„Gymnastics“ heißt nicht „Gymnastik“

Manchmal ist es nur ein einziges falsch verstandenes Wort, das für viel Frustration sorgen kann. Diese Erfahrung machte Geräteturner Mohamad Khier Ashour (32) aus dem syrischen Damaskus, bevor er 2015 den Weg zum TV Hersfeld 1848 fand.

Inzwischen trainiert Mohamad Khier Ashour eigenverantwortlich die Jungs des TV Hersfeld 1848. Foto: Koenig
Inzwischen trainiert Mohamad Khier Ashour eigenverantwortlich die Jungs des TV Hersfeld 1848. Foto: Koenig

Dort in der Vereinshalle steht er nun als Trainer, während die Jungs schon einmal die Geräte und Matten in Position bringen. „Die Jahnhalle ist meine neue Heimat“, bringt der ehemalige Turner der syrischen Nationalmannschaft die Erlebnisse der letzten vier Jahre auf den Punkt. Nach Deutschland gekommen war er Ende 2014. Über die Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen ging es erst einmal nach Bebra und dann Ende 2015 nach Bad Hersfeld.

„Ich habe immer gefragt, wie komme ich hier zum Sport.“

Denn ohne Deutschkenntnisse, in einem fremden Land zum Nichtstun verurteilt, war es auch die andere Kultur und Mentalität, die dem jungen Syrer zu schaffen machte. Schnell erkannte er, dass er Anschluss am besten über die Vereine finden würde. Aber, das war gar nicht so einfach - jedenfalls, so lange seine Gesprächspartner fälschlicherweise annahmen, dass er ein Fitnessstudio und nicht einen Turnverein suchte. Es war dann eine Lehrerin in einem Deutschkurs die das Missverständnis ausräumte. „Sie verstand nicht nur, was ich wollte, sondern ihre Tochter turnt auch hier im Verein“, erzählt Ashour. So ergab sich der Kontakt zu dem Trainerteam um Katja Kraushaar, Sabrina Laudt, Christine Nuhn und Uwe Pfisterer.

„Unser Verein liegt nicht nur geografisch zwischen den Leistungszentren in Fulda und Kassel“, erzählt Katja Kraushaar. „Das heißt wir machen schon Breitensport, aber mit einem Leistungsgedanken“ - der Anspruch geht also ganz klar nach Oben. Und dabei stößt das weiblich dominierte Trainerteam manchmal an seine körperlichen Grenzen. „Unsere Turnerinnen sind zum Teil 1,75 Meter groß, die dann mit meinen 1,69 hoch zudrücken, ist nicht immer ganz einfach.“ Der Bedarf an zusätzlicher männlicher Unterstützung war also durchaus gegeben. Aber Turnen ist ganz stark auch Vertrauenssache: „Es gibt viel körperlichen Kontakt, man fasst die Turner oft an“, betont Kraushaar. So verging auch eine gewisse Zeit zwischen dem ersten Hereinkommen und dem sympathisch finden bis zur Leitung der eigenen Trainingsgruppe.

Fachkompetenz als Einstieg

Die fachlichen Voraussetzungen brachte Mohamad Ashour von Anfang an mit: Mit fünf Jahren hatte er in Damaskus mit dem Geräteturnen angefangen. Angeleitet von russischen und aus weiteren osteuropäischen Ländern stammenden Trainern wurde er Mitglied der syrischen Nationalmannschaft. „Er hat ein großes Fachwissen“, bestätigt Kraushaar. Am Anfang war es allerdings nicht immer einfach, gleich die passende Übersetzung für die Fachbegriffe parat zu haben. „Wie heißt das auf Deutsch?“ lautete daher eine häufig gestellte Frage. Eine Herausforderung, mit der der TV Hersfeld aber Erfahrung hat. „Mit Integration kennen wir uns aus. Hier werden mindestens drei verschiedene Sprachen gesprochen“, lautet die selbstbewusste Auskunft. So lernte eine aus Spanien stammende Turnerin, die vorher kein Wort Deutsch sprach, die Sprache innerhalb eines Jahres.

Das in einem im Breitensport verankerten Verein, die Uhren dann doch ein bisschen anders ticken als in der syrischen Nationalmannschaft, daran gewöhnte sich Ashour schnell: "Teamfähigkeit, Sicherheit und Spaß sind hier ganz wichtig“, weiß er. Waren die osteuropäischen Trainer zum Teil wenig zimperlich und sorgten mit kräftigem Drücken auch mal dafür, dass die Kinder stark dehnten, geht es beim TV Hersfeld wesentlich behutsamer zu. „Starkes Dehnen machen wir nicht“, betont Trainerin Sabrina Laudt. Was auch daran liegt, dass man mögliche Beschwerden von Eltern vermeiden möchte. Und natürlich geht in Deutschland nichts ohne Lizenz. Die konnte der junge Syrer aber aufgrund bestehender nachweisbarer Qualifikationen relativ einfach im Rahmen einer Online-Prüfung nachholen. Inzwischen ist auch eine Kampfrichterausbildung dazugekommen, was für den Verein eine nicht geringe Entlastung darstellt. Neben dem großen Fachwissen schätzt Sabrina Laudt an Mohamad seine Kochkünste. Vor allem die von ihm gebackenen Süßigkeiten erfreuen sich großer Beliebtheit: „Die hast Du aber schon lange nicht mehr gemacht“, lautet die scherzhafte Ermahnung.

Sprache als Schlüssel zur Integration

Eine große Rolle bei der Integration spielt daher auch der private Kontakt jenseits der Jahnhalle. Denn inzwischen lebt auch Mohamads Familie in Bad Hersfeld. Dazu zählen neben den Eltern vier Schwestern und ein Bruder. Und die hatten, wie viele andere auch, mit der Sprachbarriere sowie der Anerkennung von Schul- und Studiumsabschlüssen zu kämpfen. Eine große Hilfe war da Karin Simon. Die ehemalige Aktive des TV lebt jetzt zwar größtenteils in Frankreich, ist aber immer wieder auf Heimaturlaub in der Gegend. „Sie kennt unheimlich viele Leute“, weiß Katja Kraushaar. Karin Simon war es auch, die Mohamad ermahnte, noch mehr Deutsch zu lernen. „Das ist alles schön und gut. Aber das muss noch besser werden“, lautete der Tenor. Ein Ratschlag, den er bereitwillig akzeptierte. Entsprechend gut ist inzwischen sein Deutsch.

Manche kurzfristige Ratlosigkeit ergibt sich daher weniger aus mangelnden Sprachkenntnissen: „Wir sind hier vor allem Frauen und reden manchmal viel. Er steht dann still daneben“, erzählt Katja Kraushaar mit einem Lachen. In jedem Fall ist inzwischen aber das Vertrauen da: „Gerade die älteren Turnerinnen waren anfangs eher distanziert, während die Kleinen ihn sofort mit offenen Armen begrüßt haben“, lautete die Beobachtung. „Das hat sich inzwischen aber geändert.“
Und wie soll es in Zukunft weitergehen? Neben einem bereits zugesagten betriebswissenschaftlichen Studium an der Uni in Kassel gibt es auch ein sportliches Ziel: „Wir wollen in die Bundesliga!“


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    Inzwischen trainiert Mohamad Khier Ashour eigenverantwortlich die Jungs des TV Hersfeld 1848. Foto: Koenig

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