Die ganze Vielfalt des deutschen Vereinssports

In Hamburg haben die Sportvereine gute Erfahrungen mit der Integration Geflüchteter gemacht. In der ganzen Stadt gibt es Angebote, Projekte, Ferienfreizeiten. Inzwischen sind Geflüchtete im normalen Spielbetrieb etwa beim Fußball zur Alltäglichkeit geworden. Der nächste Schritt für die Klubs ist, aus den Zugewanderten Mitglieder und dann engagierte Ehrenamtler zu machen – in einigen Vereinen hat das schon geklappt.

Cordula Radtke, Vereinsvorsitzende des 1. FFC Elbinsel Wilhelmsburg, im Kreis ihrer E-Junioren-Fußballerinnen
Cordula Radtke, Vereinsvorsitzende des 1. FFC Elbinsel Wilhelmsburg, im Kreis ihrer E-Junioren-Fußballerinnen

Mit dem Schachbrett unter dem Arm in die Flüchtlingsunterkunft nach Lurup. Bälle, Seile und Stelzen eingepackt, und auf geht’s in die Wohncontainer nach Fischbek. Boxhandschuhe ausgeteilt, Pratzen übergestreift, Sandsäcke aufgehängt: alle fertig zum Faustkampf für Flüchtlinge beim BC Hanseat im Stadtteil St. Pauli? Wie wäre es mit Stand up Paddling auf der Alster? Faustball vielleicht? Tischtennis? Da ist sehr viel mehr zu entdecken als Fußball!

Die ganze Vielfalt des deutschen Vereinssports eröffnet sich den seit Anfang 2015 geflüchteten Menschen, die nach Hamburg gekommen sind. 75 Maßnahmen hat der Hamburger Sportbund (HSB) im Rahmen des Projekts „Willkommen im Sport“ zwischen Oktober 2015 und Dezember vergangenen Jahres ins Leben gerufen; 42 Vereine haben sie 2016 umgesetzt – und zwar zusätzlich zu den Stützpunktvereinen im HSB, die sich ja ohnehin um Menschen mit Migrationshintergrund und Geflüchtete „kümmern“.

Wer sich in der Hamburger Vereinslandschaft von Wilhelmsburg bis Eidelstedt, von Lurup bis Farmsen umgesehen hat, stellt ein erstaunlich simples Erfolgsmodell in der Arbeit mit Geflüchteten fest: wer ohnehin fest verankert und seit langem mit Migranten Sport treibt, den haut es nicht um, wenn noch Geflüchtete hinzukommen – oder wie es Waldemar Sidorow von der Box-Akademie Hamburg e.V. sagte: „Bevor die Flüchtlinge kamen, hatten wir 95 Prozent Migranten im Verein. Jetzt sind es vielleicht 98 Prozent. Wen sollte das stören?“

Es gibt weitere Hinweise, wie man Menschen sportlich eingliedern kann, die sich hier fremd fühlen oder gefühlt haben: man sollte ihren Sportbedarf erfragen, um Angebote passgenau zu erstellen, die auch nach ein paar Wochen noch interessant sind. Dabei findet fast alles seinen Platz. Die Tischtennisangebote des SC Condor im Hamburger Osten sind gerade bei geflüchteten Kindern und Jugendlichen beliebt. Und der Eimsbüttler Turnverband (ETV) hat seine darbende Faustballsparte durch neue Sportler aus Syrien „gerettet“. Es kommt eben darauf an, welche Geflüchteten man bei sich hat.

Es hilft, Kontaktpersonen in die Unterkünfte zu entsenden, die wenigstens eine der dortigen Sprachen sprechen. Deshalb hat sich das Botschafter-System des HSB so bewährt. Wer selbst, wie Hasib Aziz, aus Kabul geflohen ist, findet leichter einen Zugang zu Afghanen in den Unterkünften. Aziz hat als Botschafter des Sports für den Großverein SV Eidelstedt gearbeitet. Er kannte die Umgebung, nahm Erwachsene und Kinder an die Hand, brachte sie zu den Sporteinrichtungen. Ein verantwortungsvoller Job, der ihn wachsen ließ. Andere, wie Valentin Azi, ein humorvoller Familienvater mit Wurzeln in Kamerun, kannte viele Jugendliche im Raum Bergedorf aus Einrichtungen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Er wusste, was sie wollten – und schuf ihnen gemeinsam mit Mitstreitern eine Fußballmannschaft beim SV Nettelnburg/Allermöhe (SVN/A). Dem SV N/A ist wichtig, keine reinen Flüchtlingsmannschaften zu bilden. Nach ein paar Wochen werden die Spieler auf bestehende Teams aufgeteilt.

Azi und andere aktive Flüchtlingsbegleiter berichten, dass es hilft, sich von einigen deutschen Tugenden zumindest ein Stückchen zu verabschieden. Vitalij Schmidt, der Integrationsbeauftragte bei der Hausbruch-Neugrabener Turnerschaft (HNT), sagt: „Wir wollten Flüchtlinge am Sammelpunkt in der Unterkunft treffen und danach zum Sport fahren. Zur vereinbarten Zeit um 16.30 Uhr waren zwei da. Ich habe einfach gewartet. Um 16.50 Uhr waren es 20. Das ist vielleicht eine Sache, die wir Deutsche nicht verstehen. Wir sind pünktlich. Sie sind spontan.“

Längst sind Geflüchtete, die seit Anfang 2015 als Fremde nach Hamburg und in seine Sportvereine kamen, hier heimisch geworden und haben auch schon Ehrenämter als Übungsleiter übernommen. Dabei ist vielen Vereinsvertretern der gleichberechtigte Zugang wichtig, nicht die Haltung „wir sind die Helfer und euch wird geholfen“: Stellvertretend für diesen Ansatz sagt Doris Leon, die „Botschafterin des Sports“ im Hamburger Verein „Goldbekhaus“ in Winterhude: „Ich versuche ihnen klarzumachen, dass wir etwas gemeinsam schaffen. Ich bin nicht der Helfer und sie die Opfer. Nein, wir tun uns zusammen, um gemeinsam einen Schritt nach vorn zu gehen.“ Viele weitere Schritte sollen folgen.

Sie können Berichte zur Arbeit der Hamburger Stützpunktvereine und Interviews mit den Botschafterinnen und Botschaftern des Sports hier nachlesen: www.hamburger-sportbund.de/node/2266

Text: Frank Heike

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  • Cordula Radtke, Vereinsvorsitzende des 1. FFC Elbinsel Wilhelmsburg, im Kreis ihrer E-Junioren-Fußballerinnen
    Cordula Radtke, Vereinsvorsitzende des 1. FFC Elbinsel Wilhelmsburg, im Kreis ihrer E-Junioren-Fußballerinnen
    Foto: Frank Molter

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