Seminar in Bad Malente „Fit für die Vielfalt: Sport interkulturell“

Fortbildung „Fit für die Vielfalt: Sport interkulturell“ mit Yelena und Viktor im Sport- und Bildungszentrum Bad Malente vom 24.5. bis 26.5.2019. Am Freitag ab 17 Uhr trafen bei schönstem Wetter nicht nur die Teilnehmer dieses Kurses im Sport- und Bildungszentrum ein. Auch zur Reha-Ausbildung und zur Fußballschulung kamen viele Interessierte und der Speisesaal, in dem wir uns um 18 Uhr versammelten, war gut gefüllt. Hier begrüßte ich Karsten (Lübbe) und sagte, ich sei gespannt, was uns erwarte. Seine Erwiderung überraschte mich – er dürfe nichts sagen.

Des Rätsels Lösung sollte sich dann bald nach dem Abendessen zeigen: An der Seminartür klebte das Schild ‚WARTEN‘ und Karsten informierte uns, wir dürften nur einzeln eintreten und nicht mehr sprechen.

Als Erste eingetreten, forderte mich ein STOP-Schild auf, stehenzubleiben. Auf einem weiteren las ich, ich möge meine Schuhe ausziehen – wofür DAS wohl sein soll, dachte ich mir. Des Weiteren las ich drei Fragen, die auf im Raum verteilten Postern zu beantworten seien. Anschließend könne man sich einen Platz suchen. Letzteres stellte sich für mich als unerwartet irritierend heraus. Schuhe ausgezogen begab ich mich gleich in den Raum und betrachtete die scheinbar willkürlich platzierten Stühle, auf deren Rückenlehnen entweder ein Name oder ein Zeichen, Smiley angeheftet war. Mein Name fehlte – wirklich? Da steckt doch was dahinter, aber was? Ich ging zwei Mal zwischen allen Stühlen hindurch, als ich mich plötzlich an die Fragen erinnerte und sie dann auf den Postern beantwortete.

Und nun, wo setze ich mich hin? X, trauriger Smiley, Totenkopf? Nein! Andreas, Leon, Brita, .. keine Andrea .. Aber der Smiley mit Krönchen, der gefiel mir, da ließ ich mich nieder. Inzwischen waren mir schon einige der anderen Teilnehmer gefolgt, schauten genauso verdutzt wie ich, wenn sie ihren Namen nicht entdeckten, andere hatten bald nach Beantwortung der Fragen ihren Platz gefunden, wieder andere mußten wie ich einen „Ersatzplatz“ auswählen.

In der anschließenden Diskussion über die mögliche Bedeutung des gewählten Seminareinstieges, zeigten sich zahlreiche Aspekte, mit denen Flüchtlinge und Menschen mit Migrationshintergrund konfrontiert werden, wenn sie in unser Land kommen. Fremdartige Namen offenbaren demjenigen, der sie nicht kennt, nicht gleich, ob es ein weiblicher oder männlicher Name ist. Gepflogenheiten, die die Einheimischen selbstverständlich ausüben, erscheinen fremden Menschen ungewohnt – andersherum genauso. Von etwas mir Gewohntem auszugehen, kann zu Mißverständnissen führen, sogar beleidigend empfunden werden, obwohl es nicht so gemeint ist.

Schon zu Beginn dieses Seminares stellten wir fest, daß Offenheit, Fremden und Fremdem zu begegnen, wesentliche Voraussetzung ist, um Integration gelingen zu lassen. Die Vielfalt auch unserer Gruppe wurde bei der Beantwortung folgender Fragen sichtbar, denn alle 20 Teilnehmer verteilten sich entsprechend ihrer Antwort im Raum (mit vorgegebenen Himmelsrichtungen): Wo wohnt Ihr? Wo seid Ihr geboren? Wo ist ein Elternteil geboren? Wo ist ein Großelternteil geboren? Wo verbringt Ihr am liebsten Euren Urlaub? Die räumliche Verteilung wechselte ständig und dokumentierte damit, daß jeder immer mal irgendwo fremd gewesen ist. Jeder hat mit seinem individuellen Lebensweg und den bisher durchlaufenen Lebensstationen einen Schatz individueller Erfahrungen, den kein Zweiter auf der Welt hat und deswegen ist der Austausch so enorm wichtig – nicht nur bei so einem Seminar, sondern überall, wo wir anderen Menschen begegnen!

 

Das Kennenlernen der anderen Teilnehmer wurde durch Zweiergespräche eingeleitet, die mit der Vorstellung des jeweiligen Gesprächspartners vor der großen Runde endete. Der zweite Tag begann mit einer sportlichen Einlage auf der Wiese, um die am Vorabend kennengelernten Namen zu wiederholen und einzuprägen. Das Magische Dreieck beeindruckte durch seine Einfachheit. Keine Gesamtkonstellation blieb dauerhaft bestehen und doch blieb jeder mit seinen zwei „geheim gewählten“ Dreieckpartnern „verbunden“ – Vielfalt in besonderer Weise!

Was ist Kultur? Diskussionsbasis waren drei verschiedene Aussagen, die jede in einer Gruppe erörtert wurden. Ergebnis? Kultur ist von Natur aus bunt und in großem Maße davon geprägt, wo und mit wem der Einzelne aufwächst, also seine unbewußte Prägung erfährt. Kultur kann also erworben und weitergegeben werden. Das Gefühl für Kulturzugehörigkeit kann sich verändern, wenn man (gewollt oder ungewollt) in neue/andere Kulturen „eintaucht“ und somit die Lebensweise Veränderung erfährt.

Der Praxisteil in der Sporthalle war mit viel Lachen, Rennen, Spielen verbunden und ein perfektes Beispiel für Vielfalt. Verschiedene Spielideen lassen sich kombinieren und ein neues begeisterndes Spiel entstehen – das heißt: Menschen unterschiedlichster Herkunft treffen aufeinander und agieren gemeinsam, fröhlich, im Wettkampf und doch nicht zu ernst. Hindernisse werden als Einheit überwunden, Aufgaben unter Einbringung individueller Stärken für die Einheit gelöst. Ein Spiel förderte zutage, daß jedermanns innerer Schiedsrichter SEHR unterschiedlich kommuniziert. Von außen kamen „Urteile“, die nicht immer mit den eigenen übereinstimmten.

Gemeinschaft gelingt am besten, wenn wir nicht über andere urteilen, sondern jedem zutrauen, ein gerechtes Urteil über sein/ihr eigenes Tun und Sein zu fällen! Vor dem Tagesabschluß wurden wieder zahlreiche Fragen zu unseren persönlichen Vorlieben oder Eigenheiten gestellt und wir sollten die Gruppenteilnehmer entsprechend einschätzen (wer kocht, gärtnert, gern? mag die Beatles oder lieber klassische Musik? war schon in mehr als fünf Ländern? geht mit der Moder? etc.). Generell ist es nicht so leicht, frisch kennengelernte Seminarteilnehmer einzuschätzen. Die eine oder andere richtige Einschätzung ergab sich aus geführten Gesprächen oder war schlicht weg geraten und hätte genauso schief gehen können. Liegen wir mit unserer Einschätzung hinsichtlich unserer neuen Mitbürger, die zum Teil Grauenhaftes auf der Flucht in die erhoffte Sicherheit erlebt haben, auch manchmal völlig falsch? Suchen wir da nicht eventuell zu wenig die Kommunikation, eine Begegnung, um beiden Seiten die Scheu vor einander zu nehmen?!

Haben Sie schon mal eine Zitrone „unter die Lupe“ genommen? Sieht jede Zitrone wie die andere aus? Bringen Sie mal ein Netz Zitronen nach Hause, jeder nimmt sich eine und legt sie dann wieder in die Schüssel. Finden Sie IHRE Zitrone wieder? Wir haben dieses Experiment mit 20 Personen gemacht und nur zwei Personen hatten ihre Zitrone vertauscht. – Wenn wir genau hinsehen, uns mit offenem Herzen auf den noch fremden Menschen einlassen, erkennen wir ihn immer wieder und verwechseln ihn nicht, denn JEDER Mensch ist EINZIGARTIG. Das gehört zum Grundwissen der Integration! In dem Buch*, das Karsten uns vorstellte und einen Absatz daraus vorlas, sagte der Autor: „Es gibt mehr als eine Version der Realität.“ * “Vom Geist Afrikas – das Leben eines afrikanischen Schamanen“ von Malidoma Patrice Somé. Diese Weisheit macht deutlich, daß Vielfalt das Natürlichste von der Welt ist.

Der dritte Tag führte durch weitere praktische Übungen vor Augen, wie Integration/Vielfalt im Alltag (unbewußt) leider auch blockiert werden kann. Drei Personen wurden aus der Gruppe herausgebeten. Die übrigen Teilnehmer teilten sich in drei Gruppen auf, die Vereinsmitglieder darstellten und mit der Organisation einer Weihnachtsfeier beschäftigt waren. Einzeln kamen die drei Wartenden herein und nahmen Kontakt zu den sich präparierenden Gruppen auf. Die eine Gruppe wehrte sofort ab, mit der Begründung beschäftigt zu sein. Die nächste Gruppe ignorierte den Ankömmling völlig. In der dritten Gruppe fand er dann freundliche Aufnahme.

Alle drei Ankömmlinge machten ähnliche Erfahrung mit mehr oder weniger umfangreichen Gesprächsversuchen, die auf wenig Resonanz stießen. – In Vereinen wird stellenweise gar nicht wahrgenommen, wie wenig einladend oder wie sehr abweisend das Verhalten wirkt und somit verhindert, daß Neumitglieder ins Vereinsgeschehen dazustoßen. Es ist von großer Wichtigkeit, Augen und Ohren zu spitzen, zwischendurch im übertragenen Sinne den Kopf zu heben und mit „neutraler“ Antenne auf Empfang zu gehen, um registrieren zu können, welche Veränderungen sich vor der Tür abspielen und darauf unbefangen zu reagieren.

Da heraus ergab sich die Fragestellung, was Vereine tun könnten, um ihre Willkommenskultur zu fördern und Mitglieder mit Integrationsbedarf zu gewinnen. Alle, das einzelne Mitglied, Mannschaften und auch der Vorstand haben durch ihre Positionen im Verein Ansatzpunkte, in kleinerem und größerem Rahmen Offenheit und Bereitschaft der Aufnahme zu kommunizieren und vorzuleben.

Integrationsveranstaltungen können ausdrücklich das Thema beleuchten und alle Neugierigen einladen, um in Praxis zu erleben, was verbindet. Die Teilnehmer dieser großen Gruppe kannten sich nur zum Teil. Zum Abschluß waren wir EINE Gruppe, in der das Fremde des Anderen nicht mehr fremd, das Eigenartige nicht mehr eigenartig war. Neugier, Offenheit und die Bereitschaft Fremdes ohne Beurteilung sein zu lassen, ermöglicht ein freundliches und begeisterndes Miteinander.


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