Wenn Herkunft keine Rolle spielt

Vereine aus dem Ilm-Kreis sind Teil des Programms „Integration durch Sport“ – und so funktioniert es

Quelle: Maria Hochberg (Thüringer Allgemeine/ Ilm-Kreis, 20. Januar 2024)
„Einfach spielen, trainieren und immer weiter machen.“ Quelle: Maria Hochberg (Thüringer Allgemeine/ Ilm-Kreis, 20. Januar 2024)

Quelle: Maria Hochberg (Thüringer Allgemeine/ Ilm-Kreis, 20. Januar 2024)

Ilm-Kreis. Ungeduldig sitzt Vova auf einer Bank in der Sporthalle der Ludwig-Bechstein-Schule in Arnstadt. Den Tischtennisschläger hat der elfjährige Junge schon in der Hand, nun braucht er noch einen Trainingspartner. Dann betritt der zehnjährige Hannes die Sporthalle. Freudig begrüßen sich die beiden Jungen, suchen sich eine freie Tischtennisplatte – und das Training kann beginnen.

Seit September 2023 spielt Vova in der Abteilung Tischtennis der SG Motor Arnstadt. Er und seine Mutter Juliia stammen aus der Ukraine und leben seit zwei Jahren in Deutschland. Tischtennis hat den Jungen schon immer interessiert. Anfangs spielte er an einer Platte im Park, dann wurde seine Mutter auf das Angebot der SG Motor aufmerksam. Sie ist einer von mehreren Vereinen im Ilm-Kreis, die sich über das Programm „Integration durch Sport“ für das Zusammenwachsen von Menschen verschiedener Kulturkreise einsetzen.

"Wir arbeiten eng mit Schulen und Kindergärten zusammen und haben circa 20 ukrainischen Kindern geholfen, sich in Geratal zu integrieren." (René Holtmann, SV 90 Geratal, Sektion Gewichtheben)

Die SG Motor Arnstadt ist seit 15 Jahren Teil des Programms: „Da in einigen Abteilungen Sportler mit Migrationshintergrund Sport treiben und über den Landessportbund die Fördermaßnahmen publiziert wurden, erschien es uns folgerichtig, diese Unterstützung in Anspruch zu nehmen und unsere Arbeit so zu fördern“, erklärt Vereinsvorsitzender Konrad Schreier. In allen Altersklassen sind Sportler mit Migrationshintergrund aktiv.

Auch der Ukrainer Max trainiert seit Herbst in der Abteilung Tischtennis und feiert zusammen mit Vova sportliche Erfolge: „Beide sind sehr talentiert und konnten den Ortsentscheid der Mini-Meisterschaften der Saison 2023/2024 für sich entscheiden. Sie blieben während des gesamten Turniers ungeschlagen“, freut sich Trainer Gunter Zöllich.

Seit 2016 ist auch der SV 90 Gräfenroda im Programm „Integration durch Sport“ aktiv: „Es hatte sich eine Vielzahl an Kindern aus verschiedenen Ländern während der Flüchtlingswelle im Verein angemeldet“, blickt René Holtmann von der Sektion Gewichtheben zurück. Das habe den Verein vor Herausforderungen gestellt, vor allem hinsichtlich der Sprachbarrieren als auch bei der Bereitstellung von Übungsmaterialien und Trainingskleidung. Durch „Integration durch Sport“ erhielt der Verein Unterstützung und konnte die Hürden erfolgreich bewältigen.

Vereinskameraden aus Pakistan, Lettland und Armenien

Aktuell trainieren laut Holtmann mehr als 35 Flüchtlingskinder, anerkannte Asylbewerber und andere Nichtdeutsche sowie deren Eltern mit großer Freude und Einsatzbereitschaft im Verein. Sie stammen unter anderem aus Polen, Russland, Lettland, Pakistan, Armenien, Tschechien und der Ukraine.

Auch der SV Aerobic Arnstadt steht laut Vereinsvorsitzender Sieglinde Krebs „für Gleichstellung und Integration im Sport“. Allerdings gehe es nicht nur um die Integration in das Vereinsleben, sondern auch um den „Ersteinstieg in die Gesellschaft“. Dass die Integrationsarbeit weit über den sportlichen Aspekt hinausgeht, bestätigt auch Holtmann: „Wir arbeiten eng mit Schulen und Kindergärten zusammen und haben circa 20 ukrainischen Kindern geholfen, sich in der Gemeinde Geratal zu integrieren.“ So habe der Verein die Familien zum Beispiel beim Ausfüllen von Formularen unterstützt.

"Das gemeinsame sportliche Ziel steht über der Frage der Herkunft, der Religion oder der Hautfarbe." (Konrad Schreier, Vorsitzender der SG Motor Arnstadt)

Als eine der größten Herausforderungen bei der Arbeit mit Menschen mit Migrationshintergrund geben die Vereine Sprachbarrieren an. Eine große Hilfe im Umgang mit den ukrainischen Kindern ist in der SG Motor Arnstadt Trainer Alexander Gretschko. Seit 2002 ist der gebürtige Russe eine feste Größe im Verein und fungiert als Vermittler und Bindeglied zwischen den Kulturen.

Zuwanderung als wechselseitigen Prozess verstehen

Grundsätzlich wünschen sich die Vereine mehr Anerkennung für ihre Integrationsarbeit: „Im Ehrenamt wird es immer schwieriger, engagierte Leute zu finden, die für die Sache ihre Freizeit opfern. Natürlich darf auch der finanzielle Aspekt nicht vernachlässigt werden. Vereinsarbeit kostet Geld. Daher ist es wichtig, dass die Förderung durch den Deutschen Olympischen Sportbund, den Landes- und Kreissportbund weiterhin stattfindet“, macht Schreier deutlich.

Auf die Bedeutung der finanziellen Unterstützung macht auch Holtmann aufmerksam: „Wir möchten unsere Arbeit natürlich weiterführen. Wir hoffen, dass wir auch weiterhin durch das Programm ‚Integration durch Sport‘ finanziell unterstützt werden. Ohne diese Unterstützung ist das, was wir alles erreicht haben, nicht dauerhaft möglich.“

Sport ist laut Holtmann „einer der wichtigsten Pfeiler, um mit der Integrationsarbeit zu beginnen, die Menschen kennenzulernen und darauf aufbauend festzustellen, wo Hilfebedarf besteht“. Dieser Ansicht ist auch Krebs: „Gelungene Integration bedeutet, sich einer Gemeinschaft zugehörig zu fühlen. Sie bedeutet die Entwicklung eines gemeinsamen Verständnisses, wie wir in der Gesellschaft zusammenleben. Zuwanderung kann deshalb nur als wechselseitiger Prozess gelingen.“ Auch für Schreier „dient der Sport hinsichtlich der Integration von Menschen mit Migrationshintergrund als Verbindungsstück. Das gemeinsame sportliche Ziel steht über der Frage der Herkunft, der Religion oder der Hautfarbe. Abseits der Hallen und des Feldes dient der Sport aber auch als Brücke, um sich kennenzulernen.“

Auch für den elfjährigen Vova ist das Training bei der SG Motor Arnstadt mehr als nur sportliche Betätigung. Er hat im Verein Freunde gefunden, kann auf eine starke Gemeinschaft zählen. Nun bereitet er sich auf den Kreisentscheid der Mini-Meisterschaften im März vor. Sein Credo: „Einfach spielen, trainieren und immer weiter machen.“

Mehr Infos zum Programm „Integration durch Sport“ gibt es unter: www.thueringen-sport.de/unsere-themen/integration-durch-sport

Quelle: Maria Hochberg (Thüringer Allgemeine/ Ilm-Kreis, 20. Januar 2024)


  • Quelle: Maria Hochberg (Thüringer Allgemeine/ Ilm-Kreis, 20. Januar 2024)
    „Einfach spielen, trainieren und immer weiter machen.“ Quelle: Maria Hochberg (Thüringer Allgemeine/ Ilm-Kreis, 20. Januar 2024)
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