Teil des olympischen Programms sein. Und wer könnte eine wertvollere Hilfe sein, als jemand wie Wael Shueb, der Karate nicht allein lebt, sondern dem der Sport auch beim Weiterleben geholfen hat.

 

Text: Marcus Meyer

Ein weiter Weg

Auch Assan Jallow hat den Weg übers Meer nach Europa nehmen müssen. Nicht in einem Schlauchboot, wie es viele Menschen aus verschiedenen afrikanischen Ländern – oft vergeblich – versuchen, um Krieg, Unterdrückung, Armut oder einem perspektivlosen Leben zu entfliehen, sondern als blinder Passagier im Bauch eines Frachtschiffes; im Dunklen, zusammengekauert, ohne Wasser, ohne Nahrung, ohne Ahnung, wohin die Reise führt, wie lange sie dauert. „Es gab viele Momente, in denen ich dachte, hier komme ich nicht lebend raus“, sagt er. Als das Schiff schließlich in einem Hafen festmacht, weiß er nicht, dass er in Deutschland angelandet ist. Sein erster Weg führt ins Krankenhaus.

Gerade 18 Jahre alt ist Assan Jallow, als er 2011 verzweifelt von zuhause flieht. Vor seiner Familie, in der er es nicht mehr aushält, vernachlässigt wird, psychischer und physischer Gewalt ausgesetzt ist. „Viele Männer in Gambia haben viele Frauen, mein Vater hatte drei, von meiner Mutter war er getrennt. Die anderen Ehefrauen haben an ihre Kinder gedacht, nicht an mich.“

Nach seiner Regeneration und einigen Zwischenstationen landet er im badischen Kleinsteinbach, doch seine Chancen in Deutschland bleiben zu dürfen, stehen schlecht. Er geht zur Schule („Die ersten drei Monate hier haben mehr gebracht als sieben Jahre in Gambia“), lernt die Sprache und kämpft mit dem Dialekt („Ich habe in der Schule was gelernt, aber was zuhause gesprochen wurde, war etwas ganz anderes“), arbeitet als Praktikant im Pflegebereich. Sein Asylgesuch aber wird abgelehnt. Gambia ist kein Bürgerkriegsland.

Freunde und Bekannte stellen einen Härtefallantrag, sammeln online Unterschriften fürs Bleiberecht, 2.000 Unterstützer sind mindestens notwendig. Es wird eine weitere harte Prüfung für Assan Jallow, die Unsicherheit, ob er gehen muss oder bleiben kann, zieht sich über Monate. „Ich war jeden Tag verzweifelt, aber ich hatte meine deutsche Mutter“, das hat mir sehr geholfen, sagt er. Seine deutsche „Mutter“, das ist Jasmin Poslovski, die zusammen mit ihrem Mann Harald und ihren drei Kindern, den 20-Jährigen aus dem Asylheim holte, und zuhause aufgenommen hatte. „Jasmin und Harald haben alle Kinder gleichbehandelt, und alle begegnen sich untereinander mit Respekt, das habe ich vorher nie erlebt. Ich hatte das erste Mal eine richtige Familie.“ Und: „Sie haben mir gezeigt, wie man hier in Deutschland lebt, und wie man mit den Leuten umgeht.“

Die Online-Petition, die noch heute im Internet zu finden ist, erhält schließlich die notwendigen Unterstützer, führt zum Erfolg. Assan Jallow darf bleiben. Die Bedingung: Er muss eine Ausbildung beginnen und sie erfolgreich abschließen. Er bewirbt sich bei der Edelstahl Rosswag, einem mittelständischen Schmiedeunternehmen im badischen Pfinztal, und bekommt die Stelle. Im Unternehmen kann er auf große Unterstützung zählen, obwohl der kaufmännische Geschäftsführer sagt: „Es wurden uns viele Steine in den Weg gelegt, und wir waren mehrmals kurz davor, das Projekt abzubrechen. Eine kleinere Firma hätte den bürokratischen Aufwand wahrscheinlich gar nicht stemmen können.“ Doch er sagt auch noch was Anderes, was Schönes: „Es hat sich gelohnt.“

Die Zeit der Ausbildung ist trotzdem schwierig für Assan Jallow, er kämpft mit der Fachsprache, den Lehrinhalten, seinen Zweifeln, seinem Trauma. Die Flucht bereite ihm noch heute Probleme, sagt er. Er hatte keine Therapie, anfangs keine Leute, mit denen er sich über seine Erfahrungen unterhalten konnte. „Ich war sehr zurückgezogen, habe nicht über meine Ängste gesprochen. Mittlerweile weiß ich genau, wenn ich anrufen muss, wenn ich Probleme habe.“

Der 28-Jährige kann glücklicherweise auf eine Reihe von Menschen zählen, die ihn unterstützen. Eine Freundin, die bei der Wohnungssuche assistierte und den Vermieter überzeugte, Assan Jallow auch die Wohnung zu geben, ein pensioniertes Lehrerehepaar, das ihm half, die Sprache zu lernen. Mittlerweile hat sich seine Einstellung zum Beruf verändert: „Am Anfang“, sagt er, „dachte ich, ich muss das machen, um hierbleiben zu dürfen, dann habe ich gemerkt, ich brauche die Arbeit auch für mein Leben, meine Selbstständigkeit.“ Und er hat eine neue Rolle: die des Dolmetschers. Wenn Kollegen aus anderen Regionen Deutschlands Schwierigkeiten haben, den badischen Chef zu verstehen, dann übersetzt Assan Jallow.

Und natürlich kann er sich auf den ATSV Kleinsteinbach verlassen, seinen Fußballverein, dort wo alles begann, als er den Sohn seiner „Adoptiveltern“ kennenlernte und in dem ihm viele Vereinsmitglieder bei kleineren und größeren Problemen halfen. „Ich würde sagen, dass bei Assan der Begriff ‚Integration durch Sport‘ voll zutrifft. Er hat es durch sein eigenes Engagement, seine Zuverlässigkeit geschafft, bei allen anerkannt zu werden“, sagt Vereinskamerad Markus Eble in der Dokumentation „Keine Angst vorm Schwarzen Mann“, die der Filmemacher Walther L. Brähler über Assan Jallow gedreht hat, und in dem alle Unterstützer zu Wort kommen, auch der Geschäftsführer seines Arbeitgebers.  

Was die Dokumentation noch zeigt, dass für Assan Jallow Vorurteile und Rassismus ständige Lebensbegleiter waren und sind. Innerhalb des Sports, „es war anfangs schwierig, auch auf dem Sportplatz. Aber mittlerweile hat fast jede Mannschaft einen Schwarzen in der Mannschaft. Das macht rassistische Beleidigungen schwieriger“, wie außerhalb: „Immer wieder höre ich in öffentlichen Verkehrsmitteln oder in Clubs das N-Wort, oder, Ausländer, ihr nehmt und unsere Arbeit und unsere Frauen weg.“

Zurück bleibt, neben vielen Verletzungen, eine große Unsicherheit: „Manchmal hat man das Gefühl, Teil der Gesellschaft zu sein. Und dann hört man wieder von Menschen, Du gehörst hier nicht her.“

Im November 2021 wird Assan Jallow seine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Dann könnte er einen Antrag auf die deutsche Staatsbürgerschaft stellen. Sein Wunsch? Ein normales Leben führen“, sagt er.

 

Text: Marcus Meyer

Das richtige Programm

Das Gespräch beginnt mit einem ironischen Stirnrunzeln. Wie auch sonst soll Nisar Tahir auf die Frage reagieren, wie Cricket eigentlich funktioniere. Sie weiß schließlich aus Erfahrung, die Sportart in ihren ganzen Feinheiten zu erklären, dauert unter Umständen so lang wie das Spiel selbst: mindestens einige Stunden und manchmal auch ein paar Tage. Und am Ende schaut man gleichermaßen in erschöpfte wie ratlose Gesichter, sofern man sich dem Thema nur theoretisch nähert. „Man muss“, sagt sie, „das Spiel auf dem Platz erleben und sich dort die Regeln Schritt für Schritt aneignen.“ Allerdings ist Nisar Tahir ein sehr freundlicher Mensch und deshalb wischt sie nach kurzem Zögern ihre Vorbehalte beiseite und macht sich daran, dem unbedarften Zuhörer doch noch die Regelkunde dieses Nationalsports in den Commonwealth-Ländern näherzubringen. Im Crashkurs.   

Die 52-jährige Nisar Tahir ist eine interessante und intelligente Gesprächspartnerin, im Allgemeinen genauso wie im Konkreten, wenn man auf Cricket zu sprechen kommt. Dabei geht es nicht allein um die sportlichen Details und die Bedeutung, die diese Sportart in vielen Ländern besitzt, etwa in Pakistan, dem Land aus dem Sie und ihr Mann Muhammad stammen. Sondern vor allem um die Chancen, die der Sport für die Integration von Geflüchteten bietet. Sie weiß es aus eigener Erfahrung.

Als 2014 und 2015 die Menschen nach Deutschland kamen, darunter viele aus Afghanistan, da war es dieser populäre Sport, der den Bewohnern der Flüchtlingsheime in Bremen half, ihr Scheu und Zurückhaltung etwas abzulegen; in diesem fremden Land mit der fremden Sprache und der fremden Kultur. „Sie verstanden kein Wort Deutsch, aber das Wort „Cricket“ verstanden alle sofort, es war ihnen von zuhause vertraut“, sagt Nasir Tahir. „Der Sport war ein Stück Heimat für sie, damit konnten sie zeitweise ihr Elend vergessen.“

Die ersten Begegnungen waren wechselseitig eine neue Erfahrung, oder eher ein Kulturschock: Für Nisar Tahir, seit ihrem 13. Lebensjahr in Deutschland lebend, in diesen männerdominierten Sport einzutauchen, und für die durchweg männlichen Geflüchteten, eine Frau vor sich zu haben, die Ihnen selbstbewusst als Chefin der Abteilung den Weg wies. „Als ich mal unseren Trainer vertreten musste, standen sie vor mir und schauten alle betreten auf den Boden. Sie hatten gelernt, keine fremde Frau anzusehen, nur Mami und die Schwestern. Ich habe Sie dann gefragt, wie sie was lernen wollen, wenn sie mich nicht anschauen?“

Bei der Bekanntschaft mit der Sportart Cricket stand Nisar Tahir auch ein Mann zur Seite, ihr eigener: Muhammad. Er machte ihr das Schlagsportspiel schmackhaft. Theoretisch. Denn, so könnte man sagen, der 59-Jährige nähert sich der Welt, ihren Erscheinungen und Problemen eher philosophisch an. Man kann sich daher die beiden, die sich schon in der Schule in Pakistan kennenlernten, aber erst sehr viel später in Deutschland ein Paar wurden, unbedingt als Einheit vorstellen, emotional – und praktisch, wie eine ausgeklügelte Software (Muhammad) und eine leistungsstarke Hardware (Nisar). Ohne das eine funktioniert das andere nicht.

Als Muhammad 1991 nach Deutschland kam, da brachte er als einziges seine Approbation als Arzt mit und zehn Kilogramm Briefe, die er mit Nisar über all die Jahre ausgetauscht hat. Die Briefe halfen, Nisar von der Ernsthaftigkeit seiner Liebe zu überzeugen, die Approbation aber – so unglaublich es klingt – stellte sich als nutzlos heraus, sie wurde in Deutschland nicht anerkannt. Statt Menschen zu heilen, pflegte Muhammad sie nun, in einem Altersheim prüfte er Blutdruck und Puls und las einer pensionierten Lehrerin die Tageszeitung vor. „Sie interessierte sich für mich und meine Kultur, war einsam. Dadurch habe ich Deutsch gelernt“, sagt Muhammad Tahir.

2013 begann Nisar Tahir schließlich, sich intensiver mit Cricket zu beschäftigen und an der Oberschule Findorff eine Cricket-AG zu gründen. Schnell entwickelte sich daraus ein Vorzeigeprojekt, auf das auch der Deutsche Cricket-Verband aufmerksam wurde. Er unterstützte die Lehrerin beim Aufbau einer Mannschaft unter dem Dach der SG Findorff, der ersten Vereins-Cricket-Mannschaft in Bremen. Um ihrer Tätigkeit das theoretische Fundament zu geben, machte Nisar Tahir die Trainerlizenz – und was dann in schneller Abfolge passierte, klingt vor allem unglaublich: 2015 gewann das Team die Norddeutsche Meisterschaft, ein Jahr später bereits die erste Deutsche Meisterschaft, das Jahr darauf die zweite. So geht Erfolg. Theoretisch und praktisch.  

Mittlerweile ist die SG Findorff Stützpunktverein des Bundesprogramms „Integration durch Sport“, auch der Bremer Senat hat die Integrationsarbeit ausgezeichnet. Neue Zielgruppen zu erschließen klappe trotzdem nur bedingt, sagt Nisar Tahir: „Die Begeisterung in Bremen hält sich in Grenzen. Um die Sportart zu etablieren, müsste sie Teil des Sportunterrichts an den Schulen werden.“ Cricket käme zwar digital gut rüber, aber alles was auf dem Feld passiert, interessiere niemanden. Der Druck vom gesellschaftlichen Umfeld ist größer als der von der Familie. Am Ende spielten die Kinder Fußball, weil die Freunde auch Fußball spielen.

In die andere Richtung waren die Impulse indes sehr viel erfolgreicher. Von den 30 bis 40 Flüchtlingen, die damals bei der SG Findorff das Cricketspielen begannen, haben fast alle Berufsausbildungen gemacht und leben nun in ganz Deutschland. „Das alles hat Nisar geschafft“, sagt Muhammad Tahir. Und er selbst? Er gibt mittlerweile an anderer Stelle die richtigen Impulse: als Integrationsvermittler zwischen dem Landessportbund und der Bremer Stadtregierung. Genau der richtige Ort, in Anbetracht der oft fehlenden oder nicht richtig funktionierenden Software deutscher Regierungen, Behörden und Institutionen.   

 

Text: Marcus Meyer

 

Auf den Spuren ihrer Vorbilder

Ein sonniger Morgen in der deutschen Hauptstadt, ein Treffen mit einer Vertreterin der neuen, jungen, gern auch bunt genannten Republik. Oder persönlicher formuliert: Eine Begegnung mit Doha Taha Beydoun, deren familiäre Wurzeln im Libanon liegen und die Studentin des Gesundheitsmanagements und Trainerin im Verein Boxgirls Berlin e.V. ist. Die 20-Jährige hat sich auf unwiderstehlich freundliche Art gewünscht, dass man einen Ort in Berlins Mitte finde, und nicht irgendwo an den Rändern der Großstadt, die nach ihrem Verständnis allerdings bald jenseits von ihrem Zuhause in Tempelhof und ihres Vereins und der Arbeit in Kreuzberg beginnen. Sie mag die Ränder nicht so gern, zu fremd, vor allem aber möchte sie rechtzeitig zum Training erscheinen, denn pünktlich zu sein ist ihr sehr wichtig. Aber dazu später mehr.

Nun steht sie da, mit ihrer Sporttasche über der Schulter, groß, auffallend in der Erscheinung, in sich ruhend; aber auch etwas zögerlich im Auftreten, fast schüchtern. In dieser Beschreibung steckten viele Facetten ihrer Persönlichkeit, sagt sie später. „Ich war ein sehr ruhiges, zurückhaltendes Kind. Ich habe alles um mich herum ignoriert und zu allem geschwiegen, aber das Boxen hat mich verändert. Ich habe große innere Stärke gewonnen, bin selbstbewusster geworden. Jetzt sage ich: ‚Hey, hier bin ich, hier steh ich und bin offen‘.“    

An diesem Morgen, in einer Gruppe von unbekannten Menschen; Fotografen, Journalisten, Verbandsleute, lauter „Kartoffeln“, und bei einem Termin, von dem sie nicht weiß, wie er ablaufen wird, was sie erwartet, ist sie auf neuem Terrain, daher dauert es ein bisschen bis zum großen „Hallo“. Erst muss sie checken, was das für Besucher sind, wie sie eingeordnet wird.

Das Einordnen spielt eine große Rolle in Dohas Leben, denn sie trägt Kopftuch, aus Überzeugung. Das sorgt nahezu permanent für Aufmerksamkeit, und Ablehnung, im Alltag wie im Beruf, selbst in einer so multikulturellen Metropole wie Berlin. „Wenn ich mich bewerbe, ist der Ablauf des Gesprächs oft sehr ähnlich: Erst heißt es, oh wow, Hammer-Lebenslauf, was Du schon alles gemacht hast, und Boxerin und Trainerin bist Du auch noch.“ Doch dann wechsle das Thema meistens schnell und es gehe um das Kopftuch und ihre Einstellung. „Ich habe dann das Gefühl, mich extra erklären und beweisen zu müssen.“

Die Boxerin muss stets die geistige Enge beiseite räumen, den Klischees gegenüber einer kopftuchtragenden Muslimin begegnen, und mehr noch: denen gegenüber einer Frau. Da kommen Sprüche, ob ich mir klar sei, dass ich auch mit Männern arbeiten müsse. Oder Hinweise, wie ich mich anzuziehen habe beim Sport. „Ich erzähle dann, dass ich nichts gegen Männer habe, und dass ich kein Kleid beim Sport trage …; hey, ich meine, ich komme vom Sport, ich weiß, wie man sich anziehen muss.“

Sie zeigt Verständnis dafür, dass sie auf manche Menschen fremd wirken mag, „aber ein bisschen offener, ein paar weniger Vorurteile, das wäre schön“. Ermüdet sie dieser permanente Kampf gegen Stereotype? „Nein“, sagt sie, und das sehr klar: „Er stört mich.“

Doha erzählt von ihrer Halbschwester, die kein Kopftuch trägt und beim Besuch im Libanon dann die fremde Person sei und angeschaut werde, so wie sie selbst in Deutschland, mit Kopftuch. „Man lernt daraus, dass man immer irgendwo nicht akzeptiert wird. Jedes Land hat seine Besonderheiten. Aber wenn man das mischt, lernt man viel Neues kennen. Ich finde das auch schön.“

Und schon landet man bei der eingangs erwähnten Pünktlichkeit. „Ich habe auch ein Stück deutsche Kultur in mir“, sagt sie, und fügt der Pünktlichkeit noch andere vermeintliche Tugenden dieses Landes hinzu: Streng sei sie, perfektionistisch, die Arbeit sei ihr wichtig, überhaupt, als Frau zu arbeiten.

In der Zwischenzeit ist Doha aufgetaut und in Fahrt gekommen. Man spürt den Kampfgeist in ihr, die Kraft, die sie ausstrahlt, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und es sich nicht von anderen diktieren zu lassen. Wenn fremde Menschen sie erst kennengelernt hätten, erzählt sie, sagten sie oft, sie sei eine Frau, die gegen alle Vorurteile stehe. „Ich möchte selbst entscheiden, wie ich mein Leben gestalte, und wie ich mit meiner Religion umgehe, ohne dass es dieses Konservative ist. Eigenständigkeit, die ist mir wichtig.“ Sie sei die erste Frau in der Familie, die den Führerschein gemacht habe. Zuerst musste sie Mutter, Geschwister und die Freunde überall hinfahren. „Mittlerweile“, sagt sie und lacht, „passen sie sich an mich und meinen Zeitplan an.“

Wenn man Doha nach Vorbildern fragt, landet man wieder beim Boxen, beim Verein, und vor allem bei Linos Bitterling und Christina Ahrens. „Was die beiden alles gemacht haben, um Frauen zu fördern und zu unterstützen, das ist Wahnsinn. Da steckt so viel soziale Arbeit drin, sie sind Ansprechpartnerinnen für alle Probleme, egal ob persönlicher oder praktischer Art. Sie haben auch Zeina Nasser (Berliner und Deutsche Boxmeisterin im Federgewicht, Anm. die Redaktion) auf ihrem Weg unterstützt. Gemeinsam haben sie es geschafft, die internationalen Wettkampfregeln so zu ändern, dass Frauen im Hijab boxen dürfen“, sagt Doha Taha Beydoun.

 Und wer dabei in ihr Gesicht schaut, erkennt nicht allein diese große Offenheit, die sie auszeichnet, sondern begreift zugleich, was diese Errungenschaft für eine junge deutsche Frau mit Kopftuch und libanesischen Wurzeln bedeutet.    

Text: Marcus Meyer

 

Liebe auf den zweiten Blick

Seit Mohammed Bahaa Syrien verlassen hat, macht sich seine Mutter Sorgen um ihren Sohn. „Wann immer ich mit ihr telefoniere, sagt sie: ‚Mein Junge, ich bete für dich.‘“, erzählt der 34-Jährige. Als er nach seiner Flucht aus Syrien nach vielen Wochen und Monaten schließlich im Schleswig-Holsteinischen Eutin gelandet war, habe er deshalb zu seiner Mutter gesagt: Irgendwas an deinen Gebeten muss nicht in Ordnung sein, ich bin hier am Ende der Welt gelandet. So ein kleines Kaff.“

Man darf das nicht falsch interpretieren: Mohammed Bahaa möchte diese Anekdote keinesfalls als Kritik an seinem neuen Heimatort verstanden wissen, er fühle sich in Eutin wohl, werde freundlich behandelt, respektiert und überhaupt klappe es dort mit der Integration sehr gut, auch bei den anderen Geflüchteten. Aber Bahaa, wie er von seinen Freunden genannt wird, ist in Aleppo geboren, aufgewachsen und hat dort studiert. Eine Kulturhochburg, vielsprachig, multireligiös, quirlig, die vor dem Bürgerkrieg ungefähr so viele Einwohner zählte wie Hamburg, rund 1,8 Millionen, und die in einem Land gelegen ist, das als Wiege der Menschheit gilt. Eutins Melderegister hingegen umfasst nicht einmal 20.000 Einträge. Und selbst wenn die Stadt sich als kulturelles Zentrum der Region an der Holsteinischen Seenplatte preist: Man stößt wahrscheinlich niemanden mit der Feststellung vor dem Kopf, dass die beschauliche norddeutsche Kleinstadt und die einst pulsierende Metropole im Nahen Osten nicht nur rund 3.500 Kilometer voneinander trennen, sondern eigentlich Welten. Kulturschocks wirken eben in verschiedene Richtungen, auch von Ost nach West.  

Mal abgesehen davon, dass Geflüchtete sich in der Regel nicht aussuchen können, wo sie hingehen und leben wollen, sondern von den Behörden eine Stadt zugewiesen bekommen: Eigentlich war Deutschland überhaupt nicht das Ziel von Bahaa, als sich die Chance auftat, aus dem bürgerkriegszerstörten, gefährlichen und hoffnungslosen Heimatland zu fliehen, in dem bereits zwei seiner Brüder umgekommen waren. „Ich hatte Englisch studiert, und dachte daher, England sei das Beste für mich. Dann hätte ich nicht eine weitere Sprache lernen müssen“, sagt er und in der Art wie er es sagt, da glaubt man noch heute rauszuhören, dass die Bekanntschaft des syrischen Anglistikstudenten mit dem Deutschen eher keine Liebe auf den ersten Blick gewesen ist.

Seit seinem ersten Gedanken - Was sprechen die hier eigentlich, das klingt so komisch - sind mittlerweile sechs Jahre vergangen, und von der anfänglichen Abneigung, davon kann man sich nach wenigen Minuten Unterhaltung überzeugen, ist nichts mehr zu spüren. Bahaa bewegt sich nicht nur fließend in der deutschen Sprache, sondern kann seine Ausführungen je nach Bedarf auch mit feiner Ironie oder deftigem Zynismus unterlegen.   

Die Sprache ist Baahas Werkzeug, in seinem Studium der Pädagogik, das er im kommenden Jahr abschließen will, in den DAZ-Klassen (Deutsch als Zweitsprache) an der Kreisberufsschule Ostholstein, bei seinen zahlreichen ehrenamtlichen Aufgaben, und nicht zuletzt bei seiner Tätigkeit als Integrationslotse bei der BSG Eutin, einem Stützpunktverein des Bundesprogramms „Integration durch Sport“. Dort dolmetscht er, und bringt den Kindern und Jugendlichen die deutsche Sprache bei und das Schwimmen. Wobei letzteres immer etwas höhnisch klingt, bei einem Syrer, dessen Fluchtweg übers Mittelmeer führte.  

„Für uns Migranten“ sagt er, „ist es wichtig, dass wir uns engagieren, auch gut präsentieren.“ Er habe darauf gar nicht geachtet als er herkam, aber nach einiger Zeit sei ihm aufgefallen, wie viele Perspektiven sich in diesem Land bieten. Und dann sagt er einen Satz, den alle Politiker gern hören werden: „Hier kann man alles erreichen, was man will. Davon bin überzeugt.“ Und dann folgt noch einer für die gleiche Zielgruppe. „Die Politik läuft gut. Man hat hier seine Rechte“, sagt er, lacht und schiebt nach, „und seine Pflichten.“

Außer Bahaa hat es nur eine Schwester aus Syrien in ein anderes Land geschafft, nach Frankreich. Und sein älterer Bruder, der mithilfe von Bahaa den Weg nach Deutschland fand, allerdings just zu der Zeit ankam, als 2020 die Pandemie begann und das öffentliche Leben im Lockdown verschwand. „Es war traurig, es gab nichts, er kannte nur mich, lebte bei mir, durfte nicht raus. Keine Bekanntschaften, keine Möglichkeit deutsch zu sprechen. Okay, wir hatten uns lange nicht gesehen, aber ein, zwei Wochen, würden ja auch reichen“, sagt er – und man denkt an die Ironie. Mittlerweile hat der Bruder die Hürden genommen und arbeitet als Kraftfahrer für einen großen Konzern.

Bahaa hat die Weichen für seine Zukunft gestellt, einen Antrag auf Einbürgerung in seiner neuen Heimat eingereicht. Er hofft, dass er sie bald erhält, um zu reisen. Das war bisher nicht so wichtig, nur einmal hat er in den vergangenen sechs Jahren für ein paar Tage Urlaub gemacht, aber als sein Vater starb, da konnte er nicht zu der Beerdigung fahren, weil er kein Visum bekam. „Seinen Vater zu verlieren, das passiert einmal im Leben. Da will man dabei sein, und sei es nur für einen Tag oder eine Stunde.“

Und wie geht es weiter? „Ich hoffe auf mehr Struktur und etwas mehr Freizeit, wenn ich das Studium abgeschlossen habe. Ansonsten mache mir kein Gedanken wegen der Zukunft“, sagt er und zitiert eine syrische Lebensweisheit, die auch eine universelle ist: „Wenn sich eine Tür schließt, dann öffnen sich tausend andere.“

 

Text: Marcus Meyer