Bunter Sport in Roth

In einer Interviewreihe zu ehrenamtlich Engagierten bei „Integration durch Sport“ werden in den nächsten Monaten Personen vorgestellt, die sich in herausragender Weise für die integrative Arbeit in Sportvereinen engagieren. Sie setzen sich für die Integration von Menschen mit Migrations- oder Fluchterfahrung in den Sport und in die Gesellschaft ein – und profitieren dabei häufig von ihrer eigenen Lebensgeschichte.

Ballsport in der SpVgg Roth. Foto: Bunter Sport
Ballsport in der SpVgg Roth. Foto: Bunter Sport

Andreas Dobler, seit 2014 Abteilungsleiter Basketball in der SpVgg Roth, hat im Verein das Projekt „Bunter Sport“ ins Leben gerufen und freut sich besonders über den Erfolg, mit Hussam Ali Shalash (33 Jahre) und Omar Abou Hamda (21 Jahre) zwei Geflüchtete als Trainerassistenten für die Sportgruppen mit Geflüchteten gewonnen zu haben.

Seit 2016 ist die SpVgg Roth Stützpunktverein im Programm „Integration durch Sport“ (IDS), darüber hinaus ist sie „Asylstützpunkt“ sowie „Stützpunkt Schulsport“ im Bayerischen Basketballverband (BBV).

IDS: Andreas, was ist „Bunter Sport“ genau?

Andreas: Als vor drei Jahren die erste Gemeinschaftsunterkunft in Roth mit Familien und vielen Kindern eröffnete, wollten wir mit dem Sportverein ein Willkommenzeichen setzen. Schon nach einer Woche gab es einen offenen Sporttreff im Freien für Kinder und Jugendliche. Im Laufe der Zeit wuchs die Teilnehmerzahl auf drei Gruppen an. Parallel entwickelte sich die Idee, unsere Erfahrungen weiterzugeben, eine Anlaufstelle für andere Sportvereine und gleichzeitig eine Eingewöhnungsstelle für Geflüchtete zu sein. Aus der Idee wurde Wirklichkeit und so haben wir heute das Projekt „Bunter Sport“ mit einer hauptamtlichen Koordinierungsstelle, einem FSJler und einer Minijobberin, die unsere offenen Sportangebote für Geflüchtete organisieren und diese dann bei Interesse an die drei Sportvereine in Roth weitervermitteln. Darüber hinaus stehen wir allen Sportvereinen mit Rat und Tat zur Seite, die schon mit Geflüchteten arbeiten oder dies in Zukunft tun möchten.

IDS: Ihr seid ja ein Basketballverein. Sind denn alle Geflüchteten, die zu euch kommen, auch an Basketball interessiert?

Andreas: Das wäre schön (lacht). Nein, nein, in den offenen Sporttreffs werden alle möglichen Sportarten betrieben und es geht sehr altersgerecht zu. Hier finden wir erst einmal heraus, wer welche Interessen hat und was gut kann. Darauf aufbauend suchen wir dann eben ein passendes dauerhaftes Sportangebot für die Kinder, Jugendlichen und jungen Männer.

IDS: Was möchte der Verein mit „Bunter Sport“ erreichen?

Andreas: Wir möchten den Menschen das Ankommen in Deutschland, in Roth, in unserer Gesellschaft erleichtern, ihnen einen Ort zur sportlichen Orientierung und Eingewöhnung geben, ihr ehrenamtliches Engagement fördern und die Begegnung zwischen Geflüchteten und Einheimischen erleichtern. Darüber hinaus geschieht das alles in strukturierter Form, wir halten unsere Erkenntnisse fest und vermitteln sie weiter an andere Vereine. Von unseren Erfahrungen sollen alle profitieren, die sich für ein Engagement für Geflüchtete interessieren. Das Besondere am Projekt „Bunter Sport“ ist die Kombination aus Koordinierungsstelle für Geflüchtete und Beratungsstelle für Sportvereine.

IDS: Treffen sich die SportlerInnen eures Vereins auch jenseits des Trainings?

Andreas: Auf jeden Fall! Bei unseren Camps, „Basketball Barbecues“ oder der Triathlonveranstaltung treffen alle SportlerInnen bei uns regelmäßig aufeinander, helfen mit und lernen sich so gegenseitig besser kennen. Persönlicher Kontakt trägt zum Abbau von Vorurteilen und Ängsten bei – und das auf beiden Seiten.

IDS: Was ist dein bisheriges Fazit in der Arbeit mit Geflüchteten?

Andreas: Diese Frage muss ein wenig differenzierter betrachtet werden. Mit jungen Männern und Kindern habe ich bisher nur gute Erfahrungen gemacht. Sie sind interessiert, engagiert, kommen regelmäßig zum Training oder engagieren sich sogar selbst ehrenamtlich. Muslimische Frauen sind hingegen etwas schwerer mit unseren Sportangeboten zu erreichen. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Sie sind bisher mit Sport wenig in Kontakt gekommen, kennen das Konzept eines Sportvereins nicht und/oder sind häufig mit der Kinderbetreuung beschäftigt und können daher an keinem regelmäßigen Angebot teilnehmen. Ein wenig schwierig kann es auch in organisatorischer Hinsicht mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen (UMFs) sein.

Eine Herausforderung ist es außerdem für alle Beteiligten, wenn Entscheidungen über das Asylrecht sich Monate hinauszögern und die Betreffenden mit dieser Ungewissheit leben müssen. Richtig schlimm wird es für alle, wenn einzelne Teilnehmende plötzlich abgeschoben werden und von einem auf den anderen Tag nicht mehr zum Training kommen. Diese Erlebnisse müssen die Trainer auch in der Gruppe auffangen und aufarbeiten.

Grundsätzlich wollen und können wir für alle Brücken bauen – zwischen den Geflüchteten, die zu uns als erste Anlaufstelle kommen und anderen Sportvereinen, in die wir sie vermitteln und wo sie dann ihre sportliche Heimat finden.

IDS: Erhaltet ihr viele Anfragen von Sportvereinen, die von euch beraten werden wollen?

Andreas: Mittlerweile erhalten wir Anfragen aus dem ganzen Bundesgebiet. Wir bieten Einzelfallberatung, aber auch interkulturelle Coachings an.

IDS: Welche Tipps gebt ihr Sportvereinen, die Angebote für Geflüchtete einrichten möchten?

Andreas: Plant ein Verein ein Angebot für Geflüchtete, sind die wichtigsten Punkte aus unserer Sicht:

-        Bedarfsermittlung: Welche Sportarten werden nachgefragt?  

-        Was will der Verein anbieten? Was gibt es schon?

-        Überzeugen und mitnehmen des gesamten Vereins: Die treibenden Kräfte im Verein müssen von der Idee überzeugt sein, das Projekt darf nicht nur von einzelnen getragen sein

-        Netzwerkarbeit und Erfahrungsaustausch: Zusammenarbeit mit Sozialdienst Helferkreisen, Asylcafés und anderen Sportvereinen

-        Wo und wann kann ich den Sport stattfinden lassen? In der Halle oder draußen? Zwischen Schul- und Vereinssport am Nachmittag?

-        Welcher Trainer will und kann das Angebot übernehmen? Gibt es z.B. Trainerinnen und Trainer, die nicht in Vollzeit arbeiten oder die nachmittags zeitlichen Spielraum haben?

-        Gibt es weibliche Trainerinnen (mit MH), um ein starkes weibliches Vorbild für Mädchen und Frauen zu schaffen?

IDS: Gibt es aktuell so etwas wie ein Highlight in der Arbeit mit Geflüchteten für dich?

Andreas: Was mich immer wieder begeistert und antreibt, ist die Freude der Kinder zu erleben, die bei uns in den Sport kommen. Über sie erreichen wir auch ihre Familien, die zu allen Spielen der U18 kommen. Und was mich natürlich besonders freut, ist das ehrenamtliche Engagement von Hussam und Omar, die seit diesem Jahr bei uns als Assistenztrainer tätig sind.

 

Hussam Ali Shalash (34) kommt aus Basra, Irak. Sein Asylverfahren ist noch nicht abgeschlossen. Seit Anfang 2016 engagiert er sich ehrenamtlich in der SpVgg Roth. Seit Februar 2017 arbeitet er auf Vermittlung des Sportvereins bei einer Firma in Büchenbach als Produktionshelfer.

Omar Abou Hamda (21 Jahre) ist anerkannter Flüchtling aus Damaskus, Syrien. Er studierte in seiner Heimat Architektur und macht aktuell ein Schnuppersemester an der Universität Erlangen. Nebenher hat er einen Minijob an einer Tankstelle.

Beide begleiten Sportcamps für Jungen und Mädchen der SpVgg Roth und unterstützen als Assistenztrainer die Sportangebote für Geflüchtete im Verein. Sie besuchten mehrere interkulturelle Schulungen und werden im nächsten Jahr die Basketball-ÜL-C-Lizenz abschließen (gefördert vom BBV). Sehr hilfreich für ihr Engagement ist, dass sie fließend Arabisch und gut Deutsch sprechen und so auch als Übersetzer für arabischsprachige Geflüchtete dienen können.

IDS: Welche Sportarten betreibt ihr selbst aktiv?

Omar: Wir spielen beide aktiv Basketball. Hussam spielt außerdem auch noch Fußball.

IDS: Und welche Sportarten unterrichtet ihr als Trainerassistenten?

Hussam: Ich leite ein offenes Fußballtraining für Geflüchtete und Deutsche. Ursprünglich gab es ein extra Angebot für Geflüchtete, mittlerweile wurde es mit den anderen Sportgruppen des Vereins zusammengelegt. Omar und ich sind außerdem beide als Assistenztrainer in Basketballmannschaften des Vereins tätig.

IDS: Welche schönen Erlebnisse hattet ihr während eures Engagements für die SpVgg Roth?

Omar: Für mich ist es einfach toll, als Assistenztrainer eingesetzt zu werden und den Trainer zu unterstützen. Der Verein hat mich seit Beginn so sehr unterstützt – dies ist für mich eine Möglichkeit, etwas zurück zu geben und auch andere auf ihrem Weg zu begleiten.

Hussam (ergänzt): Die Erfahrungen, die wir beim Training gewinnen, sind wirklich umfassend. Eine Gruppe anzuleiten, sie dabei zu unterstützen, immer besser zu werden, ist eine große Verantwortung, die wir beide sehr gerne tragen. Ich ziehe daraus auch viel positive Bestärkung für meine persönliche Entwicklung außerhalb des Sports. Darüber hinaus macht es einfach Spaß, mit Kindern Basketball zu spielen und ihnen den Sport spielerisch näher zu bringen.

IDS: Wenn ihr einen Wunsch frei hättet, was wäre das?

Hussam: Ich wünsche mir sehr, dass aus meinen Spielerinnen und Spielern einmal richtig gute Basketballer werden. Und dass ich auch ein wenig dafür verantwortlich sein darf (lacht). Und ich wünsche mir natürlich, auch weiterhin mit Omar, Andreas und den anderen Vereinsvertretern, Trainern und Spielern so vertrauensvoll zusammenzuarbeiten.

Text: Laura Verweyen/IDS


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